Ich kapituliere. Die BVG streikt, und zwar so richtig. Nicht so wie ich es kenne, dass wenigstens alle 30 Minuten ein Zug fährt, in den man sich noch irgendwie hineinquetschen kann - "Ja, Chef, ich komme viel zu spät, aber ich habe einfach nicht in die erste Bahn gepasst". Nein, diesmal ist es ein Streik mit allem Drum und Dran: geschlossenen U-Bahnhöfen, einem Massenandrang auf Carsharing-Wagen und Leihfahrräder. Zum ersten Mal in den zehn Jahren, die ich schon in Berlin wohne, bereue ich ehrlich, kein Fahrrad zu haben, ernte aber von Kollegen nur verständnislose Blicke - wie kann man auch seit zehn Jahren ohne Fahrrad in Berlin wohnen?

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Der Gedanke an die Alternativ-Route via S-Bahn ist ein Graus. Das Gefühl, eine Sardine in der Konserve zu sein, habe ich ohnehin schon jeden Morgen in der U5 und das bei Regelbetrieb der BVG. Ich denke fünf Minuten darüber nach, wie viele Menschen wohl in einen S-Bahn-Waggon passen bis einer erdrückt wird und vor meinen geistigen Auge erscheinen Bilder sogenannter "Drücker", die in Tokyo so viele Passagiere in die Bahn quetschen bis diese fast aus allen Nähten platzt. Nicht mit mir! Ich beschließe: Ich werde zur Arbeit laufen.

Von Frankfurter Allee bis Spittelmarkt. Das ist normalerweise der Weg, den ich täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklege. Die Karten-App auf dem Smartphone berechnet einen Katzensprung von 68 Minuten Fußweg. Ich werde so früh los müssen, dass die Sonne mit mir zusammen gehen wird - sie auf und ich ins Büro. 

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Die Fahrrad fahrenden Kollegen lachen mich aus, aber ich stelle fest: Seit ich den Entschluss gefasst habe, das Streik-Chaos einfach gänzlich und wortwörtlich zu umgehen, bin ich entspannt. Es gibt zahlreiche Anreize für den Gang zur Arbeit. 

10.000 Schritte sind gut für die Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, mindestens etwa 10.000 Schritte zu tun. Zugegeben, täglich, vielleicht ist heute also nur ein Anfang. Das soll fit halten, gute Laune versprechen und das Risiko für Altersdiabetes, Krebs und sogar Alzheimer senken. Ärzte debattieren zwar darüber, ob das in diesem Ausmaß wirklich stimmt, aber grundsätzlich leuchtet mir das schon ein - mehr Bewegung ist besser als keine. Und ich komme, bei normaler Bewegung und Bürojob, im Schnitt auf 7000 Schritte pro Tag, sagt meine Handy-App. Da ist Luft nach oben!

Gegen Streik-Frust: Beim Gehen kann man meditieren

Außerdem habe ich herausgefunden, dass es etwas gibt, das sich Geh-Meditation nennt. Om to go sozusagen. Dafür gibt es im Internet zahlreiche, mal mehr, mal weniger alltagstaugliche Anleitungen. Ich kann beim Gehen zum Beispiel einen „Bodyscan“ durchführen, mir nach und nach verschiedene Körperteile bewusst machen. Wie fühlt sich der Fuß an, wenn er über den Boden rollt? Wie der Arm, der bei jedem Schritt mitschwingt? Oder das Atmen bei jedem Schritt zählen.  Fortgeschrittene Meditierende unterteilen jeden einzelnen Schritt sogar in mehrere Atemzüge. Also: Ferse vom Boden – einatmen, ausatmen. Fuß in der Luft – einatmen, ausatmen. Fuß aufsetzen – einatmen, ausatmen. Gut, das ist wohl eine der weniger alltagstauglichen Methoden. Das mit dem Meditieren beim Gehen ist in der Stadt allerdings gar nicht so unproblematisch.  Allzu ausschließlich sollte man sich angesichts drohender Verkehrsgefahren wohl nicht auf den schwingenden Arm konzentrieren. Wer aus dem Berliner Umland durch die Landschaft des Speckgürtels anmarschiert, ist hier klar im Vorteil.

Beim Gehen lässt sich noch was lernen

Außerdem kann ich bei diesem langen Weg von einer Stunde endlich auch einmal meine lange Liste an bislang nicht gehörten Podcasts abarbeiten. Die Podcast-Welt wird immer vielfältiger, bei Anbietern wie Soundcloud, iTunes oder Spotify findet sich für jede Weglänge etwas. Wer es nicht weit zur Arbeit hat, findet beim Podcast "GEDANKENtanken" zum Beispiel inspirierende Folgen von meistens 20 bis 25 Minuten Länge und Titeln wie "So denken erfolgreiche Menschen" oder "Wie du Kraft aus deinem Schmerz schöpfst" oder hört sich den Podcast "Berlin Mitte" unseres Chefredakteurs Jochen Arntz an - der kommt frisch am Freitagmorgen auf die Website der Berliner Zeitung. Wer einen längeren Fußmarsch von 40 bis 60 Minuten vor sich hat, kann sich mit geschichtlichen Informationen und spannenden History-Stücken berieseln lassen, beispielsweise in "eine Stunde History" vom Deutschlandfunk Nova oder "zeitsprung", bei dem Richard Hemmer und Daniel Meßner in jeder Folge ein anderes historisches Ereignis erzählen. 

Wer geht, kommt gelassener im Büro an als S-Bahn fahrende Kollegen

Zu guter letzt birgt mein Plan aber ein ganz entscheidendes Argument. Wer ins Büro geht, kommt am Freitag sehr wahrscheinlich gelassener dort an als S-Bahn fahrende Kollegen. Das Wetter soll gut werden - sonnige 12 Grad - und frische Luft und Bewegung heben die Stimmung. Dazu noch der passende Soundtrack und uns kann nichts mehr aufhalten.

Auf Spotify haben wir eine Playlist passend zum Thema zusammengestellt. Damit wer außer mir sonst noch zur Arbeit geht ganz einfach "walking on sunshine" grinsend winkend an überfüllten S-Bahnhöfen vorbeischweben kann.