Grundschul-Wiederöffnung nach den Sommerferien. Ein Junge trägt freiwillig eine Atemschutzmaske in der Grundschule. (Symbolfoto)
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BerlinWenige Tage bevor die Berliner Grundschulehrinnen und -lehrer zur Vorbereitung des neuen Schuljahres in die Schulen zurückkehren, wird das offensichtlich, was Insidern schon vor, spätestens aber seit Beginn der Corona-Krise klar war: Die Berliner Politik und ihre Schulverwaltung sind beim Thema Grundschulen plan- und ideenlos. 

Man hat die Zeiten der Krise nicht für relevante Neuerungen genutzt, ja nicht mal für den Start einer Debatte. Stattdessen wurde die ohnehin völlig überlastete Berliner Grundschule nur mit Müh und Not in die Sommerferien gerettet, um dann jegliche Planung oder Vorbereitung auf das neue Schuljahr durch ein völlig verantwortungsfreies Prinzip Hoffnung zu ersetzen: Nach den quasi-regulären Sommerferien sollte im August wieder ein Normalbetrieb herrschen. Jetzt, wenige Tage vor dem Neustart nach einem über dreimonatigen Ausfall des Regelschulbetriebs und die zweite Welle vor der Brust, versucht man panisch nachzusteuern: Eine Mund-Nasen-Schutz-Anweisungs-Sturzgeburt ist der letzte Beweis für ein Totalversagen.

Dabei ist dies doch die Realität: Die Probleme an den Berliner Grundschulen sind so tief greifend, dass sie schon im vermeidlichen Normalbetrieb an der Grenze zum Unbeherrschbaren sind. Dies ist die offene Liste der anzugehenden Probleme, die Berlin verdrängt oder vergessen hat: Zunächst muss in Berlin in den Grundschuljahrgängen 1-3 die Klassenfrequenz drastisch gesenkt werden. Die Coronakrise hat nur allzu deutlich gezeigt, was erfahrenen Lehrkräften schon länger klar ist: Die Klassengröße ist der singulär größte Hebel für einen besseren Unterricht, nicht nur in der Krise. Die Berliner Grundschulen bräuchten eine Diskussion um eine signifikante Absenkung der theoretischen Größe von 24 Schülerinnen und Schülern (in der Realität liegt man in Berlin meist darüber) auf höchstens 18. Mit natürlich den entsprechenden Konsequenzen hinsichtlich Anzahl der Lehrkräfte und Raumbedarf.

Parallel dazu muss das pädagogische Personal der Berliner Grundschulen umgehend von nicht-pädagogischen Aufgaben und Belastungen befreit werden. Weder Schulleitungen noch die einzelnen Lehrkräfte sollten mehr als nur einen Bruchteil ihrer Zeit mit nicht-pädagogischen Fragen (organisatorischen, technischen, bürokratischen) verplempern – in der Realität ist dies ein signifikanter Teil der Arbeits- und Nervenzeit einer Berliner Lehrkraft, die mit steigender Verantwortung gefühlt exponentiell anwächst.

Diese beiden Faktoren in Kombination mit der Nichtverbeamtung sind der Hauptgrund, warum der Job der Grundschullehrkraft in Berlin mittlerweile so unattraktiv ist. Durch den aus der selbst gemachten Not geborenen Zugang von immer schlechter qualifizierten und pädagogisch völlig unerfahrenen Seiteneinsteigern wird die Lage massiv verschärft.

Leider ist die Liste damit aber noch lange nicht am Ende: Pädagogisch völlig überfrachtete Rahmenlehrpläne, die sich zunehmend wie Theorieschriften einer dem Normalbetrieb völlig entfremdeten pädogogischen Akademia-Elite lesen, sind keine Hilfe, sondern belasten die einzelnen Schulen und ihre Lehrkräfte massiv mit schwer bis gar nicht zu erfüllenden Erwartungen. Die Curricula müssten massiv verschlankt und auf die zu erlernenden Kernkompetenzen der Grundschüler reduziert werden. Damit wäre auch ein Notbetrieb, wie er ja in der Corona-Zeit so wichtig gewesen wäre, aber nicht zentral umgesetzt wurde, viel leichter und einvernehmlicher zu definieren.

Die Kombination dieser Punkte würde zu einem deutlich gesteigerten Wohlbefinden von Schüler- und Lehrerschaft führen. Das Ergebnis ist klar vorhersagbar: erhöhte Qualität. Es könnte viel mehr Stoff in weniger Stunden gelernt werden, und die Diskussionen über Wochenstundenzahlerhöhung oder Samstagsunterricht wären obsolet – sie führen in die völlig falsche Richtung. Im Gegenteil, eine angebrachte Stundenzahlreduzierung für jüngere Jahrgänge wäre problemlos möglich.

Aber wir sind immer noch nicht durch: Die Sanierung und der Neubau von Schulgebäuden, die Gestaltung des Schulumfelds (z. B. Verkehrssicherung), die Pflege der Schulgebäude (Reinigungsfrequenzen etc.) scheint nicht etwa eine Priorität der deutschen Hauptstadt, sondern eine lästige Pflicht, der sich Politik und Verwaltung möglichst oft entziehen wollen und wo enorm viel praktische Verantwortung an die Schulen delegiert wird.

Linke Dogmen und Weichenstellungen der Jahrzehnte durch die SPD-dominierte Bildungspolitik kommen erschwerend hinzu. Zum Beispiel das Dogma vom Umsonst-Mittagsessen mit den entsprechenden offenkundigen negativen Folgen für Qualität und Organisationsaufwand. Oder das Primat der möglichst frühen und langen staatlich organisierten Betreuung im Kindesalter statt einem Schwerpunkt auf Verantwortung in den Familien und pädagogischer Qualität der Betreuungsangebote, von der Wiedereinführung der sehr guten Westberliner Vorschule ganz zu schweigen.

Und natürlich die zunehmend verkrampfte Verweigerung äußerer Differenzierung: Die Angst vor einer Differenzierungsdebatte sitzt ja offenbar schon so tief, dass über Selbstverständlichkeiten nicht offen geredet wird. Zum Beispiel diese: Digitale Unterrichtsmethoden sind in der Grundschule nur dann eine Hilfe, wenn sie zielgenau und differenziert eingesetzt werden, das heißt, mehr und besser je älter die Schüler sind. Für die Schulanfangsphase, also in den Klassenstufen 1–3, wo es um Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnenlernen geht, ist es besser, auf analoge Formen des Unterrichts zu setzen.

Genau deshalb müsste alles getan werden, dass gerade die jüngsten Jahrgänge in den Grundschulen unterrichtet werden können – die Leopoldina hat darauf hingewiesen. Und die Berliner Realität: Erinnern Sie sich, welche Klassenstufe zuerst an die Berliner Grundschule zurückdurfte? Genau, die 6. Klasse, die in anderen Bundesländern gar nicht mehr Teil der Grundschule ist.

Sehe ich Hoffnungen? Vielleicht nur diese: Schlimmer als der jetzige Zustand der Berliner Grundschulen kann ein in einer offenen, demokratischen Gesellschaft geduldeter Missstand kaum noch sein. Politik und Öffentlichkeit sind gefragt: Gewerkschaften, Verbände und die Opposition haben viel zu lange einen Burgfrieden mit der Verwaltung gehalten. Die betroffenen Lehrer und Kollegien haben über die Jahre eine schier unfassbare Leidens- und Duldungsfähigkeit gezeigt – wobei die RBB-„Abendschau“ auch immer noch eine Schulleitung findet, die die jeweilige Lage schönredet. Medien und Elternschaft haben zu lange an den Symptomen rumgedoktert: Siehe die aktuelle FDP-Diskussion um Zuweisung zu vermeintlich ‚schlechten‘ Grundschulen (wobei die Verteidigung der fußläufigen Grundschule eine der letzten Bastionen der Grundschulvernunft in dieser Stadt war) oder Debatten um vermeintliches Fehlverhalten von Lehrkräften in der Corona-Krise: All das kann eigentlich nicht so weitergehen. Deshalb wird das sich abzeichnende Desaster an den Berliner Grundschulen im Herbst/Winter 2020 zu einem radikalen Umdenken und Umlenken führen müssen.

Dr. Philipp Lengsfeld war CDU-MdB für Berlin-Mitte in der 18. Wahlperiode (2013–2017) und Mitglied des Bildungsausschusses. Er ist verheiratet mit einer Berliner Grundschullehrerin.