Charlottenburger Gipsformerei: Unter den Augen Nofretetes

Berlin - Er hält ihn in der Hand wie ein Neugeborenes, den kleinen Priesterfürst aus Uruk im alten Mesopotamien. Sandro Di Michele hat die fertig gegossene Figur gerade aus der Form genommen und prüft, wo er noch nacharbeiten muss: Grate entfernen, Kanten ausbessern, Luftlöcher verschließen. Viel hat er nicht zu tun, es ist eine kleine, schlichte Figur. Nofretete schaut ihm dabei zu. Sie blickt von einer Festerbank in die Werkstatt, originalgroß, allerdings ohne den charakteristischen braunen Teint – sie ist aus Gips, roh und unbehandelt.

Sandro Di Michele hat einen Beruf, den weltweit nur noch wenige ausüben. Er ist Gipskunstformer in der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin, einer von derzeit 24. Die Einrichtung in der Sophie-Charlotten-Straße in Charlottenburg ist einzigartig. Sie ist die größte Kunst-Manufaktur, noch vor den Gipsformereien in London und Paris. Seit ihrer Gründung im Jahr 1819 werden hier Repliken bedeutender Kunstwerke aus aller Welt und allen Epochen aus Gips hergestellt, von Hand, in teils aufwendiger Feinarbeit. Etwa 7000 Abformungen lagern im Archiv des Hauses.

Viel ist aus dem Altertum dabei, aus dem pharaonischen Ägypten etwa und dem Römischen Reich, aber es finden sich auch Büsten von Schiller und Lessing und Teile eines Teesalons aus dem Berliner Stadtschloss. „Das alles spiegelt die Sammlungsgeschichte der Staatlichen Museen in Berlin wider“, sagt Miguel Helfrich, Leiter der Gipsformerei. Besonders spannend: Einige der alten Stücke haben ihre Vorlagen, die Originalkunstwerke, längst überdauert, weil diese verloren gingen, Schaden nahmen oder in Kriegen zerstört wurden. Kunstgeschichtlich hat die Formensammlung schon deshalb einen unschätzbaren Wert.

Nofretete bleibt Kassenschlager

Mit dem kleinen Priesterfürsten geht es Di Michele, der seit 17 Jahren in der Gipsformerei arbeitet, auch so. „Es ist nicht sicher, wo das Original liegt. Wahrscheinlich im Nationalmuseum in Bagdad, das aber seit dem Krieg geschlossen ist“, sagt Di Michele. Die Figur hat etwa 5000 Jahre lang im Sand des heutigen Südirak gelegen, bis sie vor rund 80 Jahren ausgegraben wurde. Der 45-Jährige hat der handflächengroßen Figur inzwischen eine Kupfermarke verpasst, dem Herstellungsnachweis der Gipsformerei. Das Replikat ist fertig. Es ist für den Souvenirshop des Pergamonmuseums gedacht, das ab dem 25. April 2013 die Ausstellung „Uruk. 5 000 Jahre Megacity“ zeigt. Di Michele ist sich sicher, dass sein Priesterfürst gut ankommt. „Solche handlichen Abgüsse kaufen die Leute gern.“

Kleine Figuren gehören in der Werkstatt eigentlich zu den Ausnahmen. „Wir leben vor allem von den großen Aufträgen“, sagt Helfrich. Die kämen von Museen, Hotels und staatlichen Institutionen. 2011 etwa bauten seine Mitarbeiter für die irakische Botschaft in Paris einen Teil des Ischtar-Tors nach, drei Meter hoch und acht Meter lang. Der Kassenschlager bleibt aber die wohl schönste Frau in der Sammlung: Nofretete.

Silikon statt Gips

In einem Extra-Gebäude im Hof der Gipsformerei stehen die sogenannten Mastermodelle, detailgenaue Nachbildungen der Originalwerke, die als Vorlage für die Abgussformen dienten. Hier steht, dicht gedrängt, die halbe Kunstgeschichte. Kaiser Augustus thront mit regentenhaftem Gestus auf einer Europalette, hinter ihm steht der Bamberger Reiter, gleich neben den ägyptischen Pharaonen. Helfrich macht Halt vor der Laokoon-Gruppe, der berühmten Skulptur von Michelangelo, deren Vorbild sich im Vatikan befindet. Weil im 18. Jahrhundert ein Papst befand, der Trojaner Laokoon habe sein Geschlechtsteil zu verbergen, hängt seither ein Feigenblatt zwischen seinen Beinen. In Berlin allerdings nur für den, der es braucht. „Bei uns gibt es ihn auch unzensiert“, sagt Helfrich und nimmt das Feigenblatt ab.

Die meisten Formen, also die Negativ-Abgüsse der Mastermodelle, sind zu einem großen Teil fast 200 Jahre alt und ebenfalls aus Gips gefertigt. Heute benutzt man dafür Silikon, das allerdings nur etwa zehn Jahre hält. Im Gegensatz zu den alten Formen, die ewig halten, wie es heißt, wenn man sie gut pflegt.

Herakles wird 800 Kilogramm wiegen

Das Formenarchiv unter dem Dach der Gipsformerei besteht aus unzähligen Gängen, gesäumt von Metallregalen, auf denen die Abgüsse liegen. Einige von ihnen sind von einer dunkelgrauen Staubschicht überzogen. Es sind die weniger nachgefragten Figuren, wie Cornelia Hoppe, Werkstattleiterin der Gipsformerei, erklärt. „Hier liegen viele hundert Formen aus dem 19. Jahrhundert, die wir noch nicht einmal besichtigt haben.“

In der Werkstatt hat sich Di Michele derweil wieder seinem Hauptprojekt zugewendet. Seit Anfang November arbeitet er an einer Statue des griechischen Gottes Herakles, deren Original im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel steht. Mit dem Kopf und dem Oberkörper ist er fast fertig, Arme, Hände und Beine müssen aber noch zusammengesetzt werden. Dafür nutzt der 45-Jährige massive Stahlverbindungen. Denn am Ende wird Herakles 800 Kilogramm wiegen und 3,17 Meter groß sein. In der Öffentlichkeit wird er nie zu sehen sein. Die Statue ist ein neues Mastermodell. Ein Vorbild also für spätere Repliken. Auch das gehört zur Arbeit von Di Michele und seinen Kollegen.