Berlin - Es ist im politischen Betrieb mit seinem Parteiengezänk und seinen Eifersüchteleien durchaus nicht selbstverständlich, dass die Wahl eines Entscheidungsträgers von so vielen, auch politischen Gegnern, einhellig begrüßt wird.

Im Fall des Grünen-Politikers Oliver Schruoffeneger ist es so. Seiner Wahl zum Stadtrat für Jugend, Familie, Schule, Sport und Umwelt von Charlottenburg-Wilmersdorf am heutigen Dienstag dürfte nichts entgegenstehen. Der 53-Jährige ist ein erfahrener Parlamentarier. Er gehörte insgesamt zwölf Jahre lang dem Abgeordnetenhaus an, zuvor war er 16 Jahre lang Bezirksverordneter in Reinickendorf.

Dass Schruoffeneger heute eine große Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf bekommen dürfte, hängt aber nicht nur mit ihm selbst zusammen. Unter den 55 Bezirksverordneten, denen er sich zur Wahl stellt, herrscht ein Gefühl der Erleichterung, dass überhaupt wieder ein eigener Stadtrat für die genannten Abteilungen zuständig sein wird.

Nadelöhr Lageso

Schruoffeneger ist designierter Nachfolger seiner Parteifreundin Elfi Jantzen. Diese war am 23. März vorigen Jahres erkrankt und ist seitdem nicht mehr zur Arbeit erschienen. Dennoch dauerte es fast ein Jahr, bis die zuständigen Amtsärzte des überlasteten Landesamtes für Gesundheit und Soziales die 62-Jährige endgültig dienstunfähig schrieben. Diese Voraussetzung für eine Neubesetzung ging am 19. Februar dieses Jahres beim Bezirk ein. Jetzt wird der Nachfolger gewählt.

Während Jantzens Absenz teilten sich die verbliebenen vier Bezirksamtsmitglieder ihre Arbeit untereinander auf. Das Jugendamt fiel an Kulturstadträtin Dagmar König (CDU), das Umweltamt an Baustadtrat Marc Schulte (SPD), das Schul- und das Sportamt sowie Personal und Haushalt der Abteilung wurden bei Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) untergebracht. Einzig Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU) blieb zunächst frei von Mehrarbeit, schließlich hatte er mit der Unterbringung von Flüchtlingen mehr als genug zu tun. Später musste aber auch Engelmann Teile von Jantzens Arbeitsfeld übernehmen.

Schruoffeneger hat sich im Abgeordnetenhaus einen Ruf als Kulturpolitiker erworben. So war er treibende Kraft bei der Aufdeckung des Skandals um die Renovierung der Staatsoper. Im neuen Amt wird er sich vor allem mit Jugend- und Familienpolitik beschäftigen müssen. Schulentwicklungsplanung und Kitabedarfsplan sind besonders dringende Aufgaben.

Dabei gibt es keine Schon- oder Einarbeitungsfristen. „Er bekommt von mir eine gute Übergabe und muss dann sofort voll dabei sein“, sagt Naumann.

Nach seinen Worten war das Einspringen immer wieder „ein Ritt auf der Rasierklinge“. Er selbst erkrankte in seinem Urlaub über Weihnachten und Neujahr – und führte das auf Überbelastung zurück. „Ich arbeite ohnehin 70 bis 80 Stunden in der Woche. Irgendwann war’s dann zu viel“, sagt er.

Die langen Interims-Monate werfen Fragen über die Anzahl von Stadträten auf. Zu dieser Legislaturperiode war von fünf auf vier (plus Bürgermeister) reduziert worden. Bezirks-Chef Naumann jedenfalls will zurück zu „fünf plus eins“.

Vakanz in Reinickendorf

Ausgerechnet Schruoffenegers Heimatbezirk Reinickendorf verfügt derzeit ebenfalls über ein reduziertes Bezirksamt. Daran wird sich bis zu den Berlin-Wahlen am 18. September auch nichts mehr ändern, sagt SPD-Fraktionschef Gilbert Collé. Seit dem Tod von Andreas Höhne (SPD) im Oktober ist der Posten des Jugend- und Sozialstadtrats vakant, Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) hat Höhnes Aufgaben übernommen. CDU und SPD können sich nicht auf einen Nachfolger einigen. Die SPD hat zwar das Vorschlagsrecht, ihr Wunschkandidat Marco Käber fiel aber durch. Da es nur gut vier Monate bis zu den Wahlen sind, gebe es jetzt auch keine neuen Gespräche mehr, sagt Collé. „Wir warten ab, was die Wahl ergibt.“ (mit ibz.)