Die Charité von einst: Matthäus Seutter, „Das königliche große Lazareth“, um 1740. 
Foto:  Matthäus Seutter

BerlinIn diesen Tagen beginnt in Berlin-Charlottenburg der Umbau der Messehalle 26 in ein Tausend-Betten-Krankenhaus. Es wird dort kein Krankenhaus im herkömmlichen Sinne entstehen, wie Albrecht Broemme, ehemaliger Feuerwehrchef der Stadt und zuständiger Planer, jüngst erläutert hat. „Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße“ wird es heißen, Patienten, die in den zahlreichen Berliner Kliniken aus Kapazitätsgründen möglicherweise nicht behandelt werden können, sollen dort beatmet werden. Ein Ort zur Linderung von Qualen in Zeiten der Not, die vielleicht noch kommen könnten.

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Auch die Berliner Charité, deren Virologen die Nation in diesen Tagen, in denen weltweit das Coronavirus grassiert, mit Erkenntnissen und Empfehlungen versorgen, entstand einst, im Mai 1710, als Notklinik. Angefangen hat alles in einem kümmerlichen Lazarett hinter dem Spandauer Tor – zu der Zeit, als die „Große Pest“ in Ostpreußen wütete.

Man fürchtete die Ankunft des Schwarzen Todes in der Residenzstadt Berlin. Während des Nordischen Krieges zwischen Schweden und Russland hatte die Krankheit in Ostpreußen schon Zehntausende getötet. Die Pest war zuerst in den schwedischen Lazaretten bemerkt worden, in denen infizierte Soldaten lagen.

Lazarett zur Zeit der „Großen Pest“ in Ostpreußen

Schon ab 1708 gelangten Meldungen aus Bezirken wie Pillupönen in der Nähe von Königsberg (heute Kaliningrad) nach Berlin. Die Menschen flohen dort vor dem Schwarzen Tod in die Wälder. Es kamen Missernten hinzu und dann, zu allem Unglück, ein extremer Winter. Seit 500 Jahren hatte man eine solche Kälte nicht erlebt. Schließlich wurde der erste Pestfall in Prenzlau nördlich von Berlin bekannt. Nun wurde nach Manier der preußischen Könige gehandelt, nämlich „cito, cito“ – schnell, schnell.

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Berlin war damals eine Stadt von 60.000 Einwohnern. Es war eine Stadt mit einem Schloss in der Mitte und dem Lustschloss Charlottenburg, eine Stadt, in der die Menschen Tee, Kaffee und Schokolade konsumierten, in der es eine Perückensteuer gab und einen König, der den französischen Herrscher Ludwig XIV. nachahmte.

Allerdings waren auch die gesellschaftlichen Widersprüche, die im ehrgeizigen Königreich Preußen herrschten, eklatant. Im Jahr 1707, als viele Menschen in der Stadt schon hungerten, wurde eine Prunkjacht aus Holland nach Köpenick geliefert, und um das Schiff zu transportieren, mussten Brücken zerstört, Schleusen stillgelegt werden.

Quacksalber rieten zu Amulett und starkem Bier

Nun drohte die Pest. Wie sollte diese Stadt Berlin, der Stolz der Hohenzollern, geschützt werden, wenn man kaum Mittel gegen die Krankheit kannte? Wenn die Quacksalber den Menschen rieten, Amulette um den Hals zu tragen oder starkes Bier zu trinken?

Damals – wie heute in der Coronavirus-Krise auch – beschloss man, mit Willenskraft und mit Effizienz gegen die Gefahr vorzugehen. Man nahm ein Stück Land hinter dem Spandauer Tor, also außerhalb der Stadtmauer gelegen, und baute auf königliche Kosten ein „großes Gebäude von ausgemauertem Fachwerk“, das die Pestkranken beherbergen sollte – mit sicherem Abstand zur gesunden Bevölkerung, die innerhalb der Tore lebte.

Hinzu kam ein Pestreglement, das Folgendes bestimmte: Zusammenkünfte in den Zechen, Schenken, Wein-, Bier- und Zunfthäusern wurden verboten, auch Musik, Tanz und Spiele.

Die Meldungen aus Königsberg waren schlimm. Königsberg wurde strengstens abgeriegelt, nur drei Viktualienmärkte waren geöffnet, und überall mahnten Galgen: Wer versuchte, aus der Stadt zu entkommen, wurde mit der Todesstrafe belegt. Auf den Märkten wurden Lebensmittel auf langen Holzbrettern den Kunden zugeschoben, Geld wurde mit Essig desinfiziert. In den Kirchen mahnten streng die Prediger.

Die große Katastrophe blieb aus

Eine Schreckenskulisse. Und so griff man in Berlin zu besonderen Maßnahmen. Schon die Bauanweisungen für das Pest-Krankenhaus waren mit Sorgfalt und Strenge formuliert. 400 Betten sollte es in dem neuen Haus geben. In den Anweisungen war zu lesen: „Zwischen den Bett-Ställen von beyden Seiten muss genugsamer Raum bleiben, damit den Kranken notwendige Handreichung geschehen könnten.“ Die Räume sollten „luftig seyn und von Winden bestrichen“. Hier zeigt sich der Geist der Frühaufklärung, der König Friedrich I., bei aller Liebe zum Prunk, auch ergriffen hatte.

Zwischen den Bett-Ställen von beyden Seiten muss genugsamer Raum bleiben, damit den Kranken notwendige Handreichung geschehen könnten.

Aus den historischen Bauanweisungen für die Charité

Einem Wunder glich es schließlich, dass die Große Pest zwar überall um sich griff, aber Berlin verschonte. Und weil die Epidemie   – anders als erwartet – ausblieb, wurde das Pesthaus hinter dem Spandauer Tor der Armendirektion der Stadt übergeben. Doch blieb die Stimmung in Preußen nüchtern. Als 1712 der Sohn des Kronprinzen, der spätere Friedrich II., geboren wurde, gab es keine teuren Feuerwerke, sondern nur das Läuten der Kirchenglocken.

Ein Jahr später, am 25. Februar 1713, starb der alte König und machte den Weg frei für den strengen Friedrich Wilhelm I., den man später den Soldatenkönig nannte. Aus dem Pesthaus wurde eine Herberge für Arme, Krätze-Kranke, Bettler, Waisen, „gefallene Frauen“ und Prostituierte. Bald wurde das Haus vom Volk „Spinnhaus hinterm Spandauer Tor“ genannt, weil die Bewohner versuchten, mit allerhand Wollarbeit über die Runden zu kommen.

Interesse des Staates am „Medizinalwesen“ stieg

In Berlin gab es damals noch nicht so berühmte Krankenhäuser wie in Paris oder London. Doch der Aufstieg der Charité ließ nicht lange auf sich warten – weil der Staat Preußen das „Medizinalwesen“ mehr und mehr zu seiner Sache machte. In den letzten Novembertagen des Jahres 1713 wohnte der junge König Friedrich Wilhelm I. der ersten öffentlichen Sektion im eigens von ihm eingerichteten „Theatrum Anatomicum Berolinense“ in dem Neuen Marstall Unter den Linden bei. Der König saß auf einem eigens für ihn gefertigten Prunksessel und schaute beim Sezieren der Leiche eines Kammerdieners, der an Schwindsucht gestorben war, zu. Ferdinand Gottfried Leygebe dokumentierte das Ereignis in einem Kupferstich.

Als junger Mann hatte der Soldatenkönig die Sektionspraktiken an den Universitäten im fortschrittlichen Holland erlebt, und er wollte dies auch für sein Land. War er sonst auf Sparsamkeit bedacht, so wünschte der König nun, dass Preußen die am besten ausgebildeten Chirurgen, Ärzte, Hebammen, und Apotheker in ganz Europa haben sollte.

Mehr noch, er wollte er das gesamte Heilwesen unter staatliche Qualitätskontrolle bringen – und damit leistete er Pionierarbeit. So bestimmte er in einem Schreiben vom 14. Januar 1727, dass das ehemalige Pesthaus als das „Haus der Charité“ ausgebaut werden sollte, nämlich als ein modernes Bürgerhospital für alle Stände.

Krankenhaus zur Stärkung der Preußischen Armee

Der Soldatenkönig hatte allerdings weniger die Entwicklung der Wissenschaft im Sinn, sondern vor allem ein ganz praktisches Ziel: die Stärkung der Preußischen Armee. Zu Beginn seiner Regentschaft waren jährlich 20 Prozent der Soldaten in den Bataillonen wegen Krankheiten und Altersschwäche ausgeschieden. Die Verbesserung der medizinischen Ausbildung und die daraus resultierende bessere medizinische Versorgung änderten dies maßgeblich.

Auch im 19. Jahrhundert dominierte das Praktisch-Militärische im Krankenhaus – gegen den Willen des angesehenen Gelehrten Wilhelm von Humboldt, der die wissenschaftliche Forschung stärken wollte. Die Offizierskadetten, die sich auf eine medizinische Karriere in der Armee vorbereiteten, die berühmten Eleven also, erhielten eine einjährige Ausbildung in der Charité. Die bürgerlichen Mediziner mussten sich mit drei Monaten praktischen Unterrichts an den Krankenbetten begnügen.

In der Weltpresse, etwa der Financial Times aus London, kann man in diesen Tagen Vermutungen zum neuen Berliner Notkrankenhaus lesen, etwa, dass funkelnagelneue Beatmungstechnik vorhanden sei. So wird es nicht werden, auch wenn Albrecht Broemme wissen lässt, dass keine „Dorfklinik“ entstehen solle.

Corona-Krankenhaus nach dem Prinzip von 1710

Tatsächlich entsteht in Charlottenburg im Prinzip eher so etwas wie das Pesthaus von 1710. Es ist das Nötige und das Notwendige. Die „nackten Messehallen“ gefallen Albrecht Broemme besser als das repräsentativere Gebäude des ICC, das leer steht. Sie gefallen ihm deshalb besser, weil es in den Messehallen leichter ist, die notwendigen Hygienevorschriften einzuhalten.

Ärzte und Personal werden nicht von den vorhandenen Krankenhäusern abkommandiert, schwere Krankheitsverläufe sollen weiterhin in Kliniken behandelt werden. Broemmes Krankenhaus wird ein Entlastungs-Krankenhaus sein, er wirbt um freiwillige Helfer sowie pensionierte Kräfte. Die Menschen, die dort arbeiten, werden wie Feuerwehrleute sein, die das Risiko nicht scheuen dürfen. Denn im Jahr 2020 gibt es kein Wundermittel gegen das Virus. Der Staat kann nur klare Entscheidungen und Effizienz anbieten. Das, was 1710 fortschrittlich war. Heute wirkt das fast hilflos.

Das preußische Geheimnis von damals waren weniger die Technik und die mit ihr zusammenhängenden Investitionen als Selbstzweck, sondern der Wunsch, das Nötige zu tun, um die Bevölkerung als Ganzes gesund zu halten.

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