Für viele Menschen in der DDR blieb ein Besuch des Café Moskau ein Traum. Denn das rechteckige Gebäude mit dem nüchternen Schriftzug auf der Karl-Marx-Allee war ein Ort, an dem man etwas mehr Geld brauchte, um feiern und essen zu können. Das von Josef Kaiser und Horst Bauer entworfene, 1964 gebaute Café war einer der architektonischen Hingucker des Regimes. Damals war das Café Moskau ein Nachtclub und eines von sieben sogenannten Nationalitätenrestaurants Ost-Berlins. Budapest, Bukarest und wie sie alle hießen, gibt es längst nicht mehr. Sie haben die Wendezeit nicht überstanden, nur das Café Moskau trägt heute noch seinen Namen– und seit einigen Wochen wird hier auch wieder mal getanzt.

Für Simone Rose (45) und Viola Missbach (45) war ein Besuch zu DDR-Zeiten undenkbar. Sie sind heute, an einem Sonnabend im Dezember, zum ersten Mal hier. Von einer opulenten Ledercouch aus beobachten sie das Treiben an der Bar und auf der Tanzfläche. Es sei schön, dass der Club Moskau wieder geöffnet sei, sagt Simone Rose. „Jetzt hat es wieder zur alten Bestimmung gefunden.“ Nur die Musik gefalle ihr heute Abend nicht. Anstatt der neuesten Hits von Rihanna und Katy Perry würde sie lieber Musik von „damals“ hören.

Der Mehrheit der Gäste aber scheint der stampfende Mix aus aktueller Popmusik zu gefallen. Um 1.30 Uhr ist der Club halb gefüllt und die Tanzfläche voll ausgelassen Feiernder. Sechs Mädchen in hochhackigen Schuhen und knappen, schwarzen Kleidern tanzen mit Sektgläsern in den Händen. Sie genießen die Blicke der älteren, breit gebauten Herren mit den gegerbten Gesichtern und den teuren Hemden von La Martina.
Währenddessen lehnt Oliver Rübenkamp am Tresen neben der Tanzfläche und nippt am Drink. Der 42-jährige Pächter des gesamten Gebäudes, wirkt etwas übernächtigt. Das könnte daran liegen, dass er auch das E4 betreibt – einen Club an dem für seine Nachtleben-Pleiten berüchtigten Potsdamer Platz. Vor ihm waren in den selben Räumen mehrere Gastronomen gescheitert. Bis Rübenkamp mit seinem offensiv auf Mainstream gebürsteten Programm kam.

Mainstream, sonst nichts

„Wie das E4 wollen wir den Club Moskau am Mainstream orientieren“, sagt er. „Wir wollen uns einem breiten Publikum öffnen und kein Schickimicki mit überteuerten Preisen.“ Mit musikalisch ambitionierten Läden wie dem Berghain wolle er sich nicht messen.

Rübenkamp managt dieses Gebäude wie ein Unternehmen. Das äußert sich auch in seiner Wortwahl, wenn er die fürs nächste Frühjahr geplante Afterwork-Partyreihe als „Add-On“ für den Club bezeichnet. Und auch sonst ist so gar nichts von dem Idealismus mancher Berliner Club-Betreiber zu spüren. Bevor Rübenkamp das Café Moskau leitete, arbeitete er als Manager der Fischauktionshalle in Hamburg und für die Messe Berlin.

Ihn ärgert manche Berichterstattung über ihn und seinen Club. Natürlich könne er verstehen, dass das Moskau für viele Menschen nostalgischen Wert habe, „trotzdem müssen wir mit den Kosten zurechtkommen.“ Vergessen werde bei all der Kritik auch, dass er schon künstlerisch anspruchsvolle Veranstaltungen in dieses Gebäude geholt habe, etwa die Fotoausstellung „Metronaut“, die ungewohnte Bilder aus der Moskauer U-Bahn zeigte. Und auch die Berlinale habe hier schon gefeiert. Das große Geld aber lieferten Veranstaltungen wie die russische Nacht „Rendezvous“ und die seit November immer sonnabends stattfindende Clubnacht des Radiosenders 104.6 RTL. „Wir können eben nicht als karitative Einrichtung funktionieren“, sagt Rübenkamp.

Gemietet hat er die Räume vom US-deutschen Milliardär Nicolas Berggruen, der das denkmalgeschützte Gebäude 2007 von der TLG (Treuhandliegenschaftsgesellschaft) für eine offiziell nicht bekannte Summe kaufte. Die Rede ist von mehr als zehn Millionen Euro. 1987 war Berggruen zum ersten Mal hier, angeblich hatten es ihm der Charme des Gebäudes und das russische Essen sofort angetan. Berggruen hat das Gebäude kernsanieren lassen. „Uns war wichtig, dass sein Charakter erhalten bleibt“, sagt Mieter Rübenkamp.

Räume wie aus Agentenfilmen

Neben dem aufwendigen Mosaik an der Fassade ist auch der Sputnik-Satellit auf dem Dach erhalten geblieben. Selbst der lederne Handlauf, der aussieht wie eine runzlige Reptilienhaut und nach unten in die Clubräume führt, stammt aus den 60ern. Kurios ist auch der vom Clubraum abgetrennte Raucherbereich. Der könnte mit seinen verspiegelten Scheiben auch die Requisite aus einem Agentenfilm sein.
Die jüngsten Gäste an diesem Abend, ein Grüppchen Abiturienten aus Lankwitz, scheint die Geschichte des Ortes nicht sonderlich zu interessieren. Sie haben gerade ihr Taschengeld zusammengeworfen und davon eine Flasche Wodka für 90 Euro gekauft. Seinen Namen möchte der Junge mit den schwarzen Locken nicht verraten, dafür erzählt er aber gerne, warum er und seine Freunde regelmäßig hierher zum Feiern kommen. „Die Atmosphäre hier ist einfach entspannt – und besonders voll ist es auch nicht.“