Berlin - Schnee? Ja bitte! „Es wäre schön, wenn es in diesem Winter schneien würde“, sagt Henry Widera, der bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) den Vorstandsstab Digitalisierung leitet. Denn dann könnte eines der wichtigsten Projekte, die der Ingenieur betreut, die nächste Stufe erklimmen.

Kommen die selbstfahrenden Busse, die bei der Charité unterwegs sind, mit Schnee klar? Bislang fahren sie pannen- und unfallfrei. „Doch wir hatten noch nicht die Möglichkeit herauszufinden, wie die Technik, insbesondere die Sensorik, auf verschneiten Straßen funktioniert“, so Widera. Die autonomen Shuttles müssen noch lernen, und anders als geplant wird auch 2019 Personal an Bord sein. Der vollautomatische Betrieb wird verschoben.

Sie sind gelb, stammen aus Frankreich, und sie sehen aus wie groß geratene Frischhalteboxen auf Rädern. Ein Gaspedal oder ein Lenkrad haben die vier elektrischen Minibusse, die Ende März auf dem Campus Charité Mitte und dem Campus Virchow-Klinikum den Linienbetrieb aufgenommen haben, jedoch nicht.

Ein Vorgeschmack auf die Zukunft

Sie brauchen auch kein Fahrpersonal. Als autonome Fahrzeuge finden sie sich mit Laser- und Radarsensoren zurecht – sowie anhand einer 3-D-Karte, die im Computer gespeichert ist. Es ist ein Vorgeschmack auf die Zukunft, in der sich Zubringerverkehr wirtschaftlicher organisieren lässt als heute.

Bis Januar sind die beiden Easymile- und die beiden Navya-Busse in der Winterpause. Zeit für eine erste Bilanz des Forschungsprojekts Stimulate, an dem auch das Land Berlin und die Charité beteiligt sind. Es kostet 4,1 Millionen Euro, davon zahlt das Bundesumweltministerium 3,2 Millionen Euro.

Widera weiß, welche Frage als Erstes kommt: Wie sicher ist der autonome Betrieb? „Bislang gab es keinen einzigen Unfall. Niemand wurde von den Shuttles angefahren, kein anderes Fahrzeug wurde von ihnen beschädigt.

„Die Fahrzeuge funktionieren zuverlässig“

Wenn ihnen jemand oder etwas in die Quere kommt, reagiert ihre Technik zuverlässig mit einer Drosselung des Tempos oder notfalls mit einer umgehenden Vollbremsung.“ Allerdings hätten sich die Begleiter in einigen Fällen aus eigener Intuition dazu entschlossen, vorsorglich den roten Stopp-Knopf im Bus zu drücken – „zum Beispiel wenn sie das Gefühl hatten, dass sich ein Konflikt anbahnte oder wenn Gegenverkehr schnell entgegenkam“.

Gab es Pannen? In drei Fällen war ein Betrieb jeweils mehrere Tage lang nicht möglich, so Widera. Softwarefehler und Updates erforderten es, den Gesamtbetrieb vorübergehend einzustellen, „zur Sicherheit“. Es gab auch Störungen der Klimaanlagen.

Doch unterm Strich steht ein Lob: „Die Fahrzeuge funktionieren zuverlässig.“ Wie vorgesehen drehten sie montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr ihre Runden – was wörtlich zu verstehen ist, denn es handelt sich um drei Rundkurse, die insgesamt 3,5 Kilometer lang sind und 26 Haltestellen haben.

Elektrobusse avancieren zur Touristenattraktion 

2018 nutzten insgesamt rund 4000 Menschen die Möglichkeit, sich kostenlos mit Höchsttempo 12 befördern zu lassen. Doch nicht nur die Fahrgäste profitieren, erzählt Widera. „Es gibt Berlin-Touristen, die extra zur Charité kommen, um sich unsere Shuttles anzuschauen. So gesehen sind unsere kleinen autonomen Elektrobusse fast schon eine Touristenattraktion der besonderen Art.“

Ursprünglich sollte vom Frühjahr 2019 an das unbegleitete Fahren getestet werden. Doch ein vollautomatischer Betrieb ist auf unbestimmte Zeit noch nicht möglich. Auch im neuen Jahr wird Personal an Bord sein, um im Notfall einzugreifen, so Widera.

„Technisch sind wir noch nicht so weit, als dass wir ohne Fahrzeugbegleiter auskommen könnten. Bei Gefahr bleiben die Busse zuverlässig stehen, aber noch können sie Hindernisse nicht eigenständig umfahren. Um die Gegenfahrbahn nutzen zu können, brauchen sie derzeit noch Assistenz“ – das ist auch anderswo bei solchen Fahrzeugen der Fall. Doch das Ziel bleibt, die Shuttles auch ohne Begleiter zu betreiben.

Gespräche über Shuttle-Service am Tegeler See

Im Jahr 2020 endet das Projekt. Widera hofft, dass vorher die Campus-Mitte-Linie das Privatgelände verlassen darf. „Wir wollen Erfahrungen für einen Betrieb auf öffentlichem Straßenland gewinnen“, sagt er.

Aus rechtlichen Gründen ist das schwierig. Möglicherweise wird aber auch Tegel Schauplatz eines solchen Versuchs. Dem Vernehmen nach ist im Gespräch, zwischen dem U-Bahnhof Alt-Tegel und der Greenwichpromenade am Tegeler See einen autonomen Shuttle-Service einzurichten.