Wer findet den Fahrgast? Ein Zug der U-Bahn-Linie U5 im Alexanderplatz. Normalerweise herrscht hier rund um die Uhr Gedränge.
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BerlinDie Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben eine erste Zwischenbilanz zur Corona-Krise gezogen. „Die Fahrgastzahlen sind um 70 bis 75 Prozent zurückgegangen“, sagte Betriebsvorstand Rolf Erfurt der Berliner Zeitung. Die Fahrgeldeinnahmen seien zum Teil sogar noch stärker gesunken: „quer durch all unsere Tarifangebote bis zu 90 Prozent“. Doch obwohl das Fahrgastaufkommen abimmt, gibt es immer wieder Beschwerden, dass es manchmal doch noch zu voll ist. Fahrgäste fürchten mittlerweile Gedränge, weil sie sich nicht anstecken wollen. Werden sie zur BVG zurückkehren, wenn die Krise vorbei ist und die Züge wieder voller werden?

Viele Berufstätige arbeiten jetzt zu Hause, im Homeoffice. Rolf Erfurt nicht: „Auch in diesen Tagen bin ich viel im Unternehmen unterwegs“, sagt der 47 Jahre alte Kaufmann, der seinen Chefposten bei der BVG im vergangenen Oktober bezog.  „Ich spreche mit den Kolleginnen und Kollegen auf unseren Höfen und kläre Fragen direkt vor Ort. Dies ist mir gerade jetzt persönlich ganz besonders wichtig. Übrigens sind alle unsere operativen Führungskräfte vor Ort. Selbstverständlich beachten wir dabei alle Regeln zum Umgang mit dem Virus - wir halten Abstand, schütteln keine Hände und so weiter. Viele der natürlich weiterhin notwendigen Besprechungen finden aber nur noch per Telefon- oder Videokonferenz statt.“

Täglich treffen neue Daten ein, die zu bewerten sind. Zwar hält sich die Zahl der Mitarbeiter, die positiv auf das Coronavirus getestet worden sind, zumindest derzeit in Grenzen – bislang wurden drei Fälle bekannt, bei insgesamt fast 15.000 Beschäftigten im Konzern.

Bis zu 25 Prozent der BVGer haben sich krank gemeldet

Doch der Krankenstand bei dem Landesunternehmen ist deutlich gestiegen, berichtet Rolf Erfurt. „Im März liegt er über das gesamte Unternehmen verteilt bei rund 15 Prozent. Je nach Berufsgruppe variiert er dabei aber stark und liegt zwischen 13 und  25 Prozent.“ Die Zahlen sind höher als bei einer Grippewelle, gegenüber dem bisherigen Durchschnitt sogar fast doppelt so hoch.

Zwar sind die Fahrgastzahlen auf 25 bis 30 Prozent gesunken, trotzdem wird die BVG immer noch täglich für rund 800.000 Fahrten genutzt, hieß es. Davon entfallen zirka 450.000 auf die U-Bahn, so der BVG-Manager. „Die größten Rückgänge gibt es in den zentralen Stadtgebieten wie Mitte, Tiergarten und Kreuzberg“, berichtet er. Auch in den Bussen, die zu den Flughäfen Tegel und Schönefeld fahren, sei es leer geworden. „Die geringsten Rückgänge verzeichnen wir in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen.“

Die U5, die dorthin fährt, gehört zu den Linien, deren Fahrgäste sich über volle Wagen beschweren. Die BVG setze die Gesundheit der Fahrgäste aufs Spiel, klagte eine Nutzerin, die regelmäßig gegen 6.20 Uhr an der Magdalenenstraße zusteigt. „Die U-Bahn kommt bereits sehr voll an. Die Sitzplätze sind fast alle besetzt, und die Stehplätze sind auch gut genutzt. Der empfohlene Sicherheitsabstand ist so überhaupt nicht einzuhalten.“

Fahrgäste ärgern sich über zu volle Fahrzeuge

Ein BVG-Fahrgast aus Spandau, der gegen 5.30 Uhr mit dem Bus 137 zur Arbeit fährt, ärgert sich über die kleinen Fahrzeuge. „Es wird so eng, dass sich die Türen kaum noch schließen lassen“ – in Coronazeiten!

Die BVG hat ihr Fahrtenangebot verringert, bestätigt Erfurt. Doch mit 13 Prozent blieb die Reduzierung hinter der Abnahme der Fahrgastzahlen zurück. Auch wurde auf Kritik reagiert und das Angebot wieder aufgestockt. „Bei der U-Bahn setzten wir in der Hauptverkehrszeit Verstärkerzüge ein, um den Fahrgästen möglichst viel Platz anbieten zu können“, so der Betriebsvorstand. Auch im Busbereich wurde nachgesteuert, frühmorgens gebe es mehr Fahrten. Generell gelte: „Wir beobachten die Nachfrage auf unseren Linien durch Verkehrszähler, die Leitstellen und automatische Zählgeräte.“ Werde es irgendwo zu voll, werde reagiert.

Wie berichtet hat die BVG zuletzt fünf Buslinien eingestellt  - X36, X49, 218, 291 und 380. Weitere Einschränkungen seien aber aktuell nicht geplant, so Erfurt. „Derzeit sind keine weiteren Einstellungen vorgesehen“, betont er. Stattdessen seien Verbesserungen in Sicht: „So sind wir dabei, beispielsweise die Anzahl der Verstärkerfahrten bei der U-Bahn zu erhöhen. Ebenso im Blick haben wir eine Verstärkung einzelner Busverbindungen zu den Krankenhäusern, insbesondere zum Schichtwechsel.“

Es geht nicht um Kosteneinsparungen

Allerdings bittet die BVG ihre Fahrgäste um Mithilfe. Sie könnten überlegen, ob sie auf frühere oder spätere Fahrten ausweichen. Erfurt erinnert auch daran, sich beim Einsteigen auf die ganze Länge der Bahn zu verteilen.

„Um es klar zu sagen: Die Anpassungen unserer Leistung haben wir nicht aus wirtschaftlichen Gründen vorgenommen“, so BVG-Manager Rolf Erfurt. „Wir müssen in der aktuellen Situation mit Bedacht mit unserem Personal und Material umgehen und können nicht auf Verschleiß fahren.“

Noch gilt in Deutschland auch für den Nahverkehr keine Pflicht, Atemmasken zu tragen. Tilmann Heuser, Berliner Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), hält das aber für notwendig. "Der Nahverkehr ist ein Leidtragender der Corona-Krise, da ihn nun wegen des vermuteten höheren Infektionsrisikos viele Menschen meiden", sagte er der Berliner Zeitung. "Da viele Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Ansteckungen noch längere Zeit gelten werden, wäre es wichtig, für den Nahverkehr ein gezieltes Programm zur Vermeidung von Infektionsrisiken zu entwickeln." 

BUND-Landeschef für Maskenpflicht im Nahverkehr

Wichtig wäre nicht nur, auf Angebotseinschränkungen möglichst zu verzichten. Nötig wäre auch eine Schutzmaskenpflicht für alle zur Reduktion des Infektionsrisikos, forderte Heuser.  "Dabei geht es vor allem darum, andere Menschen vor einer Infektion zu schützen." Masken, die derzeit dringender im medizinischen Bereich benötigt werden, bräuchten dafür nicht verwendet werden. "Inzwischen produzieren mehrere Hersteller Masken, Bastelanleitungen für den Selbstbau gibt es auch, und im Zweifelsfall reicht auch ein Schal."

Wie berichtet steht der Berlkönig, der Ride-Pooling-Fahrdienst der BVG und ihres Partners ViaVan, dem allgemeinen Publikum derzeit nicht zur Verfügung. Die Limousinen befördern ausschließlich Ärzte, Krankenschwester und andere Mitarbeiter des Gesundheitssystems, die sich für das Gratisangebot auf der App bewerben können. Die Offerte werde „sehr gut angenommen“, berichtete Erfurt. „Bisher hatten wir mehr als 900 Anmeldungen für die Berlkönig-Sonderfahrten, mit denen wir zwischen 21 und 5.30 Uhr kostenlos und exklusiv ärztliches Personal, Pflegepersonal, medizinische Fachangestellte und Rettungskräfte zu oder vom Dienst fahren. Dieses kostenlose Angebot ist bis zum 19. April geplant.“

Werden der BVG dauerhaft Fahrgäste verloren gehen, weil nach der Corona-Krise viele im Homeoffice bleiben? Weil Berliner keine Lust auf Gedränge mehr haben? „Ich glaube nicht, dass man dies heute schon seriös einschätzen kann“, sagt Erfurt. „Sollten tatsächlich mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten, sind sie doch trotzdem gern in der Stadt unterwegs.“ Viele Menschen würden an ihre Arbeitsstätten zurückkehren, und auch Schüler und Studenten möchten mobil bleiben. So viel steht fest, meint der Manager: Die BVG werde auch weiterhin gebraucht.