Der Mann, der an diesem Abend auf der Bühne des Heimathafens in Neukölln sitzt, hat kurze graue Haare, er trägt einen Schnauzbart und eine Brille mit dicken Gläsern. Den Applaus des Publikums kommentiert er mit den Worten: „Das ist für Che, nicht für mich.“ Und für diese Bescheidenheit klatschen die Leute noch einmal.

Che – das ist Ernesto „Che“ Guevara, und diesem Namen gelingt es auch 50 Jahre nach dem Tod des Menschen im bolivianischen Dschungel, in Berlin einen Saal mit ein paar Hundert Leuten zu füllen. Der Mann auf der Bühne ist Juan Martín Guevara. Er ist 73, er ist der kleine Bruder von Che.

Man denkt an manches vor dieser Begegnung. Die Überraschung, dass es einen so nahen Verwandten überhaupt noch gibt. Che Guevara ist schon so lange tot. Und er ist auch so sehr zum Mythos geworden, dass man an eine reale Familie nicht mehr gedacht hat. Dass man diesem Mythos nie mehr so nah kommen wird, wie in diesem Moment, das ist klar. Man denkt auch Banales. Ob er ihm ähnlich sehen wird etwa.

Frei wie die Vögel in der Luft

Juan Guevara ist in Berlin, um sein Buch vorzustellen: „Mein Bruder Che“. Es ist ihm wichtig zu sagen, dass er es nicht selbst geschrieben hat, sondern mit Hilfe einer französischen Journalistin, der er vor ein paar Jahren zufällig in Buenos Aires begegnet ist. „Ich habe nur erzählt“, sagt er. Er entschuldigt sich dann noch, dass er kein Deutsch spricht.

Ein Schauspieler liest Stellen aus dem Buch vor: „Meine Eltern sind als liberale und permissive bunte Vögel verschrien, deren Kinder alles dürfen, Bälger, die nach Lust und Laune mit allem möglichen Gesindel herumhängen. In der Tat leben die Guevara-Sprösslinge frei wie die Vögel in der Luft. Sie müssen sich an keinerlei Zeiten halten. Das Einzige, was die Eltern ihren Kindern abverlangen, ist, dass sie andere mit Respekt behandeln. Niemand kümmert sich um das Geschwätz der Leute, am wenigsten Ernesto.“ Im Publikum wird gelacht.

Am Tag zuvor haben wir uns in seinem Hotel in Kreuzberg getroffen. Juan Guevaras Humor war da schon zu spüren. Als der Fotograf ihn bittet, sich von der Seite zu präsentieren, ruft er: „Ah, wie ein Boxer“, und deutet ein paar Schläge an. Er erzählt von Paris, wo er gelesen hat, bevor er nach Berlin kam. Ob er Französisch spricht? „Nein“, ruft er, obwohl seine Mutter es gesprochen habe. Che natürlich auch. Dann stimmt er die „Marseillaise“ an. „Allons enfants de la patri-i-e“ schallte es über den Kreuzberger Hinterhof. Juan Guevara lacht.

Das schwarze Schaf der Familie 

Es ist viel geschrieben worden über seinen berühmten Bruder. Mancher seiner Biografen verehrt ihn als revolutionären Helden, der die ganze Welt durch einen Guerillakrieg erlösen wollte, andere sehen in ihm einen Abenteurer, einen Todessüchtigen, einer nannte ihn einen „revolutionären weißen Tarzan“. Im ZDF-„Morgenmagazin“, in dem Juan Guevara am Montag eingeladen war, erwähnt der Moderator die zahlreichen Todesurteile, die in Che Guevaras Verantwortung in Kuba vollstreckt wurden, die Straf- und Arbeitslager, die man unter seiner Ägide einrichtete, in denen „Gegner der Revolution“ interniert wurden, auch Homosexuelle.

Von all dem steht in Juan Guevaras Buch kein Wort. Er sieht seinen Bruder unkritisch, eine Führungspersönlichkeit von Kind an, sei er gewesen, ein Schlangenbeschwörer, der die Menschen von sich einnehmen und sie überzeugen konnte, am Ende sogar den Mann, der ihn im Auftrag der bolivianischen Regierung erschoss. „Sie wollten ihn im Sitzen töten, um ihn zu demütigen. Er protestierte und gewann diese letzte Schlacht.“

Juan Guevara beschreibt seinen großen Bruder als einen Mensch mit einer großartigen Vision von einer gerechten Gesellschaft, als Vorbild. Mit dem Buch verfolge er ein Ziel: „Ich will den Mythos zerstören und meinem Bruder wieder ein menschliches Antlitz geben.“ Und so taucht er tief in die Familiengeschichte ein, erzählt vom Vater, der zwar wie die Mutter aus begütertem, großbürgerlichem Hause stammt, aber „ein Tangotänzer ohne Studienabschluss“ war, das schwarze Schaf der Familie, von der in einem katholischen Konvent erzogenen Mutter, die einen Bubikopf trug und rauchte, ganz gegen die Konventionen der damaligen Zeit.

Die Kinder lebten im Chaos, der Mutter waren Haushalt und Küche schnuppe, sie war politisch interessiert und auch engagiert. „Bei uns zu Hause wurde nicht geredet, es wurde diskutiert“, erzählt Juan Guevara. In seinem Buch versorgt er einen mit so nebensächlichen wie unwiderstehlichen Details dieses besonderen Familienlebens. Etwa, dass Ernestito, wie Ernesto Guevara genannt wurde, weil er als Erstgeborener den Vornamen seines Vaters trug, viel auf Französisch las, „und er hat die schreckliche Gewohnheit, die Bücher mit aufs Klo zu nehmen und und Ewigkeiten dort sitzen zu bleiben. Bittet man ihn, endlich das Klo freizugeben, fängt er an, Gustave Flaubert, Alexandre Dumas oder Baudelaire zu zitieren, auf Französisch versteht sich, damit man sich noch mehr aufregt.“

Manches werden ihm seine Geschwister oder die Mutter erzählt haben, Juan Guevara ist 15 Jahre jünger als sein Bruder. Er war erst acht, als dieser zu seiner zur Legende gewordenen Motorradreise durch Südamerika aufbrach, eine Reise, die ihm die sozialen Gräben auf dem Kontinent zu Bewusstsein brachte, die ihn veränderte. Er war danach nur noch einmal sieben Monate am Stück zu Hause, um sein Medizinstudium zu beenden.

Für längere Zeit hat Juan Guevara seinen Bruder dann nur noch einmal gesehen, nach der kubanischen Revolution, die 1959 zum Sturz des Diktators Fulgencio Batista führte. Ernesto Guevara hatte Fidel Castro durch eine gemeinsame Bekannte kennengelernt, er war vom Arzt schnell zum Comandante der Rebellenarmee geworden. Castro war es, der die Familie zur Siegesfeier nach Havanna einlud. Es gibt ein Foto aus diesen Tagen, da sitzt Juan, ein schlacksiger 16-Jähriger neben seinem großen Bruder in Militäruniform. Ernesto war damals schon zu Che geworden.

Che lehnt sich entspannt zurück, sein Blick ruht auf dem jüngeren Bruder. Beide lachen, neben ihnen sitzt ihre Mutter. „Die restliche Zeit bläut er mir ein, dass ich studieren soll“, schreibt Juan Guevara. Die Familie ist im Hilton untergebracht,wo die Guerilleros auf Kanapees lümmeln. Der Vater versucht, den Ruhm seines Sohnes so schamlos für seine Geschäftemacherei auszubeuten, dass er frühzeitig nach Hause geschickt wird.

Jesus Christus mit der Knarre

An den Menschen Ernesto Guevara erinnern: Mehr als durch sein Buch gelingt Juan Guevara das durch seine bloße Gegenwart. Es ist sein Anblick, der die Möglichkeit aufblitzen lässt, dass auch aus seinem Bruder ein alter Mann hätte werden können, dessen Sehkraft nachlässt und der sich ein wenig schwerfällig bewegt, wenn er einem zuvorkommend die Tür aufhält, so wie Juan Guevara es tut. Che Guevaras früher Tod im Jahr 1967 – er war 39 Jahre alt – machte ihn zum Märtyrer. Seitdem gibt es von ihm vor allem dieses alle anderen Bilder überstrahlende Porträt, das ihn mit dunklem Bart, wehendem Haar und der dunklen Baskenmütze mit dem roten Stern zeigt, millionenfach reproduziert als Poster, auf T-Shirts, eine Ikone der Studentenbewegung. Und Wolf Biermann sang 1975: „Der rote Stern an der Jacke/ Im schwarzen Bart die Zigarre/ Jesus Christus mit der Knarre/ – so führt Dein Bild uns zur Attacke/ Uns bleibt, was gut war und klar war: Dass man bei Dir immer durchsah,/ Und Liebe, Hass, doch nie Furcht sah,/Comandante Che Guevara.“

Wie viele Ikonen hat sich auch die Che Guevaras von der realen Person, vom historischen Kontext gelöst. Sein Konterfei wurde benutzt, um für Wodka und Bier zu werben, das brasilianische Model Gisele Bündchen führte einen damit bedruckten Bikini vor, 2012 ersetzte Mercedes für eine Kampagne den Stern auf Che Guevaras Barett durch den Mercedesstern. Juan Guevara ist sich all dessen wohl bewusst. Er sei gegen diesen Totalausverkauf, sagt er. Aber er ist einer, der in allem auch das Gute sieht. Diese große Bekanntheit seines Bruders führe vielleicht auch dazu, dass die Menschen offener für dessen Ideen seien. In dem Kreuzberger Café, das zum Hotel gehört, in dem Juan Guevara wohnt, spricht er von den Nachteilen einer Welt, in der alles käuflich ist. Er sagt, er sei Guevarista, wolle Medium für die Ziele seines Bruders sein, er nennt ihn seinen Bruder im Geiste.

„Wir werden es importieren“

Seinen Rat, zu studieren, hat er trotzdem nicht befolgt. Juan Guevara hat als Lastwagenfahrer gearbeitet, und er hat sich in der Revolutionären Arbeiterpartei Argentiniens engagiert, auch dann noch, als es gefährlich wurde, während der bleiernen Zeit der Militärdiktatur in Argentinien zwischen 1976 und 1984, der Zeit der Geheimgefängnisse, in denen gefoltert wurde, in denen Menschen für immer verschwanden. Auch darüber schreibt er in seinem Buch, und das ist interessanter als die Kapitel über Che Guevaras Zeit im Kongo und in Bolivien, wo er wieder durch einen Guerillakrieg das Regime stürzen und dem Kommunismus zum Sieg verhelfen wollte. Juan Guevara weiß davon nur aus zweiter Hand.

Acht Jahre lang war er, der Linke, in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert. Seine Beziehung zu Che Guevara habe er weder geheim gehalten noch öffentlich gemacht. „Es war egal, ob ich der Bruder von Che war oder nicht, ich wurde genauso viel geschlagen wie alle anderen. In der Hinsicht waren sie eigentlich demokratisch.“ Juan Guevara lacht über seinen Witz.

Er scheint sich erholt zu haben von dieser schrecklichen Zeit. Dann fällt ihm noch eine Anekdote ein. Einmal sei ein hochrangiger Militär in seine Zelle gekommen, weil er den Bruder von Che Guevara habe sehen wollen. Der Mann, dessen Aufgabe darin bestand, die Linken zu jagen, habe gesagt: „Was für ein großartiger Typ dein Bruder gewesen ist.“

Es gebe aber bis heute keine Straße in Argentinien, die nach seinem Bruder benannt sei, sagt Juan Guevara, nur ein paar Schulen in der Provinz. Einer Che-Statue in einem Vorort von Buenos Aires hätten sie gerade den Kopf abgeschlagen. Er versucht, das Erbe zu bewahren, hat einen Verein gegründet „Auf den Spuren von Che“. Bald wollen sie eine Keramikplatte vor dem Haus in Buenos Aires verlegen, in dem die Familie zuletzt gewohnt hat.

Das Gebäude existiert nicht mehr, an seiner Stelle ist ein mehrstöckiges Mietshaus gebaut worden, doch dessen Bewohner hätten zugestimmt. Nur sind sie im Verein nicht sicher, ob es auf der Platte „revolucionario“ heißen soll oder „comandante“. Auch sein Buch ist in Argentinien nicht veröffentlicht worden. Warum, weiß er nicht. „Wir werden es importieren“, sagt er. Mit dem Geschäft hat er Erfahrung.

Leben vom Handel mit Zigarren

Als er nach seiner Zeit im Gefängnis völlig mittellos war, fuhr Juan Guevara nach Kuba. Die Kinder seiner ersten Frau lebten damals dort, sie waren vor der Militärdiktatur dorthin geflohen. „Fidel behandelte uns, als gehörten wir zur Familie.“ Er begann, kubanische Bücher nach Argentinien zu importieren, machte einen Laden in Buenos Aires auf, wo er bis heute lebt.

Später kamen Rum, Guavenmarmelade und Zigarren zu den Büchern, die berühmten Havannas. Das Zigarrengeschäft betreibt er bis heute. „Man muss von etwas leben“, sagt er. Jetzt handelt er auch mit Zigarren aus Nicaragua. „Da gibt es sehr guten Tabak.“ Nach Kuba fährt er immer wieder, und vor drei Jahren ist er zum ersten Mal in der Quebrada del Yuro in Bolivien gewesen, der Ort, an dem sein Bruder starb. Er hat sich ein paar neue Turnschuhe gekauft, um in die Schlucht hinunterzusteigen.

„Wir waren keine normale Familie“, sagt Juan Guevara an diesem Abend in Berlin. Im Publikum scheint es niemanden zu geben, der nach Hause gehen will, ohne dass Ches kleiner Bruder für ihn sein Buch signiert hat.