Das Schlagzeug wird schneller, die Trommelschläge werden härter. Auf der Bühne steht ein Mann mit blauem Jackett, Vollbart und Mikro in der Hand. Er grinst. „Ihr wollt wissen, warum man mich Dr. Volkanikman nennt?“ Die Band setzt ein. Dr. Volkanikman springt wild über die Bühne und grölt mehr, als dass er singt, über Liebe und Frieden. Die Erklärung für den akademischen Titel folgt an das Publikum im Badehaus Szimpla: „Ich bin Doktor, kein Scherz!“

Drei Tage später sitzt Dr. Volkan Aykac, so sein bürgerlicher Name, in einem Café am Bundesplatz in Wilmersdorf – seinem Kiez, in dem er seit seiner Geburt vor 32 Jahren lebt. Das Jackett hat er gegen ein hellblaues Hemd getauscht. Hinter der stilvollen weißen Brille sind dunkle Augenringe zu erkennen. „Könnt ihr die bitte wegretouchieren“, scherzt Aykac, „ich komme gerade aus einer 24-Stunden-Schicht und konnte da kein Auge zu machen“. Er arbeitet am Virchow-Klinikum der Charité. Dort absolviert er seine Facharztausbildung als Internist mit Schwerpunkt Geriatrie.

Seine Musik, eine Mischung aus Reggae, Ska, HipHop und orientalischen Einflüssen, macht er neben dem Beruf und ausschließlich für Charity-Zwecke. Vor acht Jahren veröffentlichte er sein erstes Album „Im Namen der Menschlichkeit“. Seither sind vier weitere dazu gekommen, zuletzt Ende September seine neueste Platte „Share a tea“.

45.000 Euro gesammelt

Der Vertrieb der CD laufe nur über seine Website, um externe Kosten zu sparen, erklärt der Mediziner. Denn das Geld aus dem Verkauf soll wie auch die Einnahmen der drei, vier Konzerte, die er jährlich in Berlin gibt, komplett gespendet werden. 45.000 Euro habe er bisher gesammelt. Das Geld gehe an unterschiedliche Institutionen, „Ärzte ohne Grenzen“, Islamic Relief Deutschland, German Doctors, die Einnahmen aus dem Releasekonzert im Badehaus, knapp 1000 Euro, sollen dem Kinderhospiz Sonnenhof in Pankow zu Gute kommen. „Mir ist wichtig, dass ich weiß, dass das Geld ankommt. Denn ich will mit der Musik nicht berühmt werden, sondern helfen“, sagt Aykac.

Dabei hätte der Mediziner durchaus das Zeug zum Berufsmusiker gehabt. Schon früh begann er zu singen und nahm mit einem Kassettenrekorder Michael Jackson-Songs auf. „Meine Mutter ist schuld. Sie hat ständig gesungen und bei uns quasi das Radio ersetzt.“ Mit 13 schrieb er eigene Texte, zunächst HipHop, später Reggae. Anfang der 2000er stand er mit Culcha Candela und Ganjaman auf der Bühne, mit dem er bis heute befreundet ist.

Trotz der frühen Erfolge entschied sich Aykac gegen die Bühne und für den weißen Kittel. „Ich wollte immer Arzt werden“, erinnert er sich. Als Achtjähriger habe er einen schweren Asthmaanfall gehabt, bei dem er fast erstickt wäre. Ärzte halfen ihm und weckten so seinen Berufswunsch. „Retrospektiv bin ich froh, dass ich mich so entschieden habe. Arzt zu sein macht Spaß, gerade auch der Umgang mit den alten Menschen, ich habe ein geregeltes Einkommen und kann so erst recht Charity-Musik machen.“

Deutsch, Englisch oder Türkisch

Frieden, Liebe, Völkerverständigung – das sind Aykacs Kernthemen. Sie finden sich in fast jedem seiner Songs, egal ob auf Deutsch, Englisch oder Türkisch. Auch auf der Bühne scheut er nicht die großen Ansagen. „Wo sind die Hände für den Frieden. Ich will keine Waffen, ich will Frieden zwischen allen Ländern und allen Religionen“, ruft er im Badehaus. Die Themen, die Aykac anspricht, sind ihm auch aufgrund seiner eigenen Erfahrung wichtig. Immer wieder habe er Diskriminierungen erfahren, sagt der Sohn aus der Türkei zugewanderter Eltern: „Ich lese oft die Skepsis auf den Gesichtern meiner Gesprächspartner: Sie sind wirklich Arzt?“

In den vergangenen Jahren ist für den praktizierenden Muslim auch die Religion eher unfreiwillig zum Thema geworden. Er will zeigen, dass es auch praktizierende Muslime gibt, die mit Nichtmoslems für eine gute Sache kämpfen. „Wir Muslime sind unter einen Generalverdacht geraten“, kritisiert er. Dabei gehe es beim Glauben doch um Frieden. Diese soziale Verantwortung erwachse schließlich auch aus seiner Profession als Mediziner.

In seinem beruflichen Umfeld wissen nur wenige Kollegen von seinem Zweitleben als Musiker. Auf der Station sei er nur Arzt. „Ich versuche nicht raushängen zu lassen, dass ich Musiker bin. Ein wenig aus Bescheidenheit, aber ich möchte vor allem auch nicht den Überraschungseffekt kaputt machen.“ Schließlich möge er den verdutzten Gesichtsausdruck, wenn sich auf der Bühne Dr. Aykac in die Rampensau Dr. Volkanikman verwandelt.

Weitere Infos und CD unter www.volkanikman.com