Chanukka in der US-Botschaft: „Triumph der Entschlossenen über die Mächtigen“

Für US-Botschafterin Amy Gutmann war dieses Chanukka ein besonderes Ereignis: Ihre Familie war 1934 zur Flucht aus Deutschland gezwungen worden.

US-Botschafterin Amy Gutmann (r.) und Rabbiner Yehuda Teichtal (M.) auf dem Chanukka-Empfang am Montag in der US-Botschaft in Berlin
US-Botschafterin Amy Gutmann (r.) und Rabbiner Yehuda Teichtal (M.) auf dem Chanukka-Empfang am Montag in der US-Botschaft in BerlinBerliner Zeitung

Für US-Botschafterin Amy Gutmann hatte der Chanukka-Empfang in der Botschaft am Brandenburger Tor am Montag eine besondere Bedeutung: Es sei ihr erstes Chanukka in Berlin, sagte sie. Gutmann stammt aus einer jüdischen Familie, die 1934 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste. Gutmann erinnerte in ihrer Rede an ihren Vater Kurt Gutmann, dem es gelungen sei, einen Teil seiner Familie zu retten, weil er schon sehr früh entschieden hatte, seine Heimatstadt Feuchtwangen in Mittelfranken zu verlassen. Er überzeugte seine Geschwister und Eltern, es ihm gleichzutun. Ein anderer Teil der Familie schaffte die Flucht dagegen nicht mehr und wurde in den deutschen Vernichtungslagern ermordet. Gutmann sagte, sie freue sich besonders, dass auch der Bürgermeister von Feuchtwangen, Patrick Ruh, ihrer Einladung in die Botschaft gefolgt sei.

Ruh sagte der Berliner Zeitung, es sei ihm wichtig, „im Gedenken an das Nazi-Unrecht künftiges Unrecht zu bekämpfen“. Darin bestehe eine „große Aufgabe für die westlichen Länder“, betonte der Bürgermeister. Die Familie Gutmann sei „vor dem Naziterror eine hoch angesehene Familie in Feuchtwangen“ gewesen. Es sei „eindrucksvoll, die Entwicklung zu sehen, dass die Tochter einer einst gedemütigten Familie nun als Repräsentantin der mächtigsten Demokratie“ nach Deutschland zurückgekehrt sei. Ruh sagte, dass auf Initiative der Familie Gutmann und der Familie des ebenfalls aus Feuchtwangen stammenden Zvi Lapian im kommenden Jahr zwei Stolpersteine in Feuchtwangen verlegt werden. Die Stadtgemeinde habe im vorigen Jahr in der Ausstellung „800 Jahre jüdisches Leben“ der Juden in der Stadt gedacht. Aus den Archiven der örtlichen Vereine und Sportvereine seien auch Fotos von der Familie Gutmann gezeigt worden. Heute gibt es in Feuchtwangen allerdings kein jüdisches Leben mehr, die Synagoge wurde nicht wieder aufgebaut. 1937 hatten noch 20 Juden in Feuchtwangen gelebt, sagt Patrik Ruh. Der aus Jerusalem stammende und heute in den USA lebende Lapian war ebenfalls bei der Chanukka-Feier anwesend.

Botschafterin Amy Gutmann sagte, es sei ein großartiges Zeichen, dass es nun wieder so viel jüdisches Leben in Deutschland gebe. Sie bedankte sich beim Rabbiner der Berliner Chabad-Gemeinde, Yehuda Teichtal, dessen Gemeinde auch für den großen Chanukka-Leuchter auf dem Pariser Platz zuständig ist, für das Anzünden der Chanukka-Kerzen. Gutmann erinnerte daran, dass Chanukka als Fest „den Triumph der wenigen Entschlossenen gegen die Mächtigen“ symbolisiere und das Anzünden der Kerzen auch ein „Zeichen der Hoffnung für die belagerten Völker“ sei. Sie erwähnte die Ukraine, den Iran und Hongkong. Die Botschafterin sagte, dieses Jahr gedenke sie besonders der Menschen in der Ukraine: „Unsere Gebete gehen an euch und eure Familien, damit ihr eure Wohnungen wärmen könnt und Licht habt“, sagte Gutmann unter Bezugnahme auf die russischen Angriffe gegen die zivile Infrastruktur in der Ukraine. Die Menschen in der Ukraine „kämpfen nicht nur für sich, sondern für uns alle“. Die Botschafterin sagte, dass der Antisemitismus „in den USA, in Deutschland und in der ganzen Welt“ weiter ein großes Problem sei, gegen das ihre Regierung entschlossen kämpfen werde: „Antisemitismus und Holocaustleugnung haben keinen Platz in Amerika.“

Rabbiner Teichtal lobte die Botschafterin als einen „Leuchtturm“ und dankte für ihre Bemühungen zur Unterstützung des jüdischen Lebens in Deutschland. Er zeigte sich erfreut, dass es erstmals in der US-Botschaft zum Chanukka-Fest auch koschere Verpflegung gab – unter anderem Sufganiyot (Krapfen) oder Latkes (Kartoffelpuffer). Teichtal sagte, dass das wiedererwachte jüdische Leben in Deutschland Hoffnung für die Zukunft gebe. Die Chanukka-Feier sei auch eine Stunde des Erinnerns: „Die sechs Millionen heiligen jüdischen Seelen sind mit uns“, sagte Teichtal. Botschafterin Amy Gutmann hatte zuvor auch einige Holocaustüberlebende als Besucher begrüßt, unter anderen Margot Friedländer. An der Veranstaltung wirkten auch drei Jugendliche aus einem Waisenhaus in Odessa mit. Sie waren durch eine Aktion von Rabbiner Teichtal vor dem Beschuss durch russische Raketen gerettet und nach Berlin gebracht worden.