Eichhorst - An diesem wunderschönen Ort stand er also, dieser Schandfleck, der den Oberen ein Dorn im Auge war. Diese Ruine, die verschwinden musste, weil Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 die DDR besuchen wollte und gleich nebenan, im berühmten Jagdschloss Hubertusstock, von DDR-Staatschef Erich Honecker empfangen werden sollte. Das Ereignis hatte damals für die SED-Führung geradezu historische Dimensionen, denn an jenem 11. Dezember 1981 landete erstmals ein bundesdeutscher Kanzler in einer Maschine der Bundesluftwaffe auf dem Flughafen Schönefeld, um sich dann mit Honecker in der Schorfheide zu treffen.

Dort durfte dann bei einem möglichen Spaziergang am Werbellinsee natürlich kein heruntergewirtschaftetes Ausflugslokal den Blick stören. Das alte Café Wildau musste weg – trotz seiner langen Tradition. Also wurde es vor dem Kanzlerbesuch einfach über Nacht abgerissen. Die Stasi packte selbst an und versenkte die Trümmer kurzerhand im See. „So einfach war das damals“, sagt Caren von Hertzberg, die das Haus wieder hat aufbauen lassen: Das Café Wildau ist im wörtlichen Sinne wieder auferstanden aus Ruinen.

Denn vom alten Haus war nur der Keller geblieben, der schon bald neue Bewohner gefunden hatte – Fledermäuse.

Vielleicht hätte sich irgendwann niemand mehr an diesen Ort erinnert, hätte die Gemeinde nach der Wende nicht beharrlich einen Investor für das Areal gesucht. Einen, der an die Tradition anknüpfen würde. Jemand wie Caren von Hertzberg, Die gebürtige Niedersächsin und ihr Mann haben aus der Brache wieder das gemacht, was sie einmal war: ein attraktives Ausflugslokal mit sehr guter Küche – aufgebaut nach historischem Vorbild. Seit nunmehr drei Jahren ist es wieder da, das Café Wildau samt Hotel.

Alles eher zufällig

Das Haus wurde um das Jahr 1830 als Villa eines Zementfabrikanten errichtet, später diente es Kaiser Wilhelm II. als Unterkunft für seine Jagdgäste, dann zog die Forstverwaltung ein und in den 1920er-Jahren wurde das Café Wildau ein beliebtes Ausflugslokal. Zu DDR-Zeiten versuchte die Handelsorganisation HO an diese Tradition anzuschließen. Doch das Haus verkam immer mehr, wurde 1974 geschlossen und dann abgerissen.

So recht hat Caren von Hertzberg wohl nie vorgehabt, jemals ein Restaurant zu eröffnen. „Das Ganze war eher ein Zufall“, erzählt die 47-Jährige. „Ich kannte die Gegend hier noch nicht einmal.“ Ihr Mann ist Geschäftsmann und arbeitet im nahen Eberswalde. Und immer, wenn er mit Geschäftspartnern essen gehen wollte, musste er nach Berlin fahren. Dann wurde er auf das Areal am Werbellinsee aufmerksam gemacht und hatte eine Idee. „Ich bin dann von ihm hierher geführt worden“, erzählt seine Frau. 2006 sei das gewesen. Guck mal, habe ihr Mann gesagt, das ist doch schön. „Klar war es schön, aber ich habe mich gefragt, was soll ich hier“, sagt Caren von Hertzberg und lacht bei der Erinnerung. Sie wusste noch nichts von seiner Idee, das Café Wildau wieder aufzubauen.

Umweltschütze im Nacken

Aus der Idee wurde schließlich ein Businessplan, mit dem die beiden auch die Banken überzeugen konnten. Caren von Hertzberg sagt, dass sie gewusst habe, worauf sie sich bei dem Café einlasse. „Ich kann mit Zahlen umgehen“, sagt die studierte Betriebswirtschaftlerin. „Wir haben jetzt viele Freiheiten, tragen aber auch die Risiken.“ Immerhin 2,4 Millionen Euro investierten sie, um das Restaurant auf dem alten Keller wieder zu errichten und daneben ein Gästehaus.

„Da saßen uns auch die Umweltschützer im Nacken. Denn wir mussten zunächst ein neues Domizil für die Fledermäuse bauen“, erzählt sie. Der neue Fledermauskeller steht nun neben dem Gästehaus, Rosenbüsche versperren die Sicht darauf. „Für die Tiere ist es ein 5-Sterne-Hotel.“, sagt sie.

Als sie das Café am 1. Juli 2009 wiedereröffneten, waren sie überrascht, wie viele Menschen mit diesem Haus etwas verbanden. Der rührendste Gast war ein älterer Herr aus Berlin. „Er kam mit seiner krebskranken Frau schon vorbei, als wir noch bauten“, erzählt Caren von Hertzberg. Die Frau habe sich riesig gefreut, dass das Café wieder errichtet wurde. Sie hatte schöne Erinnerungen an das Ausflugslokal. „Leider hat sie die Eröffnung nicht mehr erlebt“, sagt sie.

Zur Eröffnung hatten sie auch Altkanzler Helmut Schmidt eingeladen. Der kam nicht, dafür aber immerhin der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière.

Eine schöne herbe Erfrischung

Vom Restaurant aus kann man elf Kilometer weit über den Werbellinsee schauen. „Der See strahlt Ruhe aus, ich denke immer ans Meer, wenn ich am Ufer stehe“, sagt Caren von Hertzberg. Besonders begehrt ist die Terrasse am und über dem Wasser. Bei gutem Wetter ist dort oft kein Platz mehr zu bekommen. Am Steg schaukelt die „Lange Anna“ vor sich hin – ein umgebauter Spreewaldkahn mit einem Fünf-PS-Motor, der gemietet werden kann.

„Wir haben viele Stammkunden“, sagt Caren von Hertzberg. Viele Gäste sind aus der Region, es kommen aber auch viele Radler ins Café. Denn hinter dem Grundstück ist der Fernradweg Berlin–Usedom.

Caren von Hertzberg sagt, das Café Wildau sei keine One-Man-Show. „Das Team hier ist Klasse“, sagt sie. Der Küchenchef sei selbst Jäger. Die Fischer der Region liefern den frischen Fisch. Hervorragend ist die gebratene Werbellinseeforelle mit hausgemachtem Gurkensalat. Das Fleisch ist zart und zergeht auf der Zunge. Auch das gebratene Schollenfilet mit Salbei-Speckbutter ist sehr gut im Geschmack, das weiße Fleisch ebenfalls sehr zart.

Es gibt auch Klassiker: Schnitzel oder Leber. Unbedingt zu empfehlen, weil selten in einem Restaurant im Angebot, ist die Quittenschorle. Ein schöne herbe Erfrischung.

Auf dem Klavier im Gastraum mit den weißgedeckten Tischen steht ein Foto, das das alte Café Wildau zeigt. Es sieht tatsächlich fast so aus, wie das heutige Gebäude.

Caren von Hertzberg erzählt, dass sie im Werbellinsee auch alte Tassen und Teller gefunden hat – weißes Geschirr, das damals mit in den See geschoben wurde. Es war unverwüstlich – ebenso wie die Idee von einem tollen Ausflugslokal an diesem tollen See.