Eine volle U-Bahn als einzigartiger Wert – ob das die Unesco überzeugt? 
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BerlinIst das wirklich ernst gemeint? Hat das Chancen? Oder ist das Ganze nur ein weiterer Marketing-Gag, der seinen Schöpfern in der Werbewelt weitere Anerkennung verschafft – die Kundschaft, die in vollen Bahnen schwitzen muss, allerdings zusätzlich vergrätzt? Wenn man Petra Nelken von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) fragt, fällt die Antwort unmissverständlich aus.

„Natürlich ist das ernst gemeint. Natürlich soll die BVG Weltkulturerbe werden“, sagte die Sprecherin am Montag. Kurz zuvor hatte das Landesunternehmen bekannt gegeben, dass es sich bei der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, der Unesco, um diesen Status bewerben möchte. Die UN-Organisation äußerte sich nicht.

BVG: Kulturgut der Herzen

Die BVG weiß schon, wie viele Reaktionen ausfallen werden: „Seid Ihr komplett bescheuert?“ Die Antwort lautet: „Wir machen es trotzdem.“ Dennoch werden die Berliner nun im Internet gefragt: „Du hast die Wahl: Willst du, dass wir Weltkulturerbe werden?“ – das steht seit Montag auf www.bvg.de/weltkulturerbe.

Bis zum späten Nachmittag hatten mehr als 12.000 Menschen ihre Zustimmung geklickt. Ihnen erscheint der Gedanke, die BVG in einer Reihe mit der Inkastadt Machu Picchu oder dem indischen Mausoleum Taj Mahal zu sehen, nicht abwegig. Auch in Social Media gab es Lob. „Kraiiiisch... Ich unterstütze das voll und ganz“, twitterte eine Person, die sich „Muggeseggele“ nennt.

Aber warum soll der größte kommunale Nahverkehrsbetrieb in Deutschland überhaupt Weltkulturerbe werden? Ist es die Wagenflotte der U-Bahn, die mit durchschnittlich fast 30 Jahren ein für diese Branche biblisches Alter erreicht hat? Liegt es daran, dass an maroden U-Bahnhöfen wie Bismarckstraße gefühlt schon fast so lange herumlaboriert wird wie einst am Kölner Dom, der ebenfalls zum Welterbe zählt?

Die BVG bleibt da ziemlich vage, Sprecher Markus Falkner ist da auch keine Hilfe. „Das soll jeder für sich selbst entscheiden“, sagte er. Auf der neuen Internetseite heißt es: „Seit Jahrzehnten sind wir für dich da und bringen dich immer an dein Ziel. Manchmal sogar pünktlich. Für uns ist deshalb klar: Wir sind das Kulturgut der Herzen! Aber zur Sicherheit fragen wir lieber noch einmal nach.“

Stabilität in einer Stadt des Wandels

Ein 116 Sekunden langer Imagefilm lenkt das Thema auf die Wellen der Veränderungen, die in Berlin gerade stattfinden. Hipster schlüpfen in Adiletten – und machen deren bisherigen Trägern optisch Konkurrenz. In immer mehr Cafés spricht das Bedienpersonal englisch und nur englisch – was Einheimische, die damit leider nicht dienen können, nervt. Jeden Tag ein neuer Trend und die Gelegenheit, sich neu zu erfinden – so ist diese Stadt, heißt es weiter. „Doch zum Glück gibt es einen Ort, an dem Berlin noch Berlin ist“. Eine „unerschütterliche Konstante“, ein Hort der Beständigkeit: die BVG.

Sie halte Berlin munter: Ein Busfahrer ruft einem essenden Fahrgast zu, dass das hier kein Speisewagen ist, „Du Flitzpiepe!“ Sie halte Berlin in Bewegung – im Film läuft ein Mann hinter einem Bus her. Die BVG sorge auch für menschliche Nähe – der Film zeigt Fahrgäste, die im Gedränge genervt die Augen rollen.

Wer zum Weltkulturerbe zählt, muss sich Kontrollen unterziehen und darf nicht frei schalten und walten. Doch auch das sieht Petra Nelken völlig unproblematisch: „Mit Denkmalschutz haben wir Erfahrungen.“

Was ist also von der Aktion zu halten? Einerseits stimmt es, dass ein Massentransporteur mit 1,1 Milliarden Kunden pro Jahr es nicht allen Recht machen kann. Klar ist auch, dass man in einer Stadt wie Berlin nicht alles ernst nehmen kann. Weil Berlin einen veränderungsresistenten Kern hat, sind Gelassenheit und Humor schon mal eine gute Idee.

Nicht zum Lachen

Andererseits ist es aber sicher auch richtig, dass vieles bei der BVG nicht witzig ist, weil es von Politikern und anderen Menschen voller Ernst in Kauf genommen oder verursacht wurde. Dass Investitionen lange vernachlässigt wurden, dass das Busspurnetz kaum gewachsen ist und dass die BVG erst ab 2020 Falschparker abschleppen darf – das sind menschengemachte Probleme, über die Fahrgäste nicht lachen können.

Die jüngste Marketingkampagne der BVG soll davon ablenken, und sie soll jene, die nun mit drögen Fakten kommen, als langweilig diskreditieren. Auch sie wird ihre Ziele erreichen und das BVG-Image aufbessern. Aber nicht bei allen Berlinern.