Zwei Wochen lang gingen Margit und Peter Grieshammer aus der Württembergallee in Berlin-Westend jeden Tag zu ihrem Briefkasten – und was fanden sie? Nichts.

Seit dem 23. September warteten die Senioren auf wichtige Unterlagen, auf Konzertkarten, auf bestellte und bereits bezahlte Musik-CD sowie auf ein Rezept vom Arzt. Doch der Kasten blieb leer. Tag für Tag.

Was es für Folgen hat, wenn die Post zur Schneckenpost wird, hat Margit Grieshammer schon öfter erlebt. „Ich hatte Karten für die Staatsoper bestellt“, sagt sie. Die Tickets für „Szenen aus Goethes Faust“ wurden per Post versandt. Bis zum Konzert – am 6. Oktober 18 Uhr – war genügend Zeit für die Lieferung. Eigentlich. Margit Grieshammer wartet bis heute auf die Tickets.

Ein Drittel der Zusteller sind krank

Sie wollte trotzdem in die Oper und forderte in ihrer Not die Kontoauszüge bei der Bank an, die belegen, dass sie für die Karten bezahlt hat. Aber auch die kamen – man ahnt es – per Post und damit nicht rechtzeitig. Dass sie trotzdem in den Genuss des Konzerts kam, ist allein der Kulanz der Staatsoper zu verdanken. Die Grieshammers sind beileibe kein Einzelfall. Wie diese Zeitung am Donnerstag berichtete, ist der Krankenstand bei der Post katastrophal: Zwölf Prozent der etwa 3000 Zusteller in der Region sind derzeit krank gemeldet.

Das Problem hat nun auch die Politik erreicht. Der Spandauer CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner hat sich in die Debatte eingeschaltet. Der Politiker bittet Bewohner aus Gatow und Kladow, ihm „überlange Zustellzeiten“ zu melden. Denn die sogenannte Postuniversaldienstleistungsverordnung regelt, wie schnell und wie oft Briefe zugestellt werden müssen, und die gilt weiterhin.

Rechnungen, Urlaubsgrüße und ein dringendes Rezept

Die Post muss also dafür sorgen, dass mindestens 80 Prozent der Briefe am ersten Werktag nach dem Einwurf zugestellt werden. Zwei Werktage später sollen mindestens 95 Prozent der Briefe in den Briefkästen der Empfänger landen.

Doch bei den Grieshammers blieb es nicht bei dem Ärger mit den Konzertkarten. Margit Grieshammer ist sehbehindert und hat bei der Blindenhörbücherei Blindensendungen bestellt, die sie dringend für einen Vortrag benötigt. Auch hier: Zustellung Fehlanzeige. Ebenso bei bereits bezahlten CD, Rechnungen, Urlaubsgrüße und einem dringend benötigen Rezept für ihren Mann.

Das berlinspezifische Problem

Margit Grieshammer stellte Nachforschungen an. Mehrmals rief sie die Hotline der Post an und wurde stets vertröstet – man leite den Fall an die Fachabteilung weiter. Doch diese Abteilung meldete sich nie. Eine verzögerte Zustellung könne schon mal vorkommen, hieß es. Der Absender müsse dann einen Nachforschungsantrag stellen. Mit einem ausgedruckten Formular – und natürlich per Post. „Das ist wie zu Kaisers Zeiten“, sagt Margit Grieshammer. „All die Nachforschungen sind mit Kosten und Geld verbunden.“ Dabei hat sie noch Glück. Was ist, wenn Rechnungen unbezahlt bleiben, weil die Post nicht zuverlässig zugestellt wird? Was ist mit Vorladungen oder Mahnungen?

Bei Ärger kann der Postkunde lediglich Beschwerde bei der Bundesnetzagentur einlegen. Und die kennt das berlinspezifische Problem bereits genau. „Aus keiner anderen Stadt in Deutschland bekommen wir wegen der Briefzustellung zur Zeit so massive Beschwerden wie aus Berlin“, sagt Sprecher Olaf Peter Eul. Wegen der vielen Beschwerden hat sie die Post am Mittwoch schriftlich aufgefordert, die „werktägliche Zustellung in Berlin sicherzustellen“, sagt Eul.

An die Eisentür geklopft

Auch Margit Grieshammer blieb nicht untätig. Sie suchte ihr zuständiges Postamt auf – fand aber keinen Ansprechpartner. Man sei nur Postbank und nicht zuständig. Erst als sie zu einer List griff und sich Zugang zum Büro der örtlichen Zusteller verschaffte und energisch an eine verschlossene Eisentür klopfte und hartnäckig nachfragte, erfuhr sie von der einzigen Mitarbeiterin dort, dass ihr Zusteller derzeit krank sei.

Ein Ersatz sei nicht vorgesehen. „Es ist unmöglich, dass sich ein so großer Konzern nicht organisieren kann“, sagt sie. Am Donnerstag dann hatten Grieshammers zwar wieder etwas Post im Kasten, aber längst nicht alles, was sie erwarten.