Weder die Kälte noch das lange Warten scheinen den Sneaker-Campern vom Schlesischen Tor in Kreuzberg irgendetwas anhaben zu können. Manch einer von ihnen hat bereits Sonntag sein Lager vor dem Kreuzberger Schuhgeschäft „Overkill“ aufgeschlagen, wo am Dienstag 300 Exemplare der limitierten BVG-Sneaker verkauft werden. Die anderen 200 sind im Adidas-Shop in der Münzstraße erhältlich. 

Schon vorab sorgte die Kollaboration von BVG und Adidas für geteilte Meinungen bei Facebook und Twitter. Während viele Nutzer den Schuh für einen gelungenen Werbe-Gag halten, kritisiert vor allem der Fahrgastverband IGEB die Marketingaktion.

Davon ist vor Ort allerdings kaum etwas zu spüren. Die auf dem Gehweg vor dem Laden herrschende Atmosphäre erinnert ein wenig an den Eingang einer Bahnhofsmission: Viele kleine Grüppchen sitzen in Schlafsäcken eingemummelt in einem Kreis und wärmen sich mit Tee, Dosensuppen und Wodka. Zwei junge Männer haben sogar eine Wasserpfeife mitgebracht und blasen von ihren Campingstühlen aus Rauch in die frostige Kreuzberger Luft.

„Wo gibt es denn sowas?“

Doch bei allem Anschein der Unordnung behält hier ein Mann den Überblick. Steven F. aus Berlin wird von den campierenden Sneaker-Verrückten ehrfürchtig „der Listenmeister“ genannt und war der erste von ihnen vor dem Laden. Er nimmt die Namen aller Wartenden auf, führt alle paar Stunden Checks durch und streicht jeden von der Liste, der nicht mehr anwesend ist. Für ihn ist es nicht der erste Campingaktion dieser Art. Er und seine Freunde sind schon seit Jahren dabei und haben schon für den ein oder anderen seltenen Schuh auf der Straße übernachtet.

Diesmal ist F. aber mit seinem Auto vor Ort, in dem er immer mal wieder die Heizung anmacht. Die Gründe, warum so viele Menschen vor einem Laden auf den Verkauf eines Paar Schuhe warten, sind für ihn ganz offensichtlich. „Die einen finden die Schuhe schön, andere wollen mit ihnen Profit im Internet machen, aber vor allem die integrierte Fahrkarte ist das absolute Highlight. 180 Euro für ein Jahresticket – wo gibt es denn sowas?“

Fast alle Plätze auf seiner Liste sind Montagmittag schon vergeben gewesen. Er zählt bereits 230 Namen. Dabei sind vom Schüler bis Rentner alle Altersklassen vertreten. Fotografiert werden möchte F. nicht. Denn für das Abenteuer hat F. sich extra krankschreiben lassen, verrät er mit zwinkerndem Auge.

Stärkung für die Sneaker-Veteranen

Doch es sind längst nicht nur Berliner, die mit dem Turnschuhfieber infiziert sind. Andreas Leu ist extra aus Leipzig in die Hauptstadt gefahren, um eines der Paar Schuhe abzustauben. Dabei verlief seine Anreise alles andere als reibungslos. Mitten auf der Autobahn blieb er mit seinem Fahrzeug liegen. Doch Aufgeben kam für den Familienvater nicht in Frage.

„Ich bin in einen Wald gefahren und habe den Wagen repariert. Sonntag um 18 Uhr war ich dann hier.“ Die Schuhe will er, wie viele andere Camper es vorhaben, auf gar keinen Fall für mehr Geld im Internet weiterverkaufen. Das Modell bekommt bei ihm zuhause einen ganz besonderen Platz in seiner Sneaker-Vitrine, wo bereits andere seltene Turnschuhpaare stehen.

Dienstagvormittag soll das Warten dann für die geduldigen Sneakerheads, wie sie im Fachjargon genannt werden, dann endlich ein Ende haben. Ab 11 Uhr werden die Schuhe offiziell verkauft. Ganz vorne mit dabei wird auch Listenmeister Steven F. stehen, der jeden Namen einzeln aufrufen wird. Anschließend findet ein vom Laden veranstaltetes Frühstück statt, bei dem sich die Sneaker-Veteranen nach den Strapazen der letzten Tage stärken können.