Berlin - Der Tag danach vor der französischen Botschaft am Pariser Platz: Am Vormittag legt Beate Müns einen Strauß Tulpen neben die Eingangstür. Mit Tränen in den Augen blickt sie auf die Kerzen, die Blumen und die Solidaritätsbekundungen mit den Opfern des Terroranschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris. Zwei Polizisten stehen abseits, die Flagge der Botschaft weht im kalten Wind auf halbmast. Es nieselt.

„Ich fühle mich sehr betroffen“, sagt Beate Müns mit erstickter Stimme. „Der Vater meines Kindes ist Franzose.“ Den Anschlag wertet die 43-Jährige als Tabubruch. Jeder müsse frei seine Meinung äußern können. „Ich habe Angst, dass sich das hochschaukelt. Sie hoffe, dass „die Islamkritiker das jetzt nicht als Futter nehmen.“

Berliner tragen sich in Kondolenzbuch ein

Immer mehr Menschen kommen an diesem Tag vor die Botschaft, legen Blumen nieder oder halten einfach inne. „Je suis Charlie“, steht handgeschrieben oder ausgedruckt auf Zetteln. Auf einem Pappschild steht: „Christen und Muslime und alle fühlenden Menschen gemeinsam gegen jeden religiösen Fanatismus.“ Einer hat eine Karikatur gezeichnet mit der französischen Überschrift: „Muslime gegen den Terrorismus“.

Im Laufe des Tages hatte die Botschaft ein Kondolenzbuch ausgelegt, zahlreiche Berliner trugen sich ein. Unter ihnen der Regierende Bürgermeister, Michael Müller (SPD). Außerdem konnte man auf der Internetseite der Botschaft per E-Mail sein Mitgefühl und seine Solidarität mit Frankreich bekunden.

Mit Trauer und Entsetzen reagierten auch Angehörige französischer Institutionen in Berlin auf den Anschlag. Vielerorts wurde am Donnerstag um 12 Uhr eine Schweigeminute zum Gedenken abgehalten. So auch am Französischen Gymnasium in der Derfflingerstraße in Tiergarten. „Jeder Lehrer hat das mit seiner Klasse im Unterrichtsraum gemacht. Andere standen in Gruppen in den Fluren – und haben gemeinsam geschwiegen“, sagte Daniel Bourgel, Co-Leiter der Schule mit knapp 1 000 Schülern deutscher, französischer und internationaler Herkunft.

Eine Minute Stille herrschte zur Mittagszeit auch im Institut Français am Kudamm. „Hier sind alle geschockt“, sagte eine Mitarbeiterin. Nun wolle man eine Diskussionsrunde um die Rolle der Pressefreiheit organisieren, hieß es.

Fehlalarm in Galeries Lafayette

Aufregung herrschte am Vormittag in den Galeries Lafayette in der Friedrichstraße. Nach einer Alarmmeldung wurde die Filiale der französischen Kaufhauskette evakuiert. Alle 150 Angestellten sowie alle Kunden mussten das Gebäude verlassen. Wie sich herausstellte, war es aufgrund von Bauarbeiten in der Gourmetabteilung zu einem Fehlalarm gekommen. Nach wenigen Minuten konnte das Kaufhaus wieder betreten werden – noch rechtzeitig, damit auch dort um 12 Uhr eine Schweigeminute abgehalten werden konnte.

In den letzten Vorbereitungen für die Ausstellung „Comics zur Lage der Welt“ wurden Mitarbeiter der deutschen Ausgabe der Zeitung Le Monde diplomatique von den Nachrichten aus Paris überrascht. „Das wird auf unsere Veranstaltungen ausstrahlen“, sagte Redakteurin Karoline Bofinger. Sie hat die Ausstellung von Werken 47 Künstler aus aller Welt mit Hilfe der französischen Botschaft organisiert. Eröffnung ist Freitag um 19 Uhr. Die Comics sollen bis 30. Januar in der Galerie Neurotitan, Rosenthaler Straße 39 in Mitte, gezeigt werden.

Ein besonderes Zeichen für den Wert der Pressefreiheit legten am Donnerstag Schüler, Auszubildende und Mitarbeiter der Ernst-Litfaß-Schule in der Cyclopstraße in Reinickendorf ab. Bis zum Nachmittag hatten 600 Angehörige des Oberstufenzentrums Druck- und Medientechnik einen Kondolenztext unterschrieben, in dem von einem „Terrorschlag gegen eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation“ die Rede ist.