Cannabis-Anbau in Berlin und Brandenburg: Erntehelfer vor Gericht

Alia Samet sagt, sie habe nicht gewusst, worauf sie sich einlasse. Sie habe einfach nur einen Bekannten, der ein Autohaus betreibt, gefragt, ob er nicht einen Job für sie habe. Im Autohaus nicht, habe der Bekannte gesagt, aber er habe da etwas anderes für sie. Ob sie sich mit Pflanzen auskenne?

Ein paar Tage später, um sieben Uhr morgens, wird Alia Samet mit einem Jeep aus ihrer Wohnung in Cottbus abgeholt, am Steuer sitzt ein Holländer, der Robert, so stellt er sich vor. Sie fahren in eine Scheune auf einem Bauernhof. Da sind schon andere Leute, Deutsche und eine Russin, sie tragen weiße Handschuhe. Das beeindruckt Alia Samet. Auch dass in der Mittagspause Essen vom Chinesen für alle bestellt wird, gefällt ihr. Es ist wie in einem richtigen Betrieb mit Angestellten, und Alia Samet, 46, verwitwete Mutter einer Tochter, hat das Gefühl, dass sich ihr Leben von nun an zum Besseren wenden könnte.

Zwei Monate später steht die Polizei vor ihrer Tür, drei Männer, eine Frau, sie haben einen Haftbefehl. Alia Samet, die bei einer Freundin in Neukölln übernachtet hat, ist gerade dabei, Kaffee zu machen, schwarzen, starken Kaffee, so wie sie ihn mag. Sie versteht nicht, was in dem Haftbefehl steht, ihr Deutsch ist zu schlecht, aber sie ahnt, dass es etwas mit ihrem Job für den Holländer zu tun haben könnte. Bevor sie abgeführt wird, fragt sie die Polizei, ob sie noch ihren Kaffee austrinken könne. Sie weiß nicht warum, aber der Kaffee ist ihr wichtig in diesem Moment. Die Polizistin nickt. Sie sei nett gewesen, sagt Alia Samet.

Es ist der 19. Februar 2014, Punkt 10.26 Uhr. Genau zur selben Zeit verhaften Beamte des Landeskriminalamtes auf der anderen Seite der Stadt, in Spandau, den Busfahrer Thomas Teichert und den Wachmann Uwe Müller. In einem Dorf bei Beelitz stürmt eine Polizeieinheit das Haus des holländischen Bauunternehmers Robert Vos und nimmt auch gleich noch den Handwerker Andreas Leiter mit, der Vos’ Scheune ausbaut. Im Laufe der weiteren Ermittlungen erwischt es Michael Beck, einen jungen Mann aus Cottbus, Ali Marzouki, Besitzer einer Autowerkstatt in Eberswalde, Kevin Ziokowski, Rettungssanitäter, Mohammed Aziz, Kfz-Mechaniker, Natascha Iwanowa, Pelzverkäuferin, sowie den Landwirt Klaus Schwade und seine Tochter Ines. Die Polizei ist überzeugt, ihr sei eine Bande ins Netz gegangen, ein professioneller Rauschgiftring.

Rund 83 Kilogramm

Neun Monate später, an einem Novembermorgen, beginnt im Berliner Landgericht die Verhandlung gegen Robert Vos und die elf Mitangeklagten. Ihnen wird vorgeworfen, in der Zeit von Juni 2012 bis Februar 2014 auf sogenannten Indoor-Plantagen in Berlin und Brandenburg Cannabispflanzen angebaut und die Ernte verkauft zu haben, heißt es in der Anklageschrift. Insgesamt seien rund 83 Kilogramm Blütenstände von Cannabispflanzen veräußert worden.

Es ist einer von vielen Prozessen dieser Art in Berlin, und der Aufwand ist wie immer groß. 15 Verhandlungstage sind angesetzt. Jeder Angeklagte hat zwei Verteidiger, damit nicht der ganze Prozess unterbrochen werden muss, falls mal ein Verteidiger verhindert ist. Der Holländer und die Libanesen tragen Kopfhörersets wie internationale Kongressteilnehmer, Dolmetscher übersetzen. Jeder Stuhl ist besetzt, sogar die Reihe hinter dem Sicherheitsglas, wo sonst nur Schwerverbrecher sitzen. Aber wie ein Schwerverbrecher sieht eigentlich niemand hier aus.

Der Cottbuser, schmal, feine Gesichtszüge, die Haare mit einem Reifen zurückgehalten, könnte auch Model sein. Der Holländer im pastellfarbenen Pullover und mit dunkel gerahmter Brille bittet den Richter, sich umsetzen zu dürfen, damit er seine Beine ausstrecken kann. Der Handwerker kommt mit Stoffbeutel und Thermosflasche, der Busfahrer mit einem aufblasbaren Kissen, ihm sind die Stühle zu hart. Dem Rettungssanitäter hängen die Hosen bis in die Knie wie einem Rapper. Die Pelzverkäuferin verdeckt ihr Gesicht mit einem Tuch, als sie den Saal betritt, wie ein Hollywoodstar, der nicht erkannt werden möchte. Alia Samet hat ihre schwangere Tochter mit zur Verhandlung gebracht. Manche lächeln sich zu, geben sich die Hand, andere starren vor sich hin.

Verwirrung um ihre Herkunft

Zum Anfang ruft der Richter die Namen der Angeklagten auf. Wer anwesend ist, hebt die Hand, dann werden die Personalien verglichen. Der Landwirt, ist zu erfahren, war „nicht reisefähig“, wegen einer „akuten Magen-Darm-Erkrankung“. Seine Tochter steht kurz vor der Entbindung, auch sie ist entschuldigt. Bei Alia Samet gibt es Verwirrung um ihre Herkunft. In ihren Papieren steht Irak, aber sie sagt, sie sei im Libanon geboren, in Beirut. Der Cottbuser hat einen deutschen und einen französischen Ausweis. Der Autohändler heißt Mohammed und nicht Mohammad, außerdem hat er verschiedene Nachnamen. Bei Robert Vos ist nicht klar, ob er verheiratet ist. Ali Marzouki aus Eberswalde springt jedes Mal auf, wenn er etwas gefragt wird. „Bleiben Sie doch sitzen“, sagt der Richter.

Es ist der Beginn einer Verhandlung, in der eine Berliner Strafkammer versucht, ein Problem zu lösen, mit dem der Staat ganz offensichtlich überfordert ist. In Amsterdam kann man Joints in Hanfshops kaufen, in Colorado Haschkekse in ganz normalen Läden, in Deutschland gibt es Cannabispillen auf Rezept in Apotheken. Die Nachfrage ist groß, der Anbau jedoch verboten. Wer erwischt wird, dem drohen mehrjährige Gefängnisstrafen.

Es ist eine seltsame Situation, das merkt man auch hier vor Gericht. Von einer Bande ist die Rede, aber wer diese Bande sieht, muss eher an eine von der Arbeitsagentur geförderte Projektgruppe denken, eine Multi-Kulti-Initiative, ein Beispiel für gelungene Integration. Es geht um die Zahl von Stecklingen, den Ertrag von Ernten, um Mietverträge, Stromrechnungen. Aber am Rand geht es auch um Lebenswege, um Hoffnungen, um verpasste Chancen, um die Suche nach dem schnellen Glück.

Er nennt sich Projektleiter

Robert Vos, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die „zentrale Figur“ der Bande, wurde vor 50 Jahren in Holland geboren. Sein Vater war Mathematiker, aber dem Sohn lag eher das Praktische. Er brach sein Psychologiestudium ab, stieg ins Baugeschäft ein, gründete eine eigene Firma, aber bald gab es Ärger: erst mit Subunternehmern, dann mit dem Finanzamt, und als er sein Glück im Marihuanageschäft probierte, auch mit der Polizei. „Ich hatte es immer ein wenig zu eilig“, sagt Robert Vos vor Gericht. In Berlin versucht er einen Neuanfang. Im Auftrag von ein paar Landsleuten, die im Prozess „Hintermänner“ genannt werden, soll Vos Plantagen anlegen, Marihuana anbauen und verkaufen. In einem Berliner Hotel finden die Treffen mit seinen Auftraggebern statt. Er nennt sich Projektleiter.

Der Berliner Markt ist vielversprechend. Im Umland gibt es verwaiste Kasernen, Ställe und Garagen, die sich für den Hanfanbau eignen. Vos besorgt Lüftungstechnik, Lampen und Stecklinge. Manche Plantagen befinden sich in Berliner Wohnungen, andere auf dem Land, die größte in einer Halle auf einem Pferdehof in der Nähe von Cottbus. Die Erträge sind zufriedenstellend. Es gibt Fahrdienste, polnische Erntehelfer, nachts wird die Halle von einem Wachdienst mit einer abgesägten Schrotflinte bewacht. Vos kann seine Schulden in Holland bezahlen, kauft sich einen alten Hof in Brandenburg, lernt eine Russin kennen, die Pelzmäntel in einem Charlottenburger Laden verkauft, verkehrt in guten Kreisen. Einmal, bei einem Abendessen, trifft er auf einen bekannten Berliner Anwalt. Sie rauchen gemeinsam Zigarren, und am Ende fragt Vos den Anwalt nach seiner Visitenkarte, nur so, falls er mal Hilfe brauche.

Hanfpflanzen brauchen viel Licht und besondere Lampen

Bis der Anwalt wieder von Vos hört, sollen noch viele Monate vergehen. Ein paar Mal fliegt er fast auf, meist wegen unbezahlter Stromrechnungen. Hanfpflanzen brauchen viel Licht und besondere Lampen. Auf dem Pferdehof wird der Strom über Nacht abgeschaltet, da ist der Trocknungsprozess noch in vollem Gange, die Ernte leidet, die Abnehmer sind unzufrieden, die Erlöse schlecht. Einer der Beteiligten wird festgenommen, die holländischen Hintermänner ziehen sich zurück, die Gruppe zerfällt.

Vos aber macht weiter. Er fühlt sich wohl in Berlin, mit seiner Freundin und seinem Landhaus, und Leute zu finden, die bereit sind, für schnell verdientes Geld ein gewisses Risiko einzugehen, ist nicht schwer: Ein Wachmann aus Spandau braucht Geld für seine Hochzeit. Dafür macht er Fahrdienste und hilft beim Aufbau der Plantagen. Der beste Freund des Wachmanns, ein Busfahrer, will eine Ausbildung zum Fahrlehrer machen, deren Kosten die BVG nicht übernimmt. Er mietet für Vos eine Wohnung in Hellersdorf an. Ein libanesischer Familienvater aus Eberswalde hat Schulden bei einem Landsmann, die er endlich abzahlen will, und stellt eine Garage seiner Autowerkstatt zur Verfügung. Ein junger Cottbuser, den Vos noch vom Pferdehof kennt, mietet unter falschem Namen ein Ladenlokal in Weißensee, eröffnet ein Konto und vermittelt einen leerstehenden Geflügelstall in der Nähe von Drebkau.

Robert Vos, der Holländer, der gerne bunte Pullover trägt, scheint immer genau dann aufzutauchen, wenn es irgendwo nicht weitergeht. Wie Robin Hood. Seine Komplizen sind keine Kriminellen, sondern kleine Leute. Ostdeutsche, die keine Arbeit finden. Jungs aus Spandau, die keine Ausbildung haben, aber schon Kinder. Flüchtlinge, die nicht von Almosen des deutschen Staates leben wollen.

+++ Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie das Gericht über den Fall entscheidet +++