Es ist ein interessantes Experiment, das im Südwesten stattfindet: Vordergründig geht es nur darum, wer neuer Chef in Steglitz-Zehlendorf wird, dem mächtigsten Kreisverband der CDU. Aber eigentlich geht es darum, wie modern und offen die CDU unter Frank Henkel ist. Oder ob es sich um das alte Machtsystem handelt, das seit eh und je das mittelprächtigste Personal nach oben bringt. Es treten an: Karl-Georg Wellmann, seit 40 Jahren bei der CDU, ein politischer Fummler, und Thomas Heilmann, Justizsenator, Quereinsteiger, ein politischer Spieler.

Normalerweise gewinnt in der Union immer derjenige, der weiß, männlich, heterosexuell, Jurist oder Betriebswirt ist und die meisten Freunde hat. Ausnahmen für Frauen, Schwule oder Quereinsteiger (wie Werbe-Agenturbesitzer) gestattet die Partei in Situationen, in denen es keine anderen halbwegs geeigneten Kandidaten gibt, auf die die oben genannten Kriterien zutreffen. Dies scheint in diesem Derby um den Südwesten aber nicht der Fall zu sein.

Wichtiger Etappensieg für Konkurrenten

Heilmann, der den bisherigen Kreischef Michael Braun beerben will, verkündete vor Weihnachten, er habe sieben von elf Ortsverbänden hinter sich. Doch seitdem hat Konkurrent Wellmann offenbar die Zeit genutzt – auch am Dienstagabend lässt er nicht die Gelegenheit verstreichen, für sich zu werben. Mehrere Ortsverbände haben sich noch nicht festgelegt. Am heutigen Donnerstag wählt Dahlem. Wahrscheinlich wird Wellmann als Ortsverbandschef bestätigt. Ein wichtiger Etappensieg.

Wellmann pflügt unermüdlich die Reihen des Rathaussaales, schüttelt Hände, klopft Schultern, erzählt vom Besuch des französischen Präsidenten im Bundestag. Monsieur Hollande, Sie wissen schon. Am liebsten hätte er wahrscheinlich noch Babys geküsst, aber die wurden an dem Abend nicht geboten. Landeschef Frank Henkel soll zur Basis sprechen, Bilanz ein Jahr Rot-Schwarz, Heilmann ist nicht da, schade eigentlich. Wellmann lächelnd: „Ich muss ein wenig Wahlkampf machen.“

Henkels Platzhirsch

Was danach folgt, ist ein hübsch anzusehendes Schauspiel der Alphatiere. Offiziell hält sich Landeschef Henkel aus dem Machtkampf heraus, aber nach dem Abend lässt er keinen Zweifel daran, wer sein Favorit ist. Das wichtigste Ereignis in diesem Jahr sei die Bundestagswahl im Herbst, die CDU müsse wieder stärkste Partei werden, ruft er in den Saal hinein. „Sie haben eine wichtige Entscheidung zu treffen und ich will Ihnen nicht vorgreifen, aber ich bitte Sie, alles dafür zu tun, dass Karl-Georg Wellmann zum dritten mal Direktkandidat wird“, rief er in den Saal. Dahinter steckt die kaum verhohlene Aufforderung, ihn zum Kreischef zu wählen, weil eine Niederlage sein Direktmandat und damit die Chancen der CDU bei der Bundestagswahl gefährden könnte.

Wellmann, das ist Henkels Platzhirsch. Der Garant der Stabilität. Und nichts ist wichtiger als Stabilität. Wellmann springt nach der Rede sofort auf, und bedankt sich, indem er Henkel als „Fels in der Brandung“ lobt. Es habe nach dem Misstrauensvotum gegen Klaus Wowereit auch bei ihm im Ortsverband kritische Stimmen gegeben, dass die CDU die Schwäche der SPD hätte nutzen sollen für Neuwahlen. Aber er, Wellmann, habe allen gesagt: „Zu der rot-schwarzen Koalition gibt es keine Alternative. Die Stadt will keinen Wechsel. Wir müssen Frank Henkel stützen.“

Schlangengrube Südwest

Der Kreisverband Südwest gilt als „Schlangengrube“, aber die eigenen Schlangen sind immer noch besser als die fremden. Ein Ortsverbandsvorsitzender warf Heilmann in einem Brief vor, er wolle die zerstrittenen Kreisverband nicht vereinen, sondern verfolge „ausschließlich persönliche Machtziele“. „Ich war erst für Heilmann, ich mag seine Originalität“, sagt ein einfaches CDU-Mitglied im Ratssaal in Steglitz. „Aber nun bin ich umgeschwenkt. Sein Sieg würde die Partei spalten.“