Charité-Streik: Deshalb denken viele Klinikärzte an einen Berufswechsel

Am Mittwoch demonstrieren einige Hundert Ärzte an der Charité für bessere Arbeitsbedingungen. Ihr Protest könnte zum Vorbild fürs ganze Land werden.

Intensivmediziner Tim Arnold spricht zu den Demonstranten auf dem Campus Mitte.
Intensivmediziner Tim Arnold spricht zu den Demonstranten auf dem Campus Mitte.Gerd Engelsmann

Es ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Tim Arnold erzählt sie an diesem Mittwochvormittag. Sie handelt von seiner Arbeit als Intensivmediziner an der Charité. Gerade hat Arnold eine Schicht von 17 Stunden absolviert. Jetzt steht er auf einer mobilen Bühne. Hinter sich hat er das Bettenhaus des Berliner Uniklinikums in Mitte, vor sich etwa 500 Ärzte. Viele tragen Arbeitskleidung, manche Transparente. Auf einem steht: „Charité: Come in and Burnout“.

Sie demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen. Sie streiken an diesem Mittwoch einen ganzen Tag lang. Und deshalb steht Arnold nun im blauen Kasack hier; er kann nicht streiken, weil sein Job lebenswichtig ist. Arnold sagt, er werde nicht entsprechend gewürdigt. Davon handelt seine Geschichte.

„Ich liebe meinen Beruf“, spricht der Arzt laut vernehmlich in ein Mikrofon. „Aber wie soll ich ihn lieben bei bis zu 70 Stunden pro Woche, mindestens. Bei zwei vollen Wochenenden pro Monat in der Klinik, nicht zu Hause. Unendlich viele Nächte in der Klinik schlafen.“ Applaus! Pfiffe! „Wie soll ich meinen Job lieben? 13 Stunden pro Tag sind wir in der Klinik. Keine Zeit für Freunde, für Hobbys.“ Arnold kommt auf die Bereitschaftsdienste zu sprechen. Er sagt, sie könnten auch schon mal 17 Stunden dauern. „Arbeitszeitbegrenzung gibt es für Piloten, für Kraftfahrer, in unserer Sparte aber nicht. Wie kann das sein?“

Es ist die eindrückliche Schilderung einer zerrütteten Beziehung – zur Charité, der größten Universitätsklinik Europas mit ihren 3000 Betten. Der Marburger Bund hat zu dem Streik aufgerufen, weil die Verhandlungen um einen neuen Tarifvertrag nach einem halben Jahr in einer Sackgasse stecken. 1,9 Prozent mehr Gehalt bietet das Management, 6,9 verlangt die Ärzteschaft. Sie verlangt zudem, dass Arbeitszeit und Bereitschaftsdienste begrenzt werden.

Charité-Ärzte demonstrieren vor dem Bettenhaus in Berlin-Mitte für bessere Arbeitsbedingungen.
Charité-Ärzte demonstrieren vor dem Bettenhaus in Berlin-Mitte für bessere Arbeitsbedingungen.Gerd Engelsmann

Charité-Arzt: „Es wird Zeit, dass wir ein Zeichen setzen“

„Es wird Zeit, dass wir ein Zeichen setzen“, sagt Julian Gabrysch. Er gehört zur Tarifkommission und ist Mitbegründer der „Berliner Ärzt:innen Initiative“. Einige Hundert Mediziner haben sich auf dieser Plattform zusammengefunden. „Die treibende Kraft dieses Streiks“, sagt Gabrysch. Seit 2013 ist der 30-Jährige schon an der Charité, er hat dort studiert, seinen Facharzt gemacht. Er arbeitet in der stationären Versorgung, in der Lehre, in der Forschung. „Die Forschung“, sagt Gabrysch, „mache ich komplett in meiner Freizeit, ebenso die Vorbereitungen für meine Lehrtätigkeit.“ Und dann berichtet der junge Arzt von einem Erlebnis, das die besondere Herausforderung illustriert, die diese Dreiteilung für eine Uniklinik bedeutet: Versorgung, Forschung, Lehre.

Es war während der Corona-Pandemie, Gabrysch hielt eine Videokonferenz mit Studenten ab. Er schaltete sich von seiner Station aus zu. Alles lief wie immer. Bis der Alarm ertönte, ein drohender Exitus. „Ich musste sagen: Macht mal einen Moment ohne mich weiter, ich muss einen Patienten reanimieren.“ Gabrysch war der einzige Arzt auf der Station.

Nebenan auf der Bühne erzählt gerade eine Intensivmedizinerin davon, dass sie einen Brandbrief verfasst und verschickt hätten an Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). „Keine Reaktion“, ruft die Ärztin ins Mikrofon. Die Demonstranten reagieren verärgert. Sie haben Mut aufgebracht für diesen öffentlichen Protest. Wenn auch viele im Gespräch mit einem Medienvertreter um Anonymität bitten.

Wie die junge Ärztin aus der Chirurgie zum Beispiel, die davon berichtet, dass sie immer wieder von Kollegen gefragt wird: „Na, und wie sieht deine Exit-Strategie aus?“ Die Fluktuation an Krankenhäusern ist hoch. Teils aus Karrieregründen, teils aber wegen der hohen Arbeitsbelastung. „Ich kann mir inzwischen vorstellen, aus der klinischen Versorgung auszusteigen“, sagt die Ärztin. In Deutschland denkt ein Viertel der angestellten Mediziner darüber nach, den Beruf zu wechseln. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Marburger Bundes.

Julian Gabrysch hat nichts dagegen, mit seinem Namen zitiert zu werden. „Wenn man seine Rechte einfordert, wird man als Querulant eingestuft. Das ist schon so, und es kommt vor, dass jemandem nahegelegt wird, zu gehen.“ Doch: „Entweder die Charité ändert sich oder sie bietet keine Zukunft mehr für mich.“ Angebote für einen neuen Job habe er genug.

Das kann vermutlich nicht jeder junge Teilnehmer der Ärztedemo an diesem Vormittag von sich behaupten. Befristete Arbeitsverhältnisse sind die Regel, wie in vielen Branchen. „Üblicherweise gibt es Verträge über ein oder zwei Jahre“, berichtet Gabrysch. Die Anstellung könne innerhalb eines Hauses wechseln. „Mal wird eine Stelle direkt über die Charité finanziert, mal über Drittmittel für ein Forschungsprojekt.“ Der Arzt erzählt: „Manchmal muss man regelrecht betteln, dass ein Vertrag verlängert wird.“

Krankenhäuser sind hierarchisch organisiert. Der Druck, den das von der Politik verantwortete System der Finanzierung aufbaut, wird von oben nach unten weitergereicht. „Wenn die Zahlen nicht stimmen, werden Stellen gestrichen“, sagt Gabrysch. Der Leitung drohe ein Verlust an Einfluss, Ärzten der Verlust der Arbeit. Zusammen mit dem in der Branche stark ausgeprägten Berufsethos, Patienten niemals sich selbst zu überlassen, führe dies dazu, dass extreme Belastungen lange Zeit klaglos hingenommen würden.

Diese Belastungen zurückzufahren, kostet wiederum Geld, denn dazu würde mehr Personal benötigt. Bisher, sagt einer aus der Menge, dokumentierten sie die Arbeitszeiten nicht sauber. „Würden wir sauber dokumentieren, wären die Mittel für die angebotenen 1,9 Prozent mehr Gehalt sicher schon aufgebraucht.“ Das Management der Charité steckt in einer Zwickmühle, aus der sie wohl nur die Politik befreien kann.

Charité-Arzt: „Alle Krankenhäuser haben Probleme“

„Nicht mit uns!“, schallt es über den Platz. Später werden sich einige der Ärzte zu einem Demonstrationszug formieren und hinüber zum Brandenburger Tor ziehen. „Um unseren Protest noch sichtbarer zu machen“, sagt Gabrysch. Und wieder skandiert die Menge: „Nicht mit uns!“

Für die Branche sind sie ohnehin nicht zu übersehen als der größte Player im Land und jetzt auch als derjenige Standort, an dem nach den Pflegekräften die Ärzte ihre Bedürfnisse lautstark artikulieren. „Alle Krankenhäuser haben ihre Probleme“, sagt Julian Gabrysch. Er erkennt das an seinem Postfach. „Wir bekommen Zuschriften von Unikliniken und Kreiskrankenhäusern, vom Bodensee bis Bremen. Wir werden gefragt: ‚Wie macht ihr das?‘“

Eine Antwort könnte diese Szenerie sein: die Menschenmenge vor der mobilen Bühne. Tim Arnold hat sich dahinter zurückgezogen. Der Arzt, der die Covid-Intensivstation der Charité mit aufgebaut hat. Vorhin endete seine Geschichte mit den Worten: „Meine Liebe ist leider verstorben. Alleine, aber gut dokumentiert und garantiert abgerechnet.“ Gleich geht er nach Hause, schlafen. Es ist 11 Uhr, um 19 Uhr beginnt seine nächste Schicht.