Auf einmal sind sie überall: Mütter, die mit ihrem Müttersein hadern oder sich zumindest nicht voll und ganz mit ihrer Mutterrolle identifizieren. Da ist Christine Schneider aus Charlotte Roches neuem Roman „Mädchen für alles“, die lieber Serien guckt und sich mit der Babysitterin vergnügt als sich um ihre Tochter zu kümmern. Da ist die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) aus der Serie „Homeland“, die schon kurz nach der Geburt ihrer Tochter an ihren Arbeitsplatz im Kriegsgebiet zurückkehrt. Und da ist Betty Draper (January Jones) aus der Serie „Mad Men“, die schon in den 1950er Jahren mit der Hausfrauenrolle hadert und ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Tochter hat.

„Neue Mutterfiguren bereichern unsere Gesellschaft“

„Diese neuen Mütterfiguren können unsere Gesellschaft durch die Debatten, die sie auslösen, bereichern“, glaubt Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Sie haben das Potenzial den Mythos der per se guten Mutter herauszufordern“, so die Soziologin. „Schließlich produzieren sie zunächst einmal andere, durchaus verstörende Bilder von Mutterschaft. Sie weichen von den vorherrschenden Vorstellungen ab und sorgen damit für eine Vervielfältigung des Konzeptes.“

Ermittlerin Charlotte Lindholm vergisst ihr Kind in der Kita

Auch Tatort-Kommissarin Charlotte Lindhom (Maria Furtwängler) gehört zu diesen neuen Mütterfiguren: Geschieden von ihrem Mann, lebt sie mit ihrem kleinen Sohn und einem ehemaligen Kommilitonen in einer WG. Der übernimmt auch weitestgehend die Erziehung des Sprösslings. Bis er eines Tages plötzlich auszieht - ein schwerer Schlag für die Kommissarin, die dann auch prompt vergisst, ihr Kind aus der Kita abzuholen.

Abgelaufene Süßigkeiten und eine Affäre mit dem Lehrer

Eine frühe Vorreiterin dieser neuen Mütter, die zudem noch äußerst positiv dargestellt wird, ist Lorelai Gilmore (Lauren Graham) aus der bis 2007 produzierten Serie „Gilmore Girls“, die regelmäßig wiederholt wird und die demnächst fortgeführt werden soll. Nachdem sie mit 16 schwanger geworden ist, zieht Lorelai ihre Tochter Rory alleine groß. Bei den Gilmore Girls gibt es in der Regel nur Fast Food, manchmal hat Lorelai noch abgelaufene Süßigkeiten im Schrank. Sie ist eine liebende Mutter, die ihre Mutterschaft in keinster Weise bereut. Dennoch erfüllt sie nicht das Klischee der allumsorgenden Glucke. Die erfolgreiche Hotel-Managerin hat keine Lust, irgendwelche Ämter in der Schule ihrer Tochter zu übernehmen und verschläft den ersten Schultag ihrer Tochter.

„Ein Kind ist viel anstrengender als die Arbeit“

Diese neuen Figuren machen Villa zufolge eine Diskussion über das Thema Mutterschaft und neue Mutterrollen möglich und können den Weg für eine Enttabuisierung von vermeintlich „unnatürlichen“ Muttergefühlen ebnen. Charlotte Roches Hauptfigur Christine gesteht schließlich schon zu Beginn des Romans: „Ich hatte mal einen Beruf, um den mich viele beneidet haben, aber ich habe den Druck nicht ausgehalten, und dann habe ich mir ausgedacht, dass es für mich besser sei, ein Kind zu bekommen, dann könnte ich aufhören zu arbeiten. Aber, ganz ehrlich, ein Kind ist viel anstrengender und mit viel mehr Druck verbunden als die Arbeit, die ich vorher hatte. Voll verplant! Das ganze Leben eigentlich!“ Schließlich stellt sie eine Babysitterin ein, die sich nicht um ihr Kind kümmert, sondern um sie, um die Mutter.

Mütter sind nicht per se selbstlos

Es sei immer problematisch, wenn bestimmten Gruppen - ob nun Müttern oder Vätern, Schwulen oder Lesben, Männern oder Frauen - bestimmte Eigenschaften als gottgegeben oder genetisch bedingt zugeschrieben würden, sagt die Soziologin Villa. „Wenn man davon ausgeht, dass Mütter von Natur aus selbstlos sind, und sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmern, kann man alle Frauen, die anders agieren, als unnatürlich darstellen“, erklärt Villa die Logik hinter der Annahme unveränderlicher Eigenschaften.

Muttersein als natürliche Berufung

Ein Muster, das seit Menschengedenken funktioniert: Schon die Bibel inszeniert Maria als heilige Mutter des Erlösers, und Maria Magdalena als kinderlose Sünderin. Können also die neuen Mütter den Mythos, den unsere Kultur seit jeher um die Mutter strickt, kippen? Nicht unbedingt. Sie sei angesichts der neuen Mütterfiguren „nicht ausschließlich begeistert“, sagt Soziologin Villa. Schließlich komme es immer auf den Rahmen an, in dem diese neuen Mütter inszeniert werden.

Mütter, die anders agieren als von der Gesellschaft vorgesehen, seien schließlich schon sehr lange ein Element von Literatur und Film - nur waren sie Villa zufolge meistens negativ besetzt oder wurden pathologisiert. Man denke etwa auch an Madame Bovary aus Gustave Flauberts gleichnamigem Roman, die eine außereheliche Affäre hat, und als unzufriedene und depressive Mutter dargestellt wird, die sich am Ende selbst vergiftet.

Carrie Mathison wird pathologisiert

Auch die Mutter und CIA-Agentin Carrie Mathison wird durch ihre bipolare Störung in gewisser Weise pathologisiert. Doch Villa sieht hier eher den Trend im Vordergrund, Ermittler mit Neurosen, autistischen Verhaltenszügen oder sonstigen 'Störungen' darzustellen. Carrie Mathison ist als Figur, die insbesondere CIA-Agentin und nebenher Mutter ist, derart populär, dass sie eben doch subversive Kraft in sich trägt.

Mütter können jetzt alles sein

Man muss diese Mutterfiguren nicht mögen, aber sie weiten doch den Blick. Mütter können alles sein: Massenmörderinnen, Präsidentinnen und Yoga-Lehrerinnen, so wie alle anderen eben auch. Sie sind Mütter, aber eben nicht nur. Es ist nur eine von vielen Rollen.