Charité-Mediziner: Einschlafsprays sind reine Geldmacherei

Der Somnologe Ingo Fietze über falsche Versprechungen für erfrischenden Schlaf, das Image der Schlaftablette und die Frage, was eine gute Nachtruhe ausmacht.

Hat sich unser Schlafverhalten während der Corona-Pandemie eigentlich geändert?
Hat sich unser Schlafverhalten während der Corona-Pandemie eigentlich geändert?imago/George Mdivanian

Herr Professor Dr. Fietze, was genau macht ein Somnologe?

Er sollte sich um alle Formen der Schlafstörung kümmern, davon gibt es knapp 80, unterteilt in sechs große Gruppen. Das eine sind die schlafbezogenen Atmungsstörungen. Dann kommt die Insomnie, also Ein- und/oder Durchschlafstörungen. Dann die schlafbezogenen Bewegungsstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom, die pathologische Müdigkeit, die Schlafstörungen aufgrund von Jetlag oder der Schichtarbeit, die sogenannten zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen und zu guter Letzt die Parasomnie, zu der unter anderem das Schlafwandeln gehört.

Wie schlafen die Deutschen im Vergleich zu den Menschen anderer Länder?

In England beispielsweise wird schlechter geschlafen als bei uns, in den Vereinigten Staaten ebenfalls – die Amerikaner schlafen im Schnitt 6,3 Stunden pro Nacht, die Deutschen 7,1 Stunden. Aber auch wir schlafen, wie es weltweit der Trend ist, zu kurz. Siebeneinhalb bis acht Stunden ist nach wie vor das Optimum, auch wenn regelmäßig etwas anderes behauptet wird. 

Woran liegt es, dass Amerikaner und Briten schlechter schlafen als wir?

Das wurde meines Wissens nach noch nicht eingehender untersucht. Bei den Amerikanern gibt es große Unterschiede im Schlafverhalten von Weißen, Latinos oder Schwarzen, was wohl grundsätzlich sozialen Faktoren geschuldet ist. Es gibt keine genetische Disposition, keinen Beleg dafür, dass jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft ein anderes Schlafverhalten hat. Alle Menschen sollten somit zwischen den erwähnten siebeneinhalb bis acht Stunden schlafen, idealerweise zwischen 23 und sieben Uhr, was mit unserem Biorhythmus und der Dunkelheit zu tun hat.

Hat sich unser Schlafverhalten während der Corona-Pandemie geändert?

Man könnte annehmen, es sei durch die Möglichkeit zum Homeoffice besser geworden, de facto ist das Schlafverhalten in der Summe aber schlechter geworden, denn Existenzängste und finanzielle Sorgen sind der Schlafkiller Nummer eins. Wir haben daher auch einen vermehrten Patientenzulauf während der vergangenen Jahre verzeichnet, was sicherlich auch an einer gesteigerten Awareness gegenüber der Thematik gesunder Schlaf liegt. Früher kostete es die Menschen mehr Überwindung, unser Institut aufzusuchen. Trotzdem dauert es im Schnitt noch bis zu zehn Jahren, in denen sich Menschen mit Schlafproblemen plagen, bevor sie zu uns finden. Chronisch sind Schlafstörungen allerdings schon nach drei Monaten und somit behandlungsbedürftig.

Welche Menschen suchen Sie auf? Gibt es einen typischen Patienten?

Nein, denn wir sind ein interdisziplinäres Zentrum, zu uns kommen alle vom schulpflichtigen Kind bis zum erwachsenen Top-Manager. Das Kind schlafwandelt vielleicht und der Erwachsene schnarcht, man darf mit jedem Schlafproblem zu uns kommen und wir versuchen wirklich immer zu helfen.

Angenommen, ich komme zu Ihnen, weil ich nachts immer aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Wie helfen Sie mir?

Bei einer sogenannten Durchschlafstörung müssten natürlich im Vorfeld Ihre Gewohnheiten abgeklärt werden. Nach einem Eisbein und einer Flasche Wodka zum Abendessen wäre es kein Wunder, wenn Sie schlecht schliefen. Dann muss geklärt werden, ob Krankheiten oder Medikamente eine Verantwortung an Ihrem schlechten Schlaf haben und wenn das nicht der Fall ist, dann könnten es auch unruhige Beine oder Schnarchen sein. Wenn es für all das keine Anhaltspunkte gibt, dann kommen Sie in unsere schlafmedizinische Betreuung und wir überlegen, wie man die Durchschlafstörung in den Griff bekommt.

In den Medien sieht man sehr viel Werbung für Einschlafhilfen, Sprays mit Melatonin, Beruhigungsmittel, sogenannte Therapiedecken. Sind diese Einschlafhilfen sinnvoll?

Diese Medikamente bringen nichts, es sind für viele wirklich Betroffene Placebos. Die Pharmafirmen produzieren diese Einschlafhilfen in dem Wissen, dass kein Medikament schlechter beleumundet ist als die klassische Schlaftablette. Menschen, die uns aufsuchen mit einer Latenz von zehn Jahren, fallen natürlich in der Regel auf so etwas nicht mehr herein oder haben schon zig Dinge ausprobiert und dabei zum Teil viel Geld ausgegeben.

Was ist denn in diesen Sprays enthalten?

Man findet sicherlich über 50 Produkte und Inhaltsstoffe, die angeblich gegen Schlafstörungen helfen, angefangen von Melisse über Baldrian, Hopfen bis hin zu Zink, Melatonin und Magnesium. Diese pflanzlichen oder Nahrungsergänzungsmittel können schlaffördernd sein, aber aus meiner Sicht nur dann, wenn sie rechtzeitig eingesetzt werden, beispielsweise von Menschen, die das Gefühl haben, ihr Schlaf habe an Qualität verloren.

Besonders im Trend liegt zurzeit das CBD-Öl zur Beruhigung, also Hanföl, allerdings natürlich ohne den Wirkstoff THC. Was soll das bringen?

Das beruhigt vielleicht minimal, verbessert die Qualität des Schlafes aber nicht.

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Charité
Zur Person
Prof. Dr. Ingo Fietze, geboren 1960, ist Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité, Facharzt für Innere Medizin, Pulmologe, Somnologe und Gast-Professor des Guangyuan Mental Health Center in Guangyuan, China.

Fietze ist Autor der Bücher „Die übermüdete Gesellschaft: Wie Schlafmangel uns alle krank macht“ (2018) und „Deutschland schläft schlecht. Wie Schlafmangel uns alle krank macht und was Sie dagegen tun können“ (2019), beide erschienen im Rowohlt-Verlag.

Aber was kann man einnehmen, um die Qualität des Schlafes zu verbessern?

Es gibt kein einziges Präparat auf pflanzlicher Basis, dessen Nutzen wissenschaftlich nachgewiesen ist. Auch wenn sie einen normalen Melatoninspiegel haben und dann ein Melatoninspray verwenden, wird sich ihr Schlaf beziehungsweise die Qualität ihres Schlafs nicht verändern. Melatonin hilft nur, wenn Menschen in Schichtarbeit sind und beispielsweise morgens nach Hause kommen und der Melatoninspiegel dann sehr gering ist. Oder bei Jetlag natürlich und wenn Menschen sehr alt sind, dann ist der Spiegel auch niedrig. Wenn man leichte Schlafstörungen bemerkt, dann sollte man zu Beginn erst einmal über seinen Schlafkomfort nachdenken, über die Beschaffenheit von Bett und Matratze, die Raumtemperatur, die richtige Ernährung, die Lichtverhältnisse im Schlafzimmer und die Rituale vor dem Zubettgehen.

Sollte man vor dem Schlafengehen denn überhaupt etwas machen? Man hört immer, dass man das Handy weglegen soll und den Fernseher ausmachen.

Da gibt es keine Pauschalregel. Wenn Sie das Scrollen durch die sozialen Medien beruhigt, dann machen Sie das ruhig. Sie lesen da meist nicht intensiv, sondern betrachten nur die Bilder. Und wenn was Hübsches auf Netflix läuft, dann können Sie sich das auch ruhig vor dem Zubettgehen antun. Sie sollten sich eben nur nicht erregen, sondern etwas konsumieren, das Sie beruhigt beziehungsweise entspannt und Sie sollten ein Ende finden können, was bei Serien meist schwerfällt. Aber was Sie entspannt, ist in der Regel individuell. Das Beste ist das klassische Buch, es hat schon einen Grund, warum Kinder Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen bekommen. Aber noch mal: Sollte das alles nicht zielführend sein und Sie können nicht ein- oder durchschlafen, dann sollte man das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Nach drei Monaten ist das schon eine chronische Erkrankung, die man behandeln sollte.

Wie kommt es, dass alle Themen rund um unsere Gesundheit und unsere Leistungsfähigkeit sehr ernst genommen werden und man beim Thema Schlaf immer das Gefühl hat, dass es nur so eine Lifestyle-Sache wäre?

Schlafmedizin und Schlafforschung fehlen das Standing in der Gesundheitspolitik und es ist schwierig, dafür prominente Stimmen zu bekommen. Zum Thema Zucker werden Sie eine ganze Menge Prominente finden, die sich bereitwillig dazu äußern, wie sie auf Zucker verzichten oder sich gesund ernähren. Aber finden Sie mal einen Promi, der sagt, er könne nicht mehr schlafen. Für die Öffentlichkeit gibt es die noch nicht. Wir brauchen aber mehr Botschafter für einen gesunden Schlaf.

Wir fassen zusammen, dass pflanzliche Präparate im Grunde nutzlos sind. Was ist aus der klassischen Schlaftablette geworden?

Viele Millionen Menschen in Deutschland brauchen Schlaftabletten. Früher wurden die sogenannten Benzos, zum Beispiel Diazepam, verschrieben, die machen, wie man weiß, körperlich schnell abhängig und zudem lässt die Wirkung mit der Einnahmedauer nach, man muss also für dieselbe Wirkung die Dosis erhöhen, was dann gefährlich sein kann. Bei einer Überdosierung können Benzodiazepine tödlich sein, genauso wie Nembutal, ein Barbiturat, das Marilyn Monroe jahrelange einnahm, um schlafen zu können und mit dem sie sich wahrscheinlich umgebracht hat. Benzodiazipine haben einen großen Anteil am schlechten Image der Schlaftablette, und zwar bis heute.

Dabei gilt das Thema der Abhängigkeit für jede andere Medizin auch. Viele Menschen machen sich nicht bewusst, dass sie bestimmte Medikamente nach der Diagnose, beispielsweise beim Bluthochdruck, meist ihr restliches Leben lang nehmen m��ssen. Damit sind sie abhängig von dem Blutdrucksenker.

Der Ruf der Schlaftablette kommt in erster Linie daher, dass sie früher als Mittel zum Suizid verwendet wurden. Ähnlich gefährlich sind aber Psychopharmaka und viele andere Tabletten. Und natürlich kommt der Ruf der Schlaftablette auch von Katastrophen wie dem Contergan-Skandal, das hat das Image der Schlafmedikamente nachhaltig beschädigt. Und dass viele Betroffene früher immer mehr und mehr Tabletten genommen haben, wenn die Wirkung nachgelassen hat, hat auch zum schlechten Ruf beigetragen. Dabei ist es doch so: Wenn Sie unter massiven Schlafstörungen leiden, dann verhilft Ihnen die Schlaftablette zu einem besseren Schlaf und in Folge zu einer verbesserten Lebensqualität. Warum sollten Betroffene also leiden?

Für mich als Arzt und für alle Ärzte wäre es doch auch komplett unethisch, den Betroffenen eine helfende Therapie zu verweigern. Die Alternativen sind nämlich schlechte Laune, Entzündungen, Hochdruck, Rhythmusstörungen, Demenz, Diabetes und vieles andere mehr. Wir sind die Einrichtung, die wohl am meisten Schlaftabletten verschreibt, weil wir die meisten schweren Schlafgestörten betreuen. Ein guter Schlaf dank Tablette ist immer besser als ein schlechter Schlaf, der kürzer als sechs Stunden dauert. Eine solche Therapie ist natürlich ärztlich zu begleiten.

Gibt es keine Alternativen?

Zur Schlaftablette bei massiven Schlafstörungen? Nein, es gibt nur die Möglichkeit, den noch arbeitstätigen Patienten zu berenten, wenn er partout keine Schlaftabletten nehmen will oder kann. Denn mit einer massiven Schlafstörung ist er auf Dauer nicht leistungsfähig. Das wird in Deutschland nach wie vor massiv unterschätzt. Ein letzter Ausblick sind weitere neue Tabletten und die Neurostimulation, die vielleicht in Zukunft bei einigen die Tablette ersetzen kann.