Wer sich in der Möckernstraße 72  der  früheren Remise nähert, wird von fröhlichen Gesängen und Trommeln  empfangen. Die große Glastür gestattet  den Blick auf weiß gekleidete Menschen aller Hautfarben, die in kleinen Schritten um eine silbern geschmückte Säule  in der Mitte des Saales herumtanzen. Was auf den ersten Blick wie eine  Karnevalprobe  anmutet, ist in Wirklichkeit ein Gottesdienst.

In dem Kreuzberger Hinterhof steht Deutschlands einziger Candomblé-Tempel. Candomblé ist eine vor allem in Brasilien verbreitete Naturreligion, die mit den Sklaven vom afrikanischen Kontinent nach Südamerika kam und sich dort  verbreitete. Durch rituelle Tänze, Gesänge und Opfergaben wie Blumen und spezielle Speisen werden verschiedene Gottheiten, Orixás genannt, angebetet. Sie stellen  Herrscher über die Kräfte der Natur dar – wie die Gottheit des Waldes, der Fruchtbarkeit, des Donners  – und verkörpern ganz bestimmte, sehr menschliche Eigenschaften.

Der Gründer der Berliner Gemeinde heißt Murah Soares und stammt aus Sao Paulo. Die Gemeindemitglieder nennen ihren Priester  Babalorixá und küssen ihm zur Begrüßung ehrerbietig die Hand. Neuankömmlinge  und Gäste zieht der 54-Jährige mit einem dröhnenden „Ich bin Murah“ an die Brust und verpasst ihnen, ehe sie sich wehren können, rechts und links zwei Wangenküsschen.

Aktiv beim Karneval der Kulturen

Murah Soares wurde in einem traditionsreichen Candomblé-Haus geboren, schon seine Großmutter war Priesterin, die Mutter ebenso.  Er selbst ließ sich zunächst im afro-brasilianischen Tanz ausbilden,  studierte später klassisches Ballett und Modern Dance, tanzte viele Jahre in verschiedenen Compagnies, arbeitete als Choreograf und Dozent.

1990 wurde er das erste Mal von der Tanzfabrik Berlin nach Deutschland eingeladen und arbeitete fortan viel in Europa. Schließlich blieb er ganz in Berlin, gründete 1996 den Karneval der Kulturen mit und führte 16 Jahre lang mit seiner Tanzgruppe den Umzug an.

„Irgendwann merkte ich, dass mir etwas fehlt“, erzählt Murah Soares in der großen Küche des Tempels, „ich vermisste die Riten und Bräuche meiner Kindheit und beschloss, in Berlin ein Candomblé-Haus zu gründen.“ Neben seiner tänzerischen Arbeit im weltlichen Leben, widmete er sich der spirituellen Ausbildung. Er   lernte, das Orakel zu lesen,  Kräuterwaschungen durchzuführen, Opfergaben zu kochen und spezielle Gesänge auf Joruba, einer afrikanischen Sprache.

Im Februar 2007 war es soweit. Zusammen mit Martin Titzck gründete er das deutsch-brasilianische Kulturzentrum Forum Brasil  und in der alten Kreuzberger Remise, in der sich früher das Lager eines Teppichhändlers befand, wurde der Tempel eingeweiht. Mittlerweile hat die Gemeinde rund 30 Mitglieder. Sie treffen sich  mittwochs, um Tänze, Rhythmen und die afrikanischen Gesänge zu lernen. „Unser Gebet ist der Tanz“, erläutert Soares.

Alle zwei Monate veranstaltet die Gemeinde   eine öffentliche Zeremonie, die jeweils einer der 18 Gottheiten gewidmet ist. Dazu ist   jedermann herzlich eingeladen. Einzige Bedingung: Auch der Gast muss sich ganz in Weiß kleiden. Weiß ist nach dem  Glauben der Candomblé die Farbe, die am durchlässigsten ist für die positive Energie, die sich in den Zeremonien entfalten soll.

Das jüngste öffentliche Ritual  fand Anfang Februar zu Ehren von Yemanjá statt. „Diese Orixá ist die Mutter aller Gottheiten und verkörpert die urweibliche Kraft“, erläutert Murah Soares, „auch gilt sie als die Königin des Wassers und die Gebieterin der Meere.“ Sie beschützt   Seefahrer und Fischer. Deshalb werden ihr neben Weiß auch die Farben Hellblau und Silber zugeordnet, wie am Saalschmuck zu erkennen ist.

Knapp 50 Menschen haben sich versammelt und verfolgen auf Bänken ringsum die Bewegungen der Candomblé-Tänzer. Die Füße der Zuschauer zucken, manche klatschen im Rhythmus der Trommeln  oder nehmen die Rufe des Vorsängers auf. „Candomblé ist sehr bunt und fröhlich“, hatte Soares zuvor erklärt. Und es stimmt: Der  Lebensfreude im Saal kann man sich kaum entziehen. Umso mehr stockt einem der Atem, wenn das geschieht, was zu dieser Religion auch dazu gehört: Einzelne Gemeindemitglieder fallen urplötzlich in Trance.

Der Orixá kommt auf die Erde

Eben noch mit einem Lächeln   in Kontakt mit der Umgebung, zucken sie nun, stoßen  Schreie aus,   taumeln   durch den Raum. Dieser Zustand wird im Candomblé als erstrebenswert verstanden. Der  Orixá  nimmt vom Körper des  Gläubigen Besitz und kommt in diesem Moment auf die irdische Welt.  Assistenten des Babalorixá  betreuen die Entrückten, verhindern, dass sie stürzen, und führen sie nach  gewisser Zeit in einen Nebenraum, in dem sie sich erholen können. Nach ein paar Minuten kommen sie blass und still wieder – und reihen sich erneut in den Tanzkreis ein.

Das Ritual ist schweißtreibend und geht über viele Stunden, in Brasilien dauerte es sogar die ganze Nacht hindurch. „In Deutschland muss alles seine Ordnung haben“, sagt Soares und lacht. „Hier  dürfen wir nur sechsmal im Jahr von 14.30 bis 19 Uhr trommeln. Sonst fühlen sich die Nachbarn gestört.“

Am Ende der Zeremonie lädt er  zum gemeinsamen Essen ein: „Allein essen ist traurig“. Es gibt die Lieblingsspeisen der Königin des Wassers:  Mais mit Krabben, Fisch,  Eier, weißen Pudding  und vieles mehr. Die Gemeinde hat drei Tage lang gekocht.

Bevor die Schüsseln kommen, wünscht der Priester allen, dass sie die Kraft, die sich im Ritual entfaltet habe, noch lange im Alltag  begleiten möge. Dann bittet er um Spenden: „Aber  keine Almosen! Nicht die letzte Münze, die man in der Hosentasche findet“. Scheine sind gefragt.
Diese Götter reden Klartext.