Die Berliner Wahlen am 18. September werden so manche Verschiebung im politischen Gefüge bringen. Wahrscheinlich wird die AfD in das Landes- und in etliche Bezirksparlamente einziehen. In Charlottenburg-Wilmersdorf rechnet sich auch eine völlig neue politische Gruppierung beste Chancen aus: die „Aktiven Bürger“, eine Mischung aus Kleingärtnern und Akteuren diverser Bürgerinitiativen im Bezirk. Vor zehn Tagen haben sie beim zuständigen Wahlamt ihre Kandidatenliste mit samt 185 Unterschriften von Unterstützern abgegeben – Voraussetzung für eine Zulassung von Wählergemeinschaften zur Wahl.

Auf Platz 1 der Liste steht Christine Wußmann-Nergiz, eine 66-jährige früher selbstständige Inneneinrichterin. Eine aktive Bürgerin ist sie seit Jahren. Sie wohnt in der sogenannten Schlange, der wuchtigen Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße in Schmargendorf. Zuletzt nervte sie die dortige Wohnungsbaugesellschaft Degewo und die BSR mit der Forderung, in der Schlange müsse die originale Müllschluckeranlage erhalten bleiben.

„Ich ärgere mich über die etablierten Parteien in der Bezirksverordnetenversammlung, sie sind nicht transparent. Viele Bürger sind frustriert und wissen gar nicht mehr, wen sie wählen sollen. Ob SPD, CDU oder Grüne“, sagt Christine Wußmann-Nergiz, „aber wir wollen der AfD nicht das Feld überlassen.“ Die Bürger wollten Entscheidungen nicht nur abnicken, sondern mitbestimmen.

Vor allem die Grünen haben sich in ihren Augen als Partei der Bürgerbewegten und Grünschützer disqualifiziert, weil sie so vielen Bauvorhaben zugestimmt hätten.

Also will man das jetzt selber machen. Aber ist das realistisch, von Null auf Hundert?

Die Rechnung von Christine Wußmann-Nergiz geht so: Bei den vergangenen Wahlen 2011 brauchte man rund 4 000 Stimmen, um ein Mandat in Charlottenburg-Wilmersdorf zu erringen. Für 34 000 Stimmen gab’s sogar einen Stadtratposten (für die Grünen). Wenn man sich jetzt vor Augen hält, dass vor zwei Jahren bei einem bezirklichen Bürgerbegehren rund 80 000 Stimmen für den kompletten Erhalt der Kleingartenkolonie Oeynhausen an der Forckenbeckstraße zusammenkamen, klingen die Ambitionen von Wußmann-Nergiz und Co nicht mehr so utopisch. Parallel zur Gründung der Wählergemeinschaft haben Initiativen und Kleingärtnerverbände mehr als 18 000 Unterschriften für ein neues Begehren gesammelt, dafür dass alle „durch die Öffentlichkeit nutzbaren Grünflächen“ – einschließlich Kleingärten – dauerhaft erhalten bleiben, also nicht bebaut werden dürfen.

Wenn also nur ein Bruchteil all dieser Besitzstandswahrer und Bebauungsskeptiker die Aktiven Bürger wählen würde, dürfte einem BVV-Einzug nichts im Wege stehen.