Berlin - Kann Rot-Rot-Grün am Checkpoint Charlie stadtentwicklungspolitisch einen Unterschied machen? Das muss bezweifelt werden. Leider. Es ist nicht erkennbar, was der amtierende Senat an diesem Ort „außergewöhnlicher stadtpolitischer Bedeutung“ (Senatsbeschluss qua Baugesetzbuch) eigentlich noch erreichen will. Verspielt er, wie schon an der East Side Gallery, ein weiteres unwiederbringliches, hier vor allem städtebauliches, Erbe? Verspielt er es wie auch dort an Trockland?

Der Investor mag in Berlin zwar schon mehr als eine Milliarde Euro verbaut haben, hat dabei allerdings konzeptuell nie bewiesen, dass es ihm um mehr geht, als das Immobilienvermögen seiner Firma bis 2022 auf mehr als drei Milliarden Euro zu vergrößern.

Am Checkpoint Charlie rächt sich dieser Tage ganz offensichtlich, dass der Senat weder eine eigene klare Vorstellung von der Zukunft dieser Freiflächen entwickelt hat, noch eine grundsätzliche Debatte darüber angestoßen hat, wie dieser komplexer Ort stadt-, kultur- und tourismuspolitisch klug weiterentwickelt werden könnte. Ohne Alternative führt die Koalition nun einen Eiertanz zwischen Sachzwangargumentation und politischer Schadensbegrenzung vor.

Fehlende Transparenz

Diese Unbestimmtheit schwächt die Verhandlungsposition gegenüber dem Investor, die für Abgeordnetenhaus und Senat mit Blick auf den boomenden Immobilien- und Grundstücksmarkt nicht besser sein könnte. Außerdem entsteht der Eindruck, dass die planerische Entwicklung des Checkpoint Charlie mehr und mehr zur Blackbox wird: Was hat es mit dem kolportierten städtebaulichen Massenmodell auf sich, dass die Obergutachter des Investors und der Verwaltung entwickelt haben, und für das der erst kürzlich erlassene Denkmalschutz zurückgenommen wurde?

Warum streicht die SPD das Thema Checkpoint Charlie kurzerhand von der Tagesordnung des Stadtentwicklungsausschusses (so geschehen in der Sitzung am 26. September)? Soll die Stadt künftig tatsächlich 900.000 Euro Jahresmiete für ein Museum bezahlen, dessen Nutzung ihr gar nicht langfristig garantiert ist? Warum hat die angekündigte Beteiligung der Öffentlichkeit an der Diskussion weiterer Planungsschritte auf Basis der im Sommer beschlossenen städtebaulichen Kernvorgaben bisher nicht stattgefunden?

Tourist bubble forever

All diese offenen Fragen stiften kein Vertrauen in eine sozialdemokratische, linke und grüne Stadtentwicklungspolitik, die für Teilhabe und Transparenz und Kreativität stehen will. Stattdessen läuft sie am Checkpoint Charlie Gefahr, den Setzungen von Herrn Nathaniel (Geschäftsführer von Trockland) und seinen Museums-Lobbyisten (Momper, Diepgen, Kornblum, Ex-Senatsreferent Klemke u.a.) hinterherzuregieren und billigend in Kauf zu nehmen, dass dieser weltweit bekannte Ort zu einem austauschbaren „American Business Center 2.0“ degradiert wird.

Daran wird auch ein Museum – wer hat eigentlich wann beschlossen, was dieses wie thematisieren soll? – oder eine öffentlich zugängliche Dachterrasse nichts ändern. Die städtebauliche Zäsur wäre dahin, die geplanten kommerziellen Nutzungen und das Hardrock-Hotel werden den Checkpoint Charlie als reinen Ort des Tourismus weiter isolieren. Tourist bubble forever, nur auf einem höheren preislichen Niveau.

Den Ort wieder bedeutungsvoll machen 

Das muss nicht sein. Sowohl die seltsame Panik vor einem weiteren Stillstand wie auch der zweifelhafte Impetus der Alt-Bürgermeister, am Checkpoint Charlie ein „unwürdiges Treiben“ beenden zu wollen, müssten sich doch überwinden lassen. Der Checkpoint Charlie ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins; die Besucher, die Schauspieler, die Leuchtkasten-Installation von Frank Thiel, die Angebote vor Ort haben ihm ein berlinisches Eigenleben verliehen. Dieses Eigenleben muss nicht geglättet werden, sollte aber – richtig – weiterentwickelt werden. Warum also nicht innehalten und zumindest für das Westgrundstück einen Plan B für einen richtig guten Bebauungsplan entwickeln?

Wäre es nicht ein Anfang, das Westgrundstück noch einmal temporär umzunutzen? Was einst Welt-Bühne für die Trennung und Konfrontation war, könnte zu einer Bühne mit Doppelfunktion werden. So könnte der Ort auch für Berliner wieder bedeutungsvoll und besuchenswert gemacht werden. In einer „B-Plan-Bude“ könnte die Zukunft des Ortes planerisch ausgehandelt werden, indem alle beteiligten Akteure, erst über Nutzungen, dann über städtebauliche Formen oder Architektur für dieses Grundstück diskutieren.

Parallel könnte diese Bühne von Berliner Institutionen bespielt werden, etwa mit der inhaltlichen Vorgabe, Touristen und Berliner gleichermaßen in eine Auseinandersetzung mit all dem zu verwickeln, was einem am Checkpoint Charlie so schillernd entgegenschlägt.

Einen Neustart wert

Eine solche Auseinandersetzung beinhaltet natürlich die Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Grenzen. Aber auch um eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von innerstädtischen Brachen, mit der Tourismusgeschichte und -zukunft des Ortes und von Städten generell oder mit räumlicher Stigmatisierung („Kirmes“, „Disneyland“) könnte es an diesem zentralen Ort gehen. Kurz: um wichtige Fragen urbanen Zusammenlebens, die für ein breites Besucherspektrum interessant wären.

Eine solche Nutzung als „Ort der Auseinandersetzung“ und der Neustart der Planungen erfordert, ohne Zweifel, sehr viel Einsatz und auch sehr viel Mut, einen eingeschlagenen Weg grundsätzlich in Frage zu stellen. Mit Blick auf die Bedeutung, den dieser Ort lokal, national und international entfaltet wäre es dieser Neustart wert – ehe die immobilienökomische Entwicklung diesen Ort entwertet. Bleibt die Frage: Was ist R2G der Checkpoint Charlie wert?

Christoph Sommer (l.) und Markus Kip vom Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, HU Berlin