Brandenburg/Havel - Die Stimmung war eindeutig beim Wahlkampfauftritt der Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brandenburg/Havel. Am Dienstagabend war der Neustädtische Markt mit fast 500 Leuten ganz ordentlich gefüllt. Die CDU hatte zum Wahlkampfauftritt mit der Kanzlerin geladen, denn Dietlind Tiemann – die Oberbürgermeisterin von Brandenburg/Havel – will in drei Wochen in den Bundestag gewählt werden.

Doch der Abend wird durch massive Proteste eher ein PR-Debakel. Denn sowohl die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) als auch die rechtsextreme NPD haben sich offensichtlich Merkels aktuelle Auftritte für gezielte Störungen und Proteste ausgesucht.

Anti-Merkel-Protest von der NPD organisiert

Unter dem Motto „Merkel in Brandenburg? Nicht willkommen!“ machte die NPD seit Wochen mobil gegen diesen Wahlkampfauftritt und kündigte im Internet an: „Wir werden ihr Lehrstunden in Sachen Demokratie erteilen.“

Bereits am Nachmittag hatte die Kanzlerin einen  Auftritt im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld absolviert, und auch dort stand sie einer sehr lauten Protestfront von AfD-Anhänger gegenüber. Auch in der Stadt Brandenburg hat die AfD für den Abend eine  Protestkundgebung auf den nahen Katharinenkirchplatz angemeldet. Die Polizei ist mit etwa 500 Leute zum Schutz der Kanzlerin vor Ort. 

Merkel hinter Gittern

Bei der Kundgebung sind aber nur etwa 50 Leute da. Nach Angaben der Märkischen Allgemeinen Zeitung (Maz) gehören sie  vor allem zum Bürgerbündnis Havelland, einem Pegida-Ableger.

Der Bereich, den die CDU auf dem Marktplatz abgesperrt hat, ist voller älterer Zuhörer, die vom Einkauf kommen, voller Parteimitglieder und junger CDU-Freunde mit schwarz-rot-gelben Plakaten mit dem Namen „Merkel“ drauf.

Bus der AfD fährt um den Platz

Um den Platz fährt ein Bus der AfD mit Parteilogo und Sprüchen wie „2017 – Bikini oder Burka“. Am Rande des Platzes stehen Merkel-Kritiker mit Plakaten. Einer trägt ein Poster mit dem Satz: „I have a Dream“  – Ich habe einen Traum. Darunter ein Bild der Kanzlerin hinter Gittern.

Kurz vor 19 Uhr kommt die Kanzlerin aus einem nahen Hotel, und es wird laut. Die Maz berichtet, dass sich auch die NPD  in diesem Hotel ein Zimmer genommen hat. Die Rechtsextremisten hängen ein Plakat aus einem Hotelfenster:  „Asylbetrug macht uns arm!“ Eine Alarmsirene der NPD soll die Reden auf der Bühne übertönen.

Als um 19 Uhr die Wahlkampfveranstaltung startet, beginnt auch das Pfeif-Konzert - und es hält, wie mehrere Videos im Netz zeigen, fast eine Stunde lang an. Zuerst spricht Dietlind Tieman und ist hörbar genervt. Sie nennt die Protestierer „die Pfeifen, die hier pfeifen“. Sie bittet die Kanzlerin um Entschuldigung und sagt: „Die Gastfreundschaft dieser Stadt ist sonst eine andere.“

Merkel lächelt, wird aber ebenfalls sichtlich genervter, da die Buh-Rufe und Pfiffe nicht aufhören. Egal, was sie sagt: Zum Beispiel stellt sich Merkel voll hinter die Linie der Landes-CDU, die mit einem am Dienstag begonnenen Volksbegehren die Kreisgebietsreform der rot-roten Landesregierung stoppen will. Merkel ruft die Bürger dazu auf, die Unterschriftensammlung zu unterstützen – „für ein Votum gegen die Kreisgebietsreform“.

Klassische Forderungen der AfD

Die CDU sei die Partei, die nicht alles zentralisieren wolle. „Sondern wir glauben, dass die Kraft unseres Landes aus den kleinen Einheiten, den Kommunen, kommt. Deshalb setze ich mich dafür ein, das diese Kreisgebietsreform so hier nicht verabschiedet wird“

Eigentlich steht AfD in Brandenburg voll hinter diesen Forderungen, und beklagt - genau wie die CDU -, dass mit der Kreisreform den Bürgen angeblich ein Stück Heimat genommen wird. Die Partei sammelt seit Monaten auch Protestunterschriften.

Angela Merkel geht auf Pfiffe ein

Doch an diesem Abend in Brandenburg protestieren die Merkel-Gegner bei diesen Passagen ihrer Rede genauso laut wie später, wenn Merkel über ihre Flüchtlingspolitik redet. Die Merkel-Gegner pfeifen auch, als die Kanzlerin die „schreckliche Kriminalität“ an der Grenze zu Polen anprangert – ein klassisches Wahlkampfthema der NPD und der AfD.

Einmal geht die Kanzlerin auch auf die Pfiffe ein und sagt, dass es vielen Probleme rings um Deutschland auf der ganzen Welt gebe. „Da reicht es mit Sicherheit nicht aus, einfach nur zu pfeifen und zu schreien, da müssen wir alle gemeinsam arbeiten, dass unsere Heimat stabil bleibt.“

Pfiffe. Die Gesichter der CDU-Leute auf der Bühne sind versteinert, betreten und verärgert. Aber niemand will die Protestierer weiter provozieren, Die  Buh-Rufe und das Dauerkonzert der Trillerpfeifen endet erst, als die Kanzlerin verschwunden ist. 

"Professionelle Störer"

„Das waren professionelle Störer von AfD und NPD“, sagt Brandenburgs CDU-Generalsekretär Steeven Bretz am Mittwoch. „Die kommen teilweise mit Bussen aus ganz Deutschland.“  Sie hätten extra Ohrenschützer dabei und Trillerpfeifen. „Es gab  auch Organisatoren, die festgelegt  haben, wer wo mit seiner Pfeife steht.“ 

Bretz sagt, er beobachte eine bestimmte Radikalisierung in diesen Kreisen. „Die Härte und Massivität ist mit Sorge zu sehen“, sagt er. „Aber so etwas muss die Demokratie aushalten. Und die  Leute, die einfach nur gekommen waren, um die Kanzlerin  mal  zu sehen, waren zwar genervt, sind aber geblieben. Das zeigt auch eine Haltung.“ Nach der Veranstaltung gab es sogar einige spontane Neueintritte von Zuhörern in die CDU.

Nun bereiten sich  Partei und  Polizei auf die nächste Kundgebung mit der Kanzlerin  in Brandenburg vor, am  6. September in Finsterwalde.