Car2Go, Drivenow, Coup, Emmy und Co in Berlin.: Hinter Sharing-Diensten steckt eine ausgeklügelte Infrastruktur

Berlin - Ein Rollerfahrer mit einem türkisen Streifen auf dem Helm schiebt sich an der Ampel an einem weißen Smart vorbei, während ein Radfahrer auf einem silbernen, grün beklebten Zweirad die Straße kreuzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Berlin zu solchen Situationen kommt, ist hoch – denn diese Fahrzeuge gibt es in vielen tausend Exemplaren.

Die Rede ist von den Flotten der Sharing-Dienste. Fahrräder, Roller und Autos, deren Nutzung sich zahlreiche Menschen teilen, sind aus dem Stadtbild kaum noch wegzudenken. Egal, wo sich die Kunden in der Innenstadt bewegen: Das nächste Sharing-Fahrzeug steht höchstens ein paar hundert Meter weit entfernt.

Das wirft Fragen auf: Wie kommt es, dass sich die Wagen und Zweiräder so gut verteilen? Wieso sind die Autos immer betankt, mit Glück auch sauber, die Elektroroller stets aufgeladen? Wie hält sich dieses System am Laufen?

„Wir sehen jederzeit den aktuellen Ladezustand jedes Rollers“

Was Kunden scheinbar zufällig auf den Straßen vorfinden, wird von unsichtbaren Helfern arrangiert und von Kommandozentralen aus gesteuert. Der Elektroroller-Anbieter Emmy, der in Berlin 350 Fahrzeuge offeriert, hat seine Zentrale in der Tempelhofer Alboinstraße.

Jeder Roller besitzt ein GPS-System, das die Position verrät, und eine Telematikeinheit, die den Zugriff auf die Bordcomputerdaten erlaubt. „Wir sehen jederzeit den aktuellen Ladezustand jedes Rollers“, sagt Emmy-Co-Chef Valerian Seither.

Sinkt der Vorrat unter 15 Prozent, verschwindet der Roller für die potenziellen Nutzer vom Radar. Die App zeigt ihn nicht mehr an – bis ein mobiles Reanimationsteam das Gefährt mit frischen Akkus versorgt.

Bei langer Standzeit gibt es Rabatt

Die Stromversorger sind fünf bis acht Mal am Tag in dem vom S-Bahn-Ring begrenzten Geschäftsgebiet von Emmy unterwegs, um Scooter wieder flott zu machen. Jeder Roller hat zwei Akkus, die sich unter der Sitzbank befinden und mit wenigen Handgriffen ausgetauscht sind.

Dann kommt das Zweirad wieder 50 Kilometer weit. Beim Konkurrenten Coup, der in Berlin derzeit 800 Elektroroller im Einsatz hat und im Laufe des Sommers auf 1000 kommen will, funktioniert die Lade-Logistik ähnlich.

Während die Rolleranbieter auf Personal setzen, lassen die Carsharing-Firmen Drive Now und Car2Go Kunden für sich arbeiten. Ein Anreizsystem ermutigt die Nutzer in Berlin, selbst zur Zapfsäule zu fahren. „Der Kunde bekommt 30 Freiminuten, wenn er das Tanken übernimmt“, Drive-Now-Sprecherin Aurika von Nauman. Der Anbieter verfügt über der 1300 Minis und BMWs. Normalerweise kostet die Fahrt je nach Auto 31 bis 34 Cent pro Minute. Bei den Elektroautos von Drive Now reicht es, den Ladevorgang zu starten, um eine halbe Stunde gratis zu fahren. Wer die 1100 Smarts und Mercedes-Autos des Konkurrenten Car2Go tankt, bekommt zehn Freiminuten. 

Schichtdienst in der Kommandozentrale

Bei Drive Now ist man von der selbstregulierenden Methode überzeugt. „Das ist für uns günstiger und nachhaltiger, weil weniger Serviceautos unterwegs sind“, sagt von Nauman. Ohne Personal kommt aber auch Drive Now nicht aus: Einmal pro Woche reinigt eine externe Firma jedes Fahrzeug. „Und das Flottenmanagement schickt Techniker los, wenn etwas kaputt ist oder Scheibenwischwasser fehlt.“

Flottenmanagement: So heißen die unsichtbaren Helfer bei Drive Now. Rund zehn Mitarbeiter arbeiten im Schichtdienst in der Kommandozentrale in Mitte. Sie entscheiden auch, welches Auto vorübergehend zum Schnäppchenpreis vermietet wird.

Sechs bis acht Mal pro Tag in Bewegung

Das passiert, wenn ein Fahrzeug zu lange ungenutzt herumsteht – mutmaßlich an einem Ort ohne viel Laufpublikum. Nach drei bis vier Stunden Standzeit taucht in der App, mit deren Hilfe die Kunden die Wagen buchen, ein Prozentzeichen auf und weist auf die Ermäßigung hin.

Sie soll Nutzer dazu verlocken, etwas weiter als sonst zu laufen und das Auto aus seinem Schattendasein zu holen. „Nur noch in Einzelfällen müssen wir die Autos selbst umparken“, sagt von Nauman. In der Regel werde jedes Fahrzeug sechs bis acht Mal pro Tag bewegt.

Drive Now hat seinen Geschäftsbereich nach und nach erweitert – immer dann, wenn sich abgestellte Autos an der bisherigen Gebietsgrenze ballten. „Dies legt den Verdacht nahe, dass Kunden gern weitergefahren wären, dies aber nicht konnten, weil unser Bereich zu Ende war. Sie gingen wohl den Rest zu Fuß.“ So schloss die Firma 2016 den Bereich zwischen Antonienstraße, Lindauer Allee und dem S-Bahnhof Schönholz im Süden von Reinickendorf an das Netz an.

3500 Lidl Bikes in Berlin

Car2Go verlässt sich noch stärker auf Mathematik. Hier hat man einen Algorithmus entwickelt, der vorhersagt, wann und wo in der Stadt der Bedarf am höchsten ist. Mitarbeiter bringen Autos zu den Nachfrageschwerpunkten. S- und U-Bahnhöfe gehören dazu, aber auch touristische Sehenswürdigkeiten. Die meisten Hotspots liegen in Charlottenburg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg. Zwischen 16 und 20 Uhr, nach Feierabend, sind die Autos besonders gefragt.

Die Deutsche Bahn (DB) traut sich noch nicht, sich auf Selbstregulierungskräfte zu verlassen, wenn es um die Verteilung von Mietfahrzeugen geht. Zusammen mit der Supermarktkette Lidl als Sponsor betreibt sie die 3500 Lidl Bikes, mit denen Radler seit Anfang März durch Berlin fahren können.

„Fast täglich sind Teams mit Transportern in der Stadt unterwegs. Sie verteilen die Räder um“, so ein Bahnsprecher. „Im Einsatz sind rund 20 Mitarbeiter, die abwechselnd Werkstattaufgaben und Disposition übernehmen.“

Fahrräder und Scooter auf dem Bordstein abstellen wird geduldet

Dabei parken die Mitarbeiter vor allem Räder um, die nicht in den sogenannten Rückgabezonen geparkt worden sind. Wer sein Zweirad dort zurücklässt, erhält 50 Cent Rabatt. Bei den Rolleranbietern wird umgeparkt, wenn ein Scooter längere Zeit verloren und verschmäht steht. Dann wird er zur hoffentlich baldigen Nutzung in ein besser frequentiertes Gebiet gebracht. In den meisten Fällen regelten jedoch die Nutzer die Verteilung, hieß es.

Obwohl die selbstregulierende Systeme der Umwelt zu Gute kommen, bergen sie auch Nachteile. So ballen sich an bestimmten Orten, zum Beispiel an den Eingängen zum Tempelhofer Feld, oft etliche Scooter und Fahrräder – auch auf Gehwegen.

Die Roller nach der Nutzung auf dem Bordstein abzustellen, ist nach Straßenverkehrsordnung zwar verboten, wird von der Stadt aber geduldet, soweit niemand behindert wird. „Natürlich dürfen die Wege nicht für Kinderwagen und Rollstühle blockiert werden.

Unsichtbare Helfer

Einfahrten sind ebenso tabu wie Schaufenster“, sagt Emmy-Mann Seither. Bislang habe es kaum Probleme gegeben, Ordnungsgelder seien nur vereinzelt fällig geworden. Seither hofft, dass das trotz steigender Roller- und Nutzerzahl so bleibt.

Tatsächlich ist gerade das leichtere Parken der Vorteil gegenüber dem Auto, den auch der Konkurrent Coup nicht aufs Spiel setzen will. Störend abgestellte Scooter seien selten ein Problem, ist von Coup-Sprecherin Julia Grothe zu erfahren.

Anzeigen von Ordnungsämtern habe es gegeben, deren Zahl sei aber nicht der Rede wert. „Manchmal kommt es vor, dass sich Ladenbesitzer direkt bei uns melden, wenn ein Roller ihr Schaufenster versperrt“, sagt Grothe. Dann machen sich unsichtbare Helfer sofort auf den Weg, um das Fahrzeug umzuparken. Die Kunden und der Rest der Stadt bekommen davon nichts mit.