Berlin - Axel Radlach Pries, seit Januar Dekan der Charité, ist ein Mann der Wissenschaft. Sein Arbeitsplatz ist das Labor, nicht der Operationssaal. Der 60-Jährige leitet das Institut für Physiologie und wurde als Nachfolger von Annette Grüters-Kieslich gewählt. Unter ihrer Verantwortung wurden über Jahre hinweg 34 Millionen Euro Forschungsmittel in der Fakultät angespart, die erst Wirtschaftsprüfer entdeckten. Das sorgte für großen Ärger innerhalb und außerhalb des von Finanzsorgen geplagten Uniklinikums. Die Dekanin trat zurück. Heimlichtuerei soll es mit Pries nicht geben. Er tritt für mehr Mitbestimmung ein und erklärt, weshalb der gesamte Vorstand der Charité neu organisiert werden muss.

Herr Professor Pries, Sie wollen Transparenz und Partizipation in der Fakultät einführen. Waren die Strukturen bislang undurchsichtig und undemokratisch?

Ich will Transparenz und Partizipation nicht einführen, sondern verbessern und ich glaube schon, dass wir in dieser Richtung ein erhebliches Entwicklungspotenzial haben. Wir sollten die Fakultät stärker einbinden und den Wissenschaftlern und Einrichtungen ermöglichen, eigenverantwortlich geeignete Dinge selbst regeln zu können.

Was heißt das konkret?

Es soll zum Beispiel für definierte Bereiche Fakultätsbeauftragte geben, die unter anderem regelmäßig im Fakultätsrat berichten, welche Probleme es gibt und welche Schritte eingeleitet wurden, um sie zu lösen. Das schafft Transparenz und ist besser als zu warten, bis irgendwann der Dekan eingreifen muss. Die Mitarbeiter wissen selbst am besten, wo sie der Schuh drückt.

Unter Ihrer Vorgängerin Grüters-Kieslich waren Millionenbeträge zurückgehalten worden. Jetzt gibt es in der Fakultät große Sorgen, dass die Mittel in die Krankenversorgung gesteckt werden sollen. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Nein, überhaupt nicht. Es ist überdies auch der Wunsch von Wissenschaftssenatorin Scheeres, dass die Mittel, die für die Forschung bestimmt sind, auch in die Forschung fließen. Es wurden aber neue Mechanismen eingeführt, weil in der Vergangenheit einiges schief gelaufen ist. Wir werden uns künftig gemeinsam im Vorstand einigen, wofür und wie das Geld eingesetzt wird.

Bislang konnte die Dekanin allein entscheiden. Fühlen Sie sich nicht gegängelt, wenn der Vorstandsvorsitzende Einhäupl und Klinikumsdirektor Scheller mitbestimmen können?

Keinesfalls. Die Vorschläge kommen aus der Fakultät und dem Fakultätsrat. Wir überlegen dann gemeinsam, was das Beste für die Charité ist und ich werde ja auch in Entscheidungen über die Krankenversorgung einbezogen. Natürlich werde ich die Interessen der Fakultät einbringen, aber ich sehe da keinen Gegensatz zu meinen Kollegen im Vorstand.

In der Forschung wurden in den vergangenen Jahren Hunderte Stellen gestrichen. Was haben Sie sich vorgenommen, um die Fakultät zu stärken?

Bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern haben wir trotz der Kürzungen noch einen relativ guten Stand, aber aufgrund der finanziellen Zwänge mussten wir sehr hart bei den sogenannten sonstigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingreifen. Das sind beispielsweise medizinisch-technische Assistentinnen, die wissenschaftliche Arbeit oft erst ermöglichen. Auf diesem Gebiet haben wir einen gewaltigen Substanzverlust erlitten.

Das geht so weit, dass eine MTA für ganze Institute mit vielen Laborräumen zuständig ist. Es ist aber nicht möglich, dass eine Person das gesamte Spektrum der Techniken optimal beherrscht. Doktoranden und jüngere Wissenschaftler brauchen das Rückgrat von sehr gut ausgebildeten MTAs. Wir müssen uns stärker als Team begreifen und uns an dieser Stelle aus dem hierarchischen Denken lösen. In angloamerikanischen Ländern gibt es etwa Kliniken, die von promovierten Krankenschwestern geleitet werden.

Sie sind auch für die Lehre zuständig. Wie hat sich die Medizinerausbildung seit der Einführung des Modellstudienganges verändert?

Während früher einzelne Fächer abgearbeitet und Scheine in Physiologie oder innerer Medizin gesammelt wurden, unterrichten wir jetzt in Modulen, in denen Themen nach inhaltlichen Schwerpunkten zusammengefasst sind. Zum Beispiel gibt es ein Modul Haut. Da spielt natürlich die Dermatologie eine Rolle, aber auch die innere Medizin, die Anatomie, die Biochemie, die Immunologie, die Psychologie.

Lernen Studierende auch, wie sie mit den Patienten kommunizieren?

Vom ersten Semester an trainieren sie in einem Kurs für Kommunikation und Interaktion diese Fähigkeiten in Übungen und für bestimmte Situationen auch mit Modellpatienten. Da geht es zum Beispiel um Themen wie das Überbringen schlechter Nachrichten, aber auch um interkulturelle Aspekte. Also unter anderem um die Frage, wie Patienten anderer Herkunft mit Krankheiten umgehen.

Es gibt Pläne, das Unimedizingesetz zu ändern, um eine neue Vorstandsstruktur zu schaffen. Was für einen Verbesserungsbedarf gibt es?

Die Charité ist mit ihren beiden Säulen Forschung/Lehre und Klinik als Integrationsmodell organisiert. Im Vorstand ist die Fakultät durch den Dekan und der Bereich Klinik durch den Klinikumsdirektor repräsentiert, und darüber ist vermittelnd der Vorstandsvorsitzende positioniert. Nun wird überlegt, wie man die Organisation des Integrationsmodells verbessern kann. Zudem gab es Urteile des Bundesverfassungsgerichts, wonach Professoren stärker bei organisatorischen und finanziellen Fragen beteiligt werden müssen. Es steht daher der Vorschlag im Raum, dass der Dekan zugleich Vorstandsvorsitzender werden soll. Man kann das sicherlich diskutieren. Allerdings wird der Dekan gewählt und würde dann ein großes Unternehmen wie die Charité mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro führen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es möglich und sinnvoll ist, wenn der Unternehmenschef abgewählt werden kann.

Würden Sie Ihr Amt nach einer Änderung der Vorstandsstruktur vorzeitig zur Verfügung stellen?

Ja, ich bin nach dem Universitätsmedizingesetz für fünf Jahre gewählt worden. Aber es gab den Wunsch, eine Neuwahl zu ermöglichen, wenn ein neues Gesetz in etwa zwei Jahren eine neue Struktur der Charité-Leitung vorgibt.

Das Gespräch führte Thorkit Treichel.