Ingeborg Rapoport, die Begründerin der Neonatologie in Ost-Berlin, Ärztin von Weltruf in ihrem Fach und Inhaberin des europaweit ersten Lehrstuhls dieser in den 1960er-Jahren neuen Disziplin der nachgeburtlichen Versorgung an der Charité ist im Alter von 104 Jahren gestorben. Das erfuhr die Berliner Zeitung am Montag.

Schon allein ihre glänzende berufliche Karriere ist Grund genug, um den Verlust dieser wunderbaren Berlinerin zu betrauern. Allerdings tritt daneben ihr ganzer Lebensweg – der einer deutschen Jüdin. Ingeborg Rapoport wurde 1912 als Tochter einer jüdischen Pianistin in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun geboren, studierte in den 30er-Jahren Medizin an der Universität Hamburg, wo sie aufgewachsen war. Dort reichte sie ihre Dissertation ein, durfte sie aber nicht verteidigen. Immerhin bestätigte ihr der den Nationalsozialisten abgeneigte Professor Rudolf Degkwitz noch die Einreichung. 1938 gelang ihr die Ausreise in die USA.

Dort arbeitete sie in verschiedenen Krankenhäusern und schloss ein Studium am Woman's Medical College in Philadelphia als Medical Doctor (MD) ab. An der Universität Cincinnati lernte sie 1944 ihren späteren Ehemann Mitja Rapoport kennen. Mit dem in Galizien geborenen und in Wien aufgewachsenen Biochemiker und Mediziner bekam sie vier Kinder. Der Kommunist geriet 1950 in die Mühlen des McCarthy-Untersuchungsausschusses.

Die Rapoports flohen mit den Kindern nach Wien. Seit 1952 lebten sie in Ost-Berlin, fanden eine neue Heimat. Zu ihrem 100. Geburtstag ehrte sie die Charité mit einem Festakt.

„Es lässt sich nicht gutmachen“

Doch es blieb die von den Nationalsozialisten verursachte akademische Lücke: der verweigerte Doktortitel. Es war dann ein für die nunmehr 102 Jahre alte Frau ein überwältigender Moment, als im Mai 2015 ein Prüfungsausschuss Hamburger Professoren samt Dekan in ihrem Pankower Wohnzimmer erschien und sie ihre Dissertation verteidigen durfte.

Dem Reporter der Berliner Zeitung, der sie kurz darauf besuchte, erzählte sie, sie sei furchtbar nervös gewesen: „Über Diphtherie hatte ich seit meinem Examen nicht mehr gearbeitet“, sagte sie. „Ich musste mich auf den neuesten Stand bringen. Da ich fast blind bin, konnte ich nicht selbst recherchieren. Meine Schwiegertochter und ein früherer Schüler von mir haben mir dabei geholfen.“

Im Juni 2015 kehrte sie zum ersten Mal, seit die Nationalsozialisten sie von der Hamburger Universität verjagten, dorthin zurück, um die Urkunde mit dem erworbenen Titel entgegenzunehmen. „Wiedergutmachung kann man das nicht nennen“, sagte Ingeborg Rapoport damals der Berliner Zeitung. „Es lässt sich nichts wiedergutmachen.“ Sie habe es für die Opfer getan, „für all jene, die keine Möglichkeit haben, gehört zu werden“.

Hellwach war sie all die Zeit. Ihre Erinnerungen hat Ingeborg Rapoport mit achtzig Jahren geschrieben und „Meine ersten drei Leben“. Nun hat sie ihr viertes vollendet. Eine Jahrhundertgestalt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es Ingeborg Rapoport sei im Alter von 105 Jahren gestorben. Richtig aber ist, dass sie im Alter von 104 Jahren gestorben ist. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.