Berlin - Sprechen Sie Französisch? Im Haus Cumberland am Kurfürstendamm wäre es hilfreich. Das Grosz, neues Kaffeehaus, Restaurant & Bar, setzt auf die Belle Epoque, die ach so schönen Jahre rund um die Wende zum 20. Jahrhundert, als Paris der kulturelle Mittelpunkt und Französisch Weltsprache war: acht Meter hohe Decken, Jugendstilsäulen, eine dunkelgebeizte Holzbar, Marmorfußboden, Stabholzparkett, fast erblindete Spiegel, sehr viel wuselndes Personal mit maßgeschneiderten schwarzen Westen über den weißen Blusen und Hemden. Patina überall. Und das in einem Café, das noch nicht einmal zwei Wochen in Betrieb ist. „Es läuft alles schon gut. Jetzt sind wir bei den Feinheiten, bei den Abläufen“, sagt Tayfun Sen, einer der Restaurantleiter. Wenn es noch etwas zu verbessern gäbe, fällt es zumindest nicht sofort ins Auge.

Wir wissen nicht, wie all dies auf die Gäste wirkt. Wir sehen nur: Es funktioniert. Bei einem Besuch an einem Vormittag ist das Grosz knackevoll. Es sitzen dort: Frauen und Männer in Jeans und Pulli. Dazwischen Gäste gesetzten Alters – früher hätten wir Wilmersdorfer Witwen gesagt, wenn nicht so viele Männer dabei wären. Man trägt crême oder beige, gerne Steppjacke oder teuren Mantel, manche Pelz.

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Französisch-Kenntnisse sind nicht verkehrt

Alle sitzen, schwatzen, lesen Zeitung oder Tablet-PC – und trinken Kaffee. Manche sitzen stundenlang bei einem Kaffee aus italienischer Premium-Röstung (3,80 Euro). Das Frühstück heißt Petit Dejeuner und ist mit 8 Euro für ein kleines Croissant, ein Pain aux raisin (Rosinenbrötchen) sowie einem mit chocolat sicher nicht trop cher (zu teuer). Ein schöner Kontrast sind die vielen Handwerker, die noch im Haus zu tun haben und deshalb mit allerlei Gerätschaft durchs gediegene Ambiente schlurfen.

Etwa ab halb zwölf verändert sich das Bild. Es kommen die Leute aus den umliegenden Büros, Praxen und Kanzleien zum Mittagstisch, der in zwei Räumen am Ende des Lokals eingenommen wird: schwule Jungs mit hochgestellten Kragen; junge Frauen mit am Ohr scheinbar festgewachsenen Handys; ein Typ Filmproduzent, der eine kleine Gesellschaft laut unterhält; Touristinnen mit dicken Einkaufstaschen.

Auch beim Mittagstisch (für günstige 11 Euro) wären Französisch-Kenntnisse nicht verkehrt oder aber solche gehobener Kochkunst. Dann wüsste man sicher gleich, dass sich hinter dem Dienstagsessen, dem Kalbsblanquette, ein Kalbsgulasch verbirgt. Und müsste beim Coquelet vom Grill von der Tageskarte nicht herumrätseln, ob es sich dabei vielleicht um ein schnödes Hühnerbein handelt.

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Ziemlich berlinisch

Auf der Abendkarte schlägt sich die Lage nieder. Rinderfilet (28 bis 48 Euro), Seezunge (36 Euro), Austern (das halbe Dutzend für 26 Euro) oder gegrillte Languste (38 Euro) haben am Kudamm eben ihren Preis. Verglichen zu Restaurants auf der Champs Elysées sind sie aber ein – pardon! – billiger Witz.

Alles très français also, im Grosz? Schon, aber doch auch ziemlich berlinisch.