Berlin - Im Foyer stehen dunkle Ledersofas und weiße Stehlampen, am Empfang sitzen zwei gut geschminkte, hübsche Frauen. Schaut man in dem Kasten nach oben, sieht man über vier Etagen junge Menschen hinter Glaswänden an ihren Schreibtischen. Man fühlt sich in dem Bürogebäude von Scholz & Friends am Hackeschen Markt wie in der amerikanischen Fernsehserie "Mad Men", die in einer New Yorker Werbeagentur spielt.

Held der Serie ist Don Draper, ein erfolgreicher, attraktiver Creative Director, seine Spezialität besteht darin, spießige, biedere Produkte, die aus der Mode gekommen sind, wie Schweineschinken und Bohnerwachs, interessant zu machen.

Partei der Hinterzimmer-Deals

Thomas Heilmann war nie Creativ Director, aber er hat die Werbeagentur Scholz & Friends aufgebaut. Er sieht auch nicht so attraktiv aus wie Don Draper aus dem Film, aber ebenso erfolgreich wie die New Yorker Werbefigur ist er allemal. Heilmann schlendert die Treppe herunter, er trägt Jeans, Pulli und Hemd. Er hat Zeit zum Essen, bevor er am Nachmittag zur Präsidiumssitzung der CDU muss. Die Berliner Union, das ist das Produkt, das er in jüngster Zeit neu erfinden musste. Er hat ihr ein neues Image gegeben, neue Käufer erschlossen, neue Wähler. Man könnte sagen, die Union ist sein Schweineschinken.

Vor zwei Jahren, als Frank Henkel zum Landeschef gewählt wurde, wurde Heilmann sein Stellvertreter. Die CDU lag damals bei 17 Prozent, sie galt als Partei der Hinterzimmer-Deals, die sich lustvoll selbst zerlegt hatte. Heilmann war damals als Gründer von Scholz & Friends bekannt, nicht so sehr als Politiker. Niemand konnte verstehen, was er bei diesen Verlierern von der CDU wollte. Doch er grub sich in die Arbeit, tourte die Ortsvereine und weckte bei der alten Kungel-Partei das Interesse an inhaltlicher Arbeit.

Während des Wahlkampfes entwickelte sich die CDU vom Mauerblümchen zur potenziellen Braut von SPD und den Grünen. Etwas Glück kam auch noch dazu. Und nun sitzen an diesem Mittwoch die einstigen Loser von damals mit Klaus Wowereit an einem Tisch, um über eine Regierungsbildung zu beraten. Frank Henkel, der Spitzenkandidat, mag das Gesicht der CDU sein, doch der Architekt des Erfolgs, der Oberstratege, das Hirn ist Thomas Heilmann. Er konzipierte den innovativen Wahlkampf, machte der CDU Lust auf Inhalte. Er war dabei, als Henkel mit Wowereit über eine Koalition verhandelte.

Die Macht des Millionärs

Sein Auftreten in den Sondierungsgesprächen hat den liberalen Flügel gestärkt und einen großen Teil dazu beigetragen, dass die SPD-Linke die Koalitionsverhandlungen akzeptiert hat. "Mit Leuten wie Ihnen ist das eine andere CDU", schrieb ihm ein linker Sozialdemokrat, der an den Vorgesprächen beteiligt war. Thomas Heilmann zitiert aus solchen E-Mails nicht selbst, er will sich nicht hervortun, das machen andere, die ihn gern in einer tragenden Rolle sehen würden.

Er hat nicht nur Freunde. Einigen in der Partei ist die Macht des Millionärs unheimlich geworden. Niemand sagt das offen. Aber sie sehen mit Unbehagen, wie unersetzlich er für Frank Henkel geworden ist. Er plante den Wahlkampf, schrieb fast eigenständig das Wahlprogramm, gibt ihm Tipps für öffentliche Auftritte. Wenn Henkels Mutter in der Bildzeitung redet, mahnt Heilmann zur Zurückhaltung. Selbst beim geheimen Gang ins Rote Rathaus, nach dem Platzen der Gespräche mit den Grünen, begleitete ihn Heilmann - und nicht die mächtigen Kreis-Chefs. Er müsse aufpassen, dass er keine Allmachtsphantasien entwickele, heißt es. In der CDU traut man ihm alles zu, doch es ist nicht ganz klar, wohin er selbst will.

Zunächst einmal will er das Gebäude zeigen. Im vierten Stock hat er ein kleines, schlicht möbliertes Büro. An der Wand hängen Bilder von seinen Kindern, er hat vier kleine Söhne. Er ist vor einem Jahr bei Scholz & Friends ausgestiegen, er sei nur noch Untermieter, sagt er. Untermieter? Aus seinem Auftreten kann man das nicht unbedingt schließen. Er fährt in den achten Stock, zeigt die tolle Sicht auf den Dom, erzählt, wie er das Grundstück entdeckt und das neue Hauptquartier entworfen hat. Er sorgte auch dafür, dass die Kantine von Sarah Wiener bekocht wird.

Er redet gern und man fragt sich, ob Heilmann irgendwann aufhört zu sprechen, zu telefonieren, E-Mails zu schreiben. Bei einem Teller indischer Linsen gelingt es ihm, den Bogen vom Stadtbaudirektor Hans Stimman, der ihm das Grundstück vermittelt hat, über den amerikanischen Investor Nicolas Berggruen, den er kennenlernte, als er im Auftrag der Bundesregierung über die Karstadt-Rettung verhandelte, zu Ursula von der Leyen zu spannen. Freunden erzählt er gern, dass er für ihre neue, moderne Frisur verantwortlich ist.

Kein typischer Konservativer

Er ist kein typischer Konservativer: vier Kinder und Frau, aber unverheiratet, weltläufig, undogmatisch und wirtschaftlich unabhängig. Er war Gesellschafter von Facebook, als die meisten noch nicht mal den Namen kannten. Er hat in den vergangenen Jahren so viel Geld verdient, dass er nicht mehr arbeiten müsste. Heute sitzt er in vier Aufsichtsräten in Berlin, Hamburg, Stockholm. Mehr Aufwand als fünf Arbeitsstunden pro Woche koste ihn das nicht, sagt er. Umso mehr kann er Papiere für die Politik schreiben.

Er denkt schneller als die meisten Landespolitiker. Als die Verkehrssenatorin noch darüber grübelt, was sie gegen das S-Bahn-Chaos machen kann, präsentiert er schon einen Sanierungsvertrag. Charité, Zukunft von Tegel, Langzeitarbeitslose, es gibt kein Problem, zu dem Heilmann nicht die passende Lösung parat hat. Wowereit hat er die Kunsthalle versprochen. Wen man anspricht, ob Gewerkschafter, Unternehmer oder ehemalige Untergebene, alle schwärmen von seinen Qualitäten als Macher, seiner Auffassungsgabe, seiner Schnelligkeit. Seine Konzepte klingen manchmal etwas hastig zusammengeschrieben, aber sie verfehlen ihre Wirkung nicht.

Seine erste Million hatte Heilmann schon verdient, bevor er dreißig war. Er stammt aus Dortmund. Vater Philosophieprofessor, Mutter Hausfrau, er war das fünfte von sechs Kindern. Mit 16 trat er in die CDU ein, später studierte er Jura. Mit 26 gründete er 1990 in Dresden mit zwei Freunden die Agentur, aus der später Scholz & Friends wurde. Doch er beschränkte sich nicht auf Werbung, sondern investierte. Er sei schon damals sehr "parkettsicher" gewesen, beschreibt ihn jemand, der ihn aus der Zeit kennt. Aber schon zu dieser Zeit habe er mit seinen Kontakten kokettiert, als müsse er ständig beweisen, wie beliebt er ist. "Er musste schon immer den Weltherrscher geben", sagt einer, der mal eng mit ihm zusammengearbeitet hat.

Heilmann beschränkte sich nicht auf die Werbung. Mit 27 kaufte er von einem gewissen Thilo Sarrazin, damals Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Finanzministerium, eine Fernsehübertragungsfirma, die ihm noch immer gehört. Nach und nach baute er sein Firmengeflecht aus. Was will so jemand in der Landespolitik?

Senator werden will er nicht

Es heißt, er wolle Wirtschaftssenator werden

Fragt man ihn nach seinen Ambitionen, wird er auffällig still. Er kennt die Gerüchte. Mal heißt es, er wolle Wirtschaftssenator werden, dann Bildungssenator. Heilmann reagiert mit einem Scherz. Er wolle Ernährungsminister werden, sagt er, dann könne er so viele Brauereien besichtigen, wie er wolle. Er lächelt, weil ihm der Satz so gut gefällt.

Er holt zu einem Kurzvortrag aus, warum er auf keinen Fall Senator werden will. Er spricht von Freiheit und Unabhängigkeit. Er erwähnt, dass er sich einen Dienstwagen selbst leisten kann. Das klingt alles plausibel und man kann sich Heilmann auch nicht recht als Behördenchef vorstellen. Die Bürokratie, die drögen Abteilungsleiter, die Sitzungen, das wäre keine "Mad Men"-Welt. Er müsste wohl seine Aufsichtsratsposten aufgeben.

Seine Parteifreunde nehmen ihm das Desinteresse an der Macht aber nicht ganz ab, vor allem nicht nach seinem jüngsten Manöver. Bei der Aufgabenverteilung in den Koalitionsverhandlungen wollte Heilmann unbedingt die Arbeitsgruppe Bildung und Wissenschaft leiten - und brüskierte damit Monika Grütters, die sich als langjährige Kulturpolitikerin prädestiniert sah.

Wer 20 Jahre ackert, der wird belohnt, so lautet das ungeschriebene Gesetz der Berliner CDU. Ein anderes lautet, dass man nicht gegen seinen Mentor kandidiert. Grütters hatte Heilmann in den Landesverband geholt. Heilmann mögen solche Gesetze schnuppe sein, aber sie gelten noch. Nach einem Wochenende hektischer Telefonate lenkte Heilmann ein - und überließ Grütters den Ausschuss. "Da bin ich ein braver Parteisoldat", sagt er. Er wird jetzt den Bereich Arbeit, Soziales, Integration leiten. Er kann sich dann aber auch nicht verkneifen, zu sagen, dass er trotzdem in der Grütters-Arbeitsgruppe vertreten sein wird, als Stellvertreter.

Verschwörungstheoretiker in der Partei sehen in dem Auftreten von Heilmann einen größeren Plan der Machtergreifung. Er habe es vielleicht doch auf Frank Henkels Posten abgesehen, wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Doch solche Gerüchte sagen eher etwas über die CDU aus und die Angst vor einem Konkurrenten.
Dabei lässt Heilmann doch gern durchblicken, dass er in einer anderen Liga spielt. Bei seinen indischen Linsen betont er, wie gut sein Draht zu Angela Merkel sei. Man kennt sich seit Jahren, schreibe sich gelegentlich SMS, er telefoniere mit ihrem Umfeld. Sie sei ganz aus dem Häuschen vor Freude darüber, wie gut es auf einmal in Berlin laufe. Wer weiß, wofür die Kanzlerin ihren Heilmann noch verwenden kann.