Mit lauter Stimme rief Yehuda Teichtal, Rabbiner der jüdischen Gemeinschaft Chabad in Berlin, am Donnerstag vor dem Brandenburger Tor, dass es auch in der größten Dunkelheit immer ein Licht gebe. Das jüdische Chanukka-Fest sei stets ein Zeichen der Hoffnung gewesen. In diesem Jahr sei alles anders, weil die Feier am Pariser Platz nur mit einer kleinen Gruppe möglich sei. Doch gerade in diesem Jahr sei es besonders wichtig, ein Licht in die Dunkelheit zu stellen. „Wir werden die Pandemie besiegen!“ rief Teichtal vom Brandenburger Tor aus in die digitale Welt, wohin die nun schon seit 15 Jahren gepflegte Tradition des Chanukka-Lichterzündens in diesem Jahr wegen der Kontaktsperren übertragen wurde.  

Das Licht der Berliner-Chabad-Gemeinde leuchtete nicht nur, sondern strahlte auch eine eigene Wärme aus, wie man den Aussagen der anwesenden Gäste entnehmen konnte. Hafsa Al Ulama, Botschafterin der Vereinigten Arabischen Emirate (VAR), die das erste Mal an einer Chanukka-Feier teilnahm, sagte dieser Zeitung, sie sei sehr bewegt vom Geist der Feier. Die neue Partnerschaft zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei Ausdruck der Erkenntnis, dass mit einem Dialog Licht in die finsteren Spannungen zwischen den Völkern gebracht werden könne. Auch Teichtal hob die neue israelisch-arabische Freundschaft hervor. Diese fand auch vor dem Brandenburger Tor ihren Ausdruck, wo sich die Botschafterin der VAR angeregt mit dem israelischen Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, unterhielt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, den die Gemeinde stellvertretend für die medizinischen Fach- und Pflegekräfte eingeladen hatte, sagte dieser Zeitung nach der Zeremonie, die Feier habe ihm viel bedeutet: „Gerade in dieser schweren Zeit der Pandemie tut es gut zu sehen, dass es ein Licht gibt. Wir erinnern uns an unsere jüdisch-christlichen Wurzeln und an die Hoffnung, die wir haben können.“ Zuvor hatte Spahn gemeinsam mit Teichtal auf einer Hebebühne das erste Licht des ersten Lichts am großen Chanukka-Leuchter am Pariser Platz entzündet - des größten Leuchters Europas, wie die Gemeinde nicht ohne Stolz angibt.

Teichtal dankte Spahn und dem medizinischen Personal für deren unermüdlichen Einsatz. Diese Menschen seien „Beispiel und Vorbild in dieser Krise“.

Teichtal sagte, es sei nicht selbstverständlich, dass nach den Jahren der Shoah und der Herrschaft der Nationalsozialisten Juden heute wieder wie selbstverständlich in Berlin leben könnten. Teichtal erinnerte daran, dass an dem Platz, an dem die Feier stattfand, früher die nationalsozialistischen Mörder-Truppen marschiert seien. Es sei ihnen aber nicht gelungen, das Judentum aus diesem Land zu vertrieben. Teichtal sagte dieser Zeitung, es sei für die Juden in aller Welt ein besonderes Symbol, dass die jüdische Gemeinschaft Chanukka ausgerechnet auf dem Platz feiern könne, „wo früher das Zentrum der Dunkelheit für das jüdische Volk“ gewesen sei.

Teichtal rief allerdings auch zu Wachsamkeit auf, weil es in den vergangenen Jahren zu einer Zunahme des Antisemitismus gekommen sei. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller warnte vor einem Erstarken des Antisemitismus. Er verurteilte in diesem Zusammenhang Demonstranten, die wegen der Pandemie auf die Straße gingen und dies gemeinsam mit Rechtradikalen täten. Der Grüne Bundesvorsitzende Robert Habeck sagte, man müsse auf der Hut sein, weil der Antisemitismus wieder zugenommen habe.

Mit der anrührend-coolen Musik der Swingband The Swingin' Hermlins wurde das Publikum trotz einer kalten Nacht in bessere Zeiten entführt – schon allein deshalb, weil die Zuhörer erstmals seit längerem wieder einmal Live-Musik hören durften. Bandleader Andrej Hermlin, Sohn eines deutsch-jüdischen Schriftstellers und einer russischen Germanistin, sagte, sein Vater Stephan Hermlin habe eigentlich nur Bach und Beethoven gehört. Doch einmal habe er die Kinder überrascht, als er plötzlich „I am in heaven“ aus Irving Berlins „Cheek to cheek“, gesungen von Fred Astaire, intonierte. Hermlin habe Fred Astaires Musik in Paris kennengerlernt, nachdem er Deutschland in letzter Sekunde verlassen hatte. Mit seinen wenigen Jazzplatten hat ihn der Vater später mit dem „amerikanischen Swingvirus“ infiziert. Auf der Bühne stand auch die nächste Generation der Familie, die Geschwister Rachel und David. Sie sangen und spielten Lieder aus der jüdisch-deutschen-amerikanischen Tradition, einer Tradition, die schon viele schlechte Zeiten überstanden und deren friedliche Ironie nichts von ihrer Wirkung verloren hat.