Farbschmierereien machen den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zunehmend zu schaffen. „Morgens haben bis zu fünf Prozent unserer U-Bahn-Züge Graffiti“, sagte Sigrid Evelin Nikutta, die Vorstandsvorsitzende des Landesunternehmens, während einer Diskussion mit Fahrgästen. Angesichts dieser Zahl gehe die BVG in zunehmendem Maße dazu über, auch beschmierte U-Bahn-Wagen durch Berlin fahren zu lassen. Anders wäre es nicht möglich, den Fahrgästen eine ausreichende Zahl von Zügen anzubieten.

„Früher waren wir stolz darauf, keine Züge mit Graffiti einzusetzen“, sagte Nikutta. Wurde eine Schmiererei festgestellt, kam der betroffene Wagen erst einmal zur Reinigung in die Werkstatt. Meist führte das dazu, dass er einige Tage lang keine Fahrgäste befördern konnte. Dieses Verfahren könne man sich heute nicht mehr in allen Fällen leisten, bedauerte die BVG-Chefin. „Wir versuchen, immer die maximale Zahl von U-Bahn-Fahrzeugen einzusetzen.“

Schmierereien werden provisorisch überklebt

Allerdings achte die BVG auch weiterhin darauf, dass die Graffitisprayer nicht die Genugtuung erleben, U-Bahnen mit ihren Werken durch die Stadt rollen zu sehen und fotografieren zu können. Die Schmierereien werden provisorisch mit gelben BVG-Herzen überklebt („Weil wir Dich lieben“), bis Zeit dafür ist, die Farbe in der Betriebswerkstatt zu entfernen, sagte Nikutta.

Bei der Opposition des rot-rot-grünen Senats stieß das neue Verfahren, das Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) in der Abendschau des rbb rechtfertigte, auf heftige Kritik. Graffiti-Züge seien „unzumutbar“, kritisierte der CDU-Verkehrspolitiker Oliver Friederici. „Was ist das für eine Schmierenkomödie, wenn Wirtschaftssenatorin Pop ernsthaft Graffiti-Züge weiter ungereinigt fahren lassen will. Berliner und Gäste unserer Stadt zahlen nicht dafür, in verschmierten Wagen befördert zu werden“, sagte er.

„U-Bahnen mit Graffiti einfach weiterfahren zu lassen, wie Senatorin Pop es vorschlägt, ist eine Kapitulation vor dem Vandalismus“, so der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt. „Es schadet auch dem Nahverkehr, da beschmierte Wagen Benutzer abschrecken.“ Die BVG sollte mehr Ressourcen erhalten, um Graffiti künftig schneller zu beseitigen.

Dreistellige Zahl von Wagen nicht einsatzfähig

Würde die BVG das bisherige Verfahren weiterhin in allen Fällen anwenden, wäre der Fahrzeugmangel bei der U-Bahn allerdings noch gravierender spürbar als jetzt. „Der U-Bahn-Betrieb erfolgt statt nach Fahrplan mittlerweile weitgehend zufällig“, ärgerte sich der bisherige BVG-Stammkunde André Casper, der während der vom Fahrgastverband IGEB organisierten Veranstaltung ankündigte, sein Abonnement zu kündigen. Nutzer der U-Bahn-Linie U1 beschweren sich darüber, dass die Züge auf dieser Strecke meist nur noch aus vier Wagen bestehen. BVG-Mitarbeiter berichten, dass Tag für Tag eine dreistellige Zahl von Wagen nicht einsatzfähig sei. Zwar würden neue Züge der Baureihe IK geliefert, aber auch sie könnten nicht alle fahren – es fehle an Fahrpersonal, mit der Ausbildung neuer Mitarbeiter liege man zurück, sagte ein Insider.

Es gelte aber festzuhalten, dass die U-Bahn-Flotte wächst, hieß es bei der BVG. „Verstärkung ist unterwegs“, sagte Nikutta. Die Baureihe IK wachse auf 160 Fahrzeuge an. Von den älteren Baureihen F74 und F76 seien 130 Fahrzeuge technisch auf Vordermann gebracht worden. Nur zu gern hätte die BVG auch die F79-Züge „ertüchtigt“, wie die Techniker dies formulieren. Doch wie berichtet sei das bei diesen Zügen, deren Wagenkästen aus Aluminium bestehen, nicht möglich. Berichten zufolge musste bislang eine einstellige Zahl von F79 wegen irreparabler Schäden abgestellt. Nikutta berichtete dagegen, dass der Betriebsleiter bereits 28 Wagen dieser Baureihe wegen Schäden „dauerhaft stillgelegt“ habe.