BVG: Falschparker bremsen Busse aus

Ein einziges falsch geparktes Auto kann einigen Tausend Menschen den Tag verderben. Wenn es auf einer Busspur steht, kommen viele Fahrgäste zu spät ans Ziel. Schon ein solcher Einzelfall wirkt sich meist gravierend aus. Inzwischen haben es die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) allerdings mit einem Massenphänomen zu tun. Immer öfter werden ihre Busse durch falsch abgestellte Autos ausgebremst.

„Wir werden in diesem Jahr aller Voraussicht nach die Rekordmarke von 8000 Falschparkern auf Busspuren überschreiten“, sagt Bus-Chef Martin Koller. „,Ich bin doch nur kurz Schrippen holen!’ Solche Entschuldigungen müssen wir uns anhören“, erzählt Koller. „Ich finde es sehr erschreckend, dass viele Autofahrer kein Unrechtsbewusstsein haben.“

Noch erschreckender findet er es, dass diese Autofahrer offenbar immer zahlreicher werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 hatte die BVG noch 6691 Fälle registriert, in denen der Verkehr auf Busspuren behindert wurde. Im Jahr 2011 waren es 7383, im vergangenen Jahr 7711. „In diesem Jahr haben wir von Januar bis Ende September bereits 6354 solcher Verkehrsbehinderungen gehabt“, so Koller.

Kontrollen mit Kameras

Schon vor Jahren hat der größte kommunale Busbetrieb Deutschlands, der jährlich mehr als 380 Millionen Fahrgäste befördert, zur Selbsthilfe gegriffen. Weil der Polizei Personal fehlt, die insgesamt 101 Kilometer langen Sonderfahrstreifen regelmäßig zu kontrollieren, hat die BVG Busspurbetreuer eingestellt. Sie sind täglich auf Streife und melden Falschparker der Polizei, die dann meist eine Abschleppfirma anruft. „Zurzeit hat die BVG 18 Busspurbetreuer, wir könnten 30 brauchen“, sagt Koller.

Nicht selten fühlen sich die BVG-Leute an Sisyphos erinnert: Ist ein falsch abgestelltes Auto abgeschleppt, kann schon wenige Minuten später der nächste Falschparker erscheinen. „Das hat damit zu tun, dass im Vergleich zu anderen Ländern nur relativ geringe Bußgelder drohen“, sagt Martin Schlegel, Verkehrsreferent des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Berlin.

In Deutschland kassiert die Polizei je nach Schwere des Falles 15 bis 35 Euro. In London sind es 130 Pfund, umgerechnet mehr als 150 Euro. Dort kontrollieren Kameras, die an Bussen und Straßenrändern montiert sind, die Busspuren. Anlass war, dass die Busse auf ihren Fahrstreifen immer öfter ausgebremst wurden. Inzwischen ist der Verkehr zuverlässiger und pünktlicher geworden – was sich in stark steigenden Fahrgastzahlen zeigt.

In Berlin stagniert die Nachfrage, und die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Busse verharrt bei rund 19 Kilometer in der Stunde. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden nur 87,1 Prozent der Busfahrten als pünktlich registriert. Baustellen blockieren immer länger den Verkehr – was sich in Baustellentagen messen lässt. Koller: „Deren Zahl ist von 2008 bis 2010 enorm gestiegen“, von 28.412 auf 43.923. Im vergangenen Jahr wurden die Hauptstraßen insgesamt 40.611 Tage lang beeinträchtigt. Koller: „In unserer Leitstelle beschäftigen sich jetzt zwei Mitarbeiter nur mit solchen Störungen.“

Vorbild Istanbul

Damit Autos gar nicht erst auf Busspuren gelangen, schlägt der BVG-Manager eine radikale Lösung vor: „In vielen Städten hat es sich bewährt, auf stark frequentierten Nahverkehrsstrecken Straßenbereiche baulich abzutrennen und ausschließlich für Busse zu reservieren. Dort haben die Busse ihre eigenen Bereiche und kommen schnell voran. Das Stichwort lautet: Bus Rapid Transit.“ Beispiele sind Istanbul in der Türkei und Bogotá in Kolumbien. Welche Straßen sich in Berlin eignen, wäre noch zu prüfen, sagt Koller. Doch klar sei: „Was anderswo gut funktioniert, könnte auch in Berlin sinnvoll sein.“