Der dunkelrote Backstein glänzt in der Sonne. Arbeiter räumen Chemikalien in einen Lieferwagen. Mit dem ätzenden Zeug haben sie am Donnerstag viele gelbe Farbkleckse auf der Steinwand entfernt, die Unbekannte dort hinterlassen hatten. „Fuck Google“ stand in riesigen Lettern auf der Seitenwand des ehemaligen Umspannwerks an der Ohlauer Straße. Ganz sauber und hübsch wirkt die Wand nun. Gerade rechtzeitig für die kleine Ausstellung und Informationsveranstaltung, die an diesem Tag in dem historischen Gebäude stattfindet.

Sie soll vor allem den Nachbarn erklären, wie die Zukunft an diesem Ort aussehen wird. Der Suchmaschinenkonzern Google will dort im kommenden Jahr ein Weiterbildungszentrum für Unternehmensgründer eröffnen. Campus Berlin soll es heißen. „Wir haben ein tolles Konzept“, sagt Rowan Barnett. Er ist Googles Deutschland-Chef für Unternehmer und damit zuständig für den Campus. Barnett ist ein sympathisch auftretender Mann, 36 Jahre alt, Vater von drei Kindern, Engländer, aber seit Jahren in Berlin und mit dieser Mischung vielleicht der richtige für dieses Projekt. Im Sommer 2018 soll der Campus eröffnet werden. Nach London, Madrid, São Paulo, Seoul, Tel Aviv und Warschau wird Berlin der siebte sein. Es gibt allerdings Menschen, die etwas gegen das Projekt haben.

Google wird es nicht leicht haben in Kreuzberg. Kiezinitiativen haben schon im vergangenen Jahr protestiert, als die Pläne veröffentlicht wurden. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg machte Schwierigkeiten mit der Baugenehmigung. Und es sind schon andere mit tollen Konzepten aus Kreuzberg vertrieben worden. Das Guggenheim Lab zum Beispiel zog nach massiven Protesten dann doch lieber nach Prenzlauer Berg.

Aber soweit muss es ja diesmal nicht kommen. Die Veranstaltung an diesem Tag soll Unmut befrieden. „Wir wollen uns die Ängste und Sorgen der Leute anhören und Missverständnisse beseitigen“, sagt Google-Unternehmenssprecher Ralf Bremer. Missverständnisse hat es bei diesem Projekt bereits eine ganze Menge gegeben, dabei hat der Umbau noch gar nicht begonnen.

Förderprogramm für digitale Start-ups

Um nur eins zu nennen: Google hat nicht das ganze Werk gekauft, sondern nur die ehemalige Transformatorenhalle am Paul-Linke-Ufer gemietet. Mit Stellwänden haben die Projektinitiatoren in dem 3 000 Quadratmeter großen Raum einen kleinen Parcours für die Besucher aufgebaut. Sie können dort etwas über die Geschichte des Elektrizitätswerkes erfahren, welche Erfinder aus Kreuzberg kommen, und was Google in diesem Haus vor hat und was nicht (siehe Kasten).

Das Ganze ist ein Förderprogramm für die Start-up-Szene im digitalen Bereich. Als lebendige Beispiele sind an diesem Tag einige Kreuzberger Jungunternehmer gekommen und zeigen, was sie mit Googles Hilfe bereits auf die Beine gestellt haben. Der Verein Karuna zum Beispiel kümmert sich um Kinder und Jugendliche in Krisensituationen. Mit einer Förderung von Google hat der Verein eine App für Smartphones erfunden, mit deren Hilfe sich Straßenkinder einen Schlafplatz, etwas zu essen oder einen Arzt besorgen können.

Die Projekt-Initiatoren haben 3 500 Anwohner persönlich eingeladen, außerdem haben sie umliegende Cafés, Friseure und Copyshops abgeklappert, aber Nachbarn sind zu Beginn der Veranstaltung nicht unter den Anwesenden zu identifizieren. Dafür ist Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) gekommen. Er signalisiert seinen guten Willen mit dem Projekt. Das klang vor einigen Monaten anders. Mittlerweile seien aber viele Hindernisse beseitigt, sagt er. Die im Keller nicht zulässigen Büros entstehen nun im Zwischengeschoss, und aus Lärmschutzgründen wird das Haus von Veranstaltungen abgesehen um 21.30 Uhr geschlossen. In zwei Wochen will Schmidt die Baugenehmigung erteilen.

Berechtigte Kritik

„Ich kann aber die Sorge vieler Menschen verstehen, dass mit dem Einzug einer Weltmarke möglicherweise eine Aufwertung für den Kiez verbunden ist“, sagt er. Es geht um steigende Mieten und die Verdrängung Alt-Eingesessener. „Man kann also nicht nur von Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten sprechen. Es gibt durchaus berechtigte Kritik“, sagt der Bezirkspolitiker. Er verspricht sich aber von dem Projekt auch positive Effekte für Kreuzberg. Schließlich brauchten Unternehmensgründer, die hier gefördert würden, ja auch bezahlbare Arbeitsräume. „Da müssen wir mal mit Google sprechen, ob es dazu vielleicht auch eine Idee gibt“, sagt er. Eine Mauer um Kreuzberg zu ziehen, helfe jedenfalls nicht gegen Spekulationsdynamik.