Friedrichshain - Fast jeder Tisch ist besetzt! Das Kultcafé Sibylle hat nach einem Betreiberwechsel und ein paar Umbauten seit Sonnabend wieder geöffnet. Einige Gäste kennen das Café in der Karl-Marx-Allee 72 schon seit Beginn 1953. Sie waren mit der Schulklasse hier, mit den Großeltern. Nach der Schließung Anfang April kam bei ihnen Frust auf. Jetzt haben sie Grund zum Anstoßen.

Neues Mobiliar und warme Speisen 

Zur Eröffnungsparty am Freitagabend mit Livemusik und vielen Gästen ist sogar Hans Modrow (90) gekommen. Für den Ex-Regierungschef der DDR ist das Sibylle „ein Symbol der Hauptstadt“, wie er meint. Einen Tag später steht die neue Betreiberin Angelika Zachau (65) am Nachmittag hinter der Theke und sagt: „Ich habe kaum geschlafen, das ist alles so aufregend. Das Kassensystem funktioniert noch nicht richtig, eine Lieferung kam nicht rechtzeitig. Am ersten Tag ist mächtig Betrieb.“

Im August hatte sie den Mietvertrag mit dem Bezirk und dem Hauseigentümer unterzeichnet und seitdem viel umgestaltet. Der Fußboden wurden abgeschliffen. Sie kaufte neue Tische und Stühle, weil der Vorbesitzer das alte Mobiliar mitgenommen hatte. Auf der Speisekarte stehen jetzt neben Frühstück auch warme Speisen: Würzfleisch, Omelett , Buletten.

Ein Ort, der Erinnerungen weckt

Die Gäste sehen glücklich aus. Jürgen Schneider (78) und seine Frau Ursula (72) stoßen mit Rotwein an. „Meine Oma hat mir hier 1953 eine warme Milch mit Honig gekauft“, sagt er bewegt.

Das Paar hat sich auf der anderen Straßenseite im damaligen Café Warschau kennengelernt. Am Nachmittag ging es häufiger in das Café Sibylle.

Hannelore Buchholz (73) und Dietmar Buchholz (77) sitzen am Nebentisch. Sie kann sich noch lebhaft erinnern, wie sie mal als Kind Leergut aus dem Keller des Hauses gestohlen hat – heute eine lustige Anekdote. Jetzt trifft sie noch alte Schulkameraden in dem Kultcafé

Vorerst keine Kunst im Café

Zur dramatischen Schließung im April kam es, weil ein Untermietvertrag nicht verlängert werden konnte. Der alte Betreiber musste gehen und ein neuer erst gefunden werden. Die Künstlerin Ute Donner organisierte das ganze Jahr über Protestdemos für die Wiedereröffnung.

Sie ist ein bisschen enttäuscht. Früher durfte sie hier Kunst zeigen, jetzt vorerst nicht mehr: „Die Seele des Cafés ist verschwunden. Aber: Es ist jetzt wieder offen. “