Carsharing in Berlin: „Ich will das öffentliche Auto“

Berlin - Das eigene Auto lässt sich der Deutsche einiges kosten. Rund 30.000 Euro gibt er im Schnitt dafür aus und leistet sich so eine ziemlich fragwürdige Investition. Nicht nur, dass das in der Regel fünfsitzige Gefährt fast immer nur vom Fahrer genutzt wird. Statistisch ist es gerade mal 24 Minuten am Tag im Einsatz. Die restlichen 23,5 Stunden eines Tages ist das eigentlich zur Fortbewegung entwickelte Automobil  eine Immobilie, die ungenutzt am Straßenrand parkt, kostet und an Wert verliert. Edgar Scholler will das ändern und  den ungenutzten Privatwagen per App zum öffentlichen Verkehrsmittel machen. Der 30-jährige Gründer des Start-ups Getaway träumt von einem Schwarm-Fuhrpark für alle.

Herr Scholler, schon mal daran gedacht, dass es vielleicht doch nicht so toll ist, mit Ihrer Idee ausgerechnet in Deutschland an den Start zu gehen?

Weil die Deutschen ihr Auto angeblich über alles lieben und daher niemals verleihen würden? Für uns schließt sich das nicht aus.

Es soll Männer geben, die überlassen ihr Auto nicht mal ihrer Ehefrau.

Wir haben gute Gründe, optimistisch zu sein. Eine europaweite Umfrage ergab, dass 55 Prozent der Autobesitzer bereit wären, ihr Auto gegen Geld zu verleihen.

Ein Umfrage, die von Ihnen in Auftrag gegeben wurde?

Nein, von Ford. In Deutschland sprachen sich übrigens auch 48 Prozent dafür aus.

Dennoch darf man skeptisch sein.

Klar, aber selbst wenn nur zehn Prozent ihr Auto anderen zur Verfügung stellen würden, hätten wir in Deutschland einen Carsharing-Pool von viereinhalb Millionen Autos, 120.000 allein Berlin.

Das wären 50 Mal mehr als Car2go und Drivenow heute zusammen  auf der Straße haben.

Vor allem wären es Autos, die sowieso schon da sind, nur besser genutzt werden können. Das Berliner Straßennetz misst knapp 5 500 Kilometer. Bei 120 000 geteilten Autos würde rechnerisch fast alle 50 Meter ein öffentliches Auto parken.

Und dann?

Wir wollen möglichst viele stillstehende Autos vom Straßenrand holen. Jeder könnte sie nutzen.

Das bedeutet mehr Autoverkehr.

Tut es nicht. Aktuelle Carsharing-Studien haben ergeben, dass jedes effizienter genutzte Fahrzeug den Bedarf an bis zu 20 Autos kompensiert. Folge: Weniger Autos im Verkehr und mehr  öffentlicher Raum, der besser genutzt werden könnte als zugeparkt zu werden. Ich wünsche mir mehr Begrünung, Radwege oder einfach eine kürzere Parkplatzsuche.

Würden Sie sich als Autohasser bezeichnen?

Nein, im Gegenteil. Autofahren ist etwas Wunderbares. Ich mag die Beschleunigung, fahre gern und auch gern schnell. Wir wollen Leuten ein Angebot machen, die etwas für die Umwelt tun, aber trotzdem nicht auf das Auto verzichten wollen. Wer ein Auto besitzt, soll deshalb kein schlechtes Gewissen  haben.

Wie haben Sie sich das öffentliche Auto vorgestellt?

Sehr einfach. Wer ein Auto braucht, startet die Getaway-App auf seinem Smartphone und sieht sofort, welche Autos in der Nähe verfügbar sind. Dann öffnet man das Wunschauto mit seinem Handy, nimmt den Schlüssel aus dem Handschuhfach und fährt los. Eigentlich so, als wäre es sein eigenes Auto.

Das haben andere vor Ihnen auch schon versucht, manch einer musste  Insolvenz  anmelden.

Es hat aber auch niemand zuvor privates Carsharing so spontan, bequem und ohne zusätzlichen Aufwand für Vermieter und Mieter organisiert.

Und Sie wollen das geschafft haben?

Ich glaube schon. Bei uns entfallen  jegliche  Absprachen und Vorabplanungen.  Wer bei Getaway als Vermieter angemeldet ist und sein Auto abstellt, legt per App fest, wann er es wieder braucht – zum Beispiel in drei Stunden oder am nächsten Morgen. Für diesen Parkzeitraum steht das Auto im virtuellen Getaway-Fuhrpark  zur Verfügung und kann von geprüften und versicherten Nutzern gemietet werden. Wir haben eineinhalb Jahre an der Software  gefeilt und optimieren diese natürlich stetig weiter.

Verhindert die Software auch, dass sich der Vermieter am nächsten Morgen über ein verdrecktes Auto mit leerem Tank ärgern muss, das drei Straßen weiter abgestellt wurde?

Wir bekommen Fehlverhalten sofort mit.  Ein geliehenes Auto muss im 250-Meter-Umkreis vom Startpunkt und mit einem Tankstand von über 25 Prozent zurückgegeben werden. Wer sich nicht an die Absprachen hält, muss mit zusätzlichen Gebühren rechnen, um den Vermieter adäquat zu entschädigen.  Verstöße können  auch den Ausschluss zur Folge haben. Da alle Autos mit einer Tankkarte ausgestattet sind, kann einfach und bargeldlos getankt werden.

Besitzen Sie selbst ein Auto?

Ja, einen Audi A5.

Klingt nach neu und ziemlich teuer.

Klingt nach Fahrspaß.

Und es wäre für Sie kein Problem, dass ein völlig Unbekannter Ihr Auto fährt, benutzt und vielleicht beschädigt?

Kein Problem.

Weil Ihnen materielle Werte nichts bedeuten?

Nein, weil es der Anspruch war, mein eigenes Auto ohne mulmiges Gefühl Leuten zu überlassen, die ich gar nicht kenne und für mich sogar namenlos sind. Unserer Fuhrpark-Service kümmert sich um alles. Das reicht von der Reputation der Mieter, deren Liquidität und Fahrhistorie bis zur Abrechnung und automatischen Gutschrift der Einnahmen.

Aber wenn doch was passiert, treibt es Ihre Versicherungskosten in die Höhe.

Tut es nicht. Denn das Auto ist während der Fremdnutzung über unseren Versicherungspartner Die Gothaer gesondert und umfassend abgesichert. Dieser Schutz ist unabhängig von der Versicherung, die der Fahrzeugeigentümer abgeschlossen hat.

Wie viel kann man dabei eigentlich mit seinem Auto verdienen?

Das bestimmt der Eigentümer. Es ist sein Angebot an den Markt.

Ihre Empfehlung?

Für einen aktuellen Golf würde ich 40 Cent pro Kilometer empfehlen. Damit hätte das Auto nach 250 Kilometern, also etwa mit einer halben Tankfüllung, 100 Euro eingespielt. Das würde schon mal die  monatliche Versicherungs- oder Leasingrate kompensieren.  Ebenso könnte ein Elektroauto erschwinglich werden. Carsharing könnte die Elektromobilität wirklich beschleunigen. 

Und wie verdient Ihr Unternehmen dabei?

Wir nehmen eine Gebühr je Kilometer.

Das heißt, wer den Golf nutzt, zahlt mehr als 40 Cent pro Kilometer?

Das ist richtig. Der finale Kilometerpreis ist die Summe aus Mieteinnahmen, Getaway-Gebühr und Versicherungsbeitrag. Dieser Preis wird auch auf der App angezeigt. Beim genannten Golf wären das circa 70 Cent.

Das ist nicht wenig. Car2go verlangt 24 Cent.

Ja, aber pro Minute. Wenn man den Minutenpreis auf durchschnittlich zurückgelegte Kilometer in der Stadt umrechnet, landet man bei über 80 Cent je Kilometer. Außerdem können die minutenbasierten Preismodelle im Stau oder bei der Parkplatzsuche schnell zur Kostenfalle werden. Wir sind also im Durchschnitt günstiger. Ein Kilometer mit dem Taxi kostet übrigens zwei Euro.

Wenn ihr Angebot einschlägt, dürfte es das Ende der Taxi-Branche bedeuten.

Es würde sicher einige Taxis überflüssig machen. Aber wir konkurrieren nicht mit Fahrdienstleistungen, sondern richten uns an Personen, die gerne selbst Auto fahren. Und wir können Carsharing auch in Stadtrandgebiete oder kleine Ortschaften bringen, in die die etablierten Anbieter niemals gehen werden, weil es sich nicht lohnt. Dort aber sind viele Leute heute auf einen Bus angewiesen, der vielleicht nur zweimal am Tag fährt, oder ein Taxi.  Dort wäre Getaway wirklich hilfreich.

Haben Sie die Technik selbst entwickelt?

Bei der Telematikbox, mit der die Fahrzeuge ausgestattet werden, um sicher mit dem Smartphone und uns kommunizieren zu können, kooperieren wir mit dem Marktführer auf diesem Gebiet. Dieser bestückt beispielsweise auch die Fuhrparks der Bundeswehr oder der Deutsche Bahn. Die entscheidende technologische Peripherie stammt dagegen von uns.

Glauben Sie wirklich, dass das öffentliche Auto machbar ist?

Wir tun alles dafür. In zehn, 15 Jahren werden vielleicht Google, Apple und Co anonyme Flotten stellen, auf die wir dann alle angewiesen sind, weil wir es selbst nicht dezentral organisiert haben. Wir wollen den Zugang zu Mobilität demokratisieren.

Und damit Geld verdienen.

Klar, das auch.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.