Zehn Meter hoch: Der Chanukka-Leuchter am Pariser Platz ist der größte in Europa. Zum Zünden des Lichts war eine Hebebühne nötig.
Foto: Volkmar Otto

Berlin-MitteBald nachdem am Sonntag die Sonne untergegangen war, wurde vor dem Brandenburger Tor ein symbolträchtiges Licht entzündet: die erste Kerze am zehn Meter hohen Chanukka-Leuchter. Bis Montag, 30. Dezember, wird an dem riesigen achtarmigen Leuchter nun jeden Abend eine weitere Flamme die Dunkelheit erhellen. So ist es üblich beim achttägigen jüdischen Lichterfest Chanukka, zu dessen Auftakt unter anderem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sowie Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum Pariser Platz gekommen waren.

„Chanukka ist eines der bekanntesten jüdischen Feste“, erläuterte Yehuda Teichtal, Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender des Jüdischen Bildungszentrums Chabad, das die Chanukka-Feier am Pariser Platz seit 15 Jahren organisiert. Das Lichterfest habe seinen Ursprung in einer Zeit, in der die Juden unterdrückt wurden und ihre Religion nicht ausüben durften.

„Mit dem Fest wird an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 erinnert, was dem Jahr 164 vor der Zeitrechnung entspricht“, sagte Teichtal. Damals sei nach Kämpfen gegen die Griechen nur noch ein Krug geweihtes Öl vorhanden gewesen, der eigentlich nur für einen Tag reichte. Durch ein Wunder habe das Öl jedoch Licht für acht Tage gespendet.

Ein familiäres Fest

„Das Lichterfest ist auch identitätsfördernd“, sagte Boris Ronis, Rabbiner in der Synagoge Rykestraße in Prenzlauer Berg, der den Chanukka-Beginn am Sonntag in seiner Gemeinde feierte. Damals hätten die Juden vor der Frage gestanden, Hellenisten zu werden, sich also der alten griechischen Religion zuzuwenden oder nicht. „Es war bedeutend, dass sie sich entschieden, ihrer Religion treu zu bleiben“, sagte Ronis. Eigentlich sei Chanukka eher ein familiäres, häusliches Fest. „In einigen Familien hat jedes Mitglied seinen eigenen Chanukkia, wie der der Leuchter genannt wird, und man kommt zusammen, um die Lichter zu entzünden“, sagte der Rabbiner.

Chanukka sei ein fröhliches und geselliges Fest, bestätigte Teichtal. Gemeinde, Familien und träfen sich zu Festen und gutem Essen, Kinder bekämen Geschenke und Süßigkeiten. „Wir laden alle Berliner ein, Chanukka mit uns zu feiern. Denn wir wollen mehr Miteinander, ins Gespräch kommen und Vorurteile abbauen.“ Eine Gelegenheit gebe es zum Beispiel am Sonntag, den 29. Dezember um 18.30 Uhr bei Chanukka on Ice im Eisstadion in Wilmersdorf.

Aufruf zu mehr Miteinander

Das Bildungszentrum Chabad findet es wichtig, Chanukka auch in der Öffentlichkeit zu feiern. „Die Botschaft von Chanukka ist: Das Licht siegt über die Dunkelheit, die Liebe über den Hass und der Respekt über die Intoleranz“, betont Teichtal. Der orthodoxe Rabbiner, der in New York aufwuchs und 1996 mit seiner Familie nach Berlin kam, betrachtet es als wichtiges Symbol, dass gerade am Pariser Platz in Berlin, der in der Zeit des Nationalsozialismus ein Zentrum des Hitler-Regimes war, nun der Chanukka-Leuchter erstrahlt. Mit zehn Metern Höhe ist er der größte in Europa.

„Der Chanukka-Leuchter signalisiert: Deutschland steht für Licht und Toleranz“, betont Teichtal. Auch nach diesem herausfordernden Jahr mit zahlreichen antisemitischen Übergriffen und dem schrecklichen Anschlag auf die Synagoge in Halle stehe fest: „Das jüdische Leben in Deutschland wird sich nicht verstecken.“

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller bekräftigte in einem Grußwort, welch ein Glück es sei, dass es mitten in der Stadt wieder reges jüdisches Leben gebe. „Jeder kann, jeder muss etwas dafür tun, dass Antisemitismus keinen Platz in unserer Gesellschaft hat“, mahnte er. Zum Chanukka-Lichterzünden am Pariser Platz seien dieses Jahr 2500 bis 3000 Bürger gekommen. Müller: „Es wäre schön, wenn es im nächsten Jahr 20.000 sind.“