Berlin - Die erste Etappe des Milliardenprojekts ist geschafft, und die Verantwortlichen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) machen einen zufriedenen Eindruck. Bis Montag konnten Fahrzeughersteller, die an einer der größten Ausschreibungen in der Geschichte des Landesunternehmens teilnehmen wollen, ihr Interesse bekunden. „Wir sind freudig überrascht“, teilt Sprecherin Petra Reetz nun mit.

„Das Interesse war überraschend groß“, berichtet sie. Es sei eine „große Menge“ an Reaktionen eingegangen. Verwunderlich ist das nicht: Nach jetzigem Stand will die BVG über zehn Jahre hinweg 1050 U-Bahn-Wagen und 117 Straßenbahnen kaufen. Damit nicht genug: Wer die Aufträge erhält, soll auch einige Werkstattleistungen übernehmen und zudem 32 Jahre lang die Ersatzteilversorgung sicherstellen.

Die Branche ist elektrisiert. „Siemens plant, sich an der Ausschreibung zu beteiligen und hat fristgerecht Interesse bekundet“, sagt Siemens-Sprecherin Ellen Schramke. „Es handelt sich um eine der größten geplanten Ausschreibungen für Nahverkehrsfahrzeuge in Europa“ – sehr attraktiv. Ähnlich die Reaktion von Bombardier Transportation: „Bombardier möchte sich an beiden Ausschreibungen beteiligen“, teilt Sprecher Andreas Dienemann mit.

Sicherere Stellen bei Bombardier

Bei Bombardier droht der Wegfall von Arbeitsplätzen – unter anderem in Hennigsdorf bei Berlin, in Görlitz und Bautzen. Könnte ein Großauftrag von der BVG Stellenstreichungen verhindern? „Ein Erfolg bei einer oder beiden Ausschreibungen hätte zweifelsohne positive Auswirkungen auf die nachhaltige Auslastung einzelner deutscher Standorte“, so Dienemann. „Dies umfasst Kapazitäten für Konstruktion, Fertigung und Wartung der Fahrzeuge.“

Auch Stadler Pankow und Alstom teilten mit, dass sie Interesse haben. „Diese Ausschreibung ist von einem besonderen Kaliber. Nicht nur wegen ihres großen Volumens und ihrer Bedeutung für den Nahverkehr, sondern auch, weil es hier um Berlin geht – das Schaufenster für Deutschland“, sagt Ben Möbius, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bahnindustrie in Deutschland (VDB).

Allerdings gibt es auch leise Kritik: „Wir haben erstaunt zur Kenntnis genommen, dass die Lieferanten nicht auch die gesamte Wartung und Instandhaltung gewährleisten sollen – wie es in anderen Ländern längst üblich ist. Nach dem jetzigen Stand sind sie außer für die Lieferung der Fahrzeuge nur für die Ersatzteilversorgung, die Beseitigung von Unfall- und Vandalismusschäden sowie für Teile der Instandhaltung zuständig. Aber vielleicht wird sich das im Laufe des weiteren Verfahrens noch ändern.“

Die meisten Wagen sind älter als 25 Jahre

Für die Stadt seien die Vergabeverfahren wichtig, so Möbius. „Berlin bekommt U- und Straßenbahnen, die noch schicker aussehen, noch komfortabler sein werden und Energie noch effizienter verwenden werden als die heutigen Fahrzeuge.“

Berlin ist eine Nahverkehrs-Metropole. Allein die BVG wurde 2016 für 1,02 Milliarden Fahrten genutzt. Die U-Bahn-Flotte ist allerdings schon ziemlich betagt. Weil zu wenig investiert wurde, hat das Durchschnittsalter der Wagen längst die 25-Jahre-Marke überschritten. Auf den Linien U 5 bis U 9, die breitere Tunnel haben, ist der Fahrzeugmangel besonders deutlich spürbar. Darum sind von den mehr als tausend neuen U-Bahn-Wagen 704 für die Großprofilstrecken bestimmt.

Bieten Japaner und Chinesen mit?

„Wir sind der Meinung, dass die Fahrzeuge des Hauptstadt-Verkehrs Made in Germany sein sollten“, sagt Möbius. „Aber natürlich gibt es auch Interesse ausländischer Anbieter.“

Offizielle Aussagen gibt es dazu nicht. Branchenexperte Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, hält das für möglich. „Ich finde es nicht verwunderlich, dass sich in der ersten Stufe des Verfahrens so viele Unternehmen melden“, sagt er. „Die entscheidende Frage ist: Was passiert bei den nächsten Schritten? Werden auch ausländische Anbieter wie Hitachi aus Japan, Hyundai Rotem aus Südkorea oder CRRC aus China Angebote einreichen? Bei einem Auftrag dieses Volumens wäre das denkbar und wünschenswert.“

Für die Region müsse das nicht negativ sein: „Die Politik möchte immer erreichen, dass ein erheblicher Teil der Produktion in der Region erfolgt – obwohl dies im Widerspruch zum EU-Recht steht. Ich gehe davon aus, dass nur solche Anbieter eine Chance haben, die entweder bereits ein Werk in der Region haben oder die bereit sind, für einen solchen Auftrag ein Werk zu bauen.“