Checkpoint Charlie: Strenge Vorgaben für privaten Investor

Leitlinien für den künftigen Bildungs- und Erinnerungsort verlangen, dass Teile der benachbarten Neubaufassaden ohne Fenster gestaltet werden.

Blick auf den ehemaligen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie. Die Brandwände sollen nicht bebaut werden, um die durch Teilung und Mauerbau verursachte Wunde in der Stadt erfahrbar zu machen.
Blick auf den ehemaligen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie. Die Brandwände sollen nicht bebaut werden, um die durch Teilung und Mauerbau verursachte Wunde in der Stadt erfahrbar zu machen.Sabine Gudath

Der künftige private Investor am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie soll sich bei der geplanten Bebauung seiner Grundstücke strengen Vorgaben des Landes Berlin unterwerfen. Das geht aus Leitlinien für den geplanten Bildungs- und Erinnerungsort an dem ehemaligen Kontrollpunkt hervor, die am Dienstagabend als Ergebnis eines städtebaulichen Dialogverfahrens präsentiert wurden. Ein würdiges Gedenken an Mauer und Todesstreifen steht danach bei der Gestaltung des Ortes im Vordergrund.

Vorgesehen ist, dass die angrenzende Südfassade eines geplanten neuen Wohngebäudes östlich der Friedrichstraße „bis zu einer Höhe von mindestens elf Metern geschlossen auszubilden“ ist, heißt es in den Leitlinien. Das bedeutet, dass die unteren elf Meter des geplanten Neubaus auf der Seite zum Bildungs- und Erinnerungsort komplett ohne Fenster und Türen gestaltet werden.

Bei einem weiteren geplanten Gebäude des Privat-Investors auf der anderen, der westlichen Seite der Friedrichstraße soll das Erdgeschoss „geschlossen“ ausgebildet werden. „Private Alltagsnutzungen sollen sich nicht in den Fassaden niederschlagen, so dass diese nicht störend in den Erinnerungsort eingreifen“, heißt es in einer weiteren der insgesamt 22 Leitlinien. Dahinter steht die Idee, dass sich die Neubaufassaden klar von den historischen Brandwänden unterscheiden, die das Bild des Checkpoint Charlie bis heute prägen. 

„Für Außengastronomie, Werbung und andere kommerzielle Nutzungen im öffentlichen Raum sind Restriktionen auszusprechen“, lautet eine andere Vorgabe. „Wir wollen kein Hackescher-Markt-Szenario, wir wollen nicht, dass dieser Freiraum komplett mit Tischen und Stühlen der Gastronomie zugestellt“ wird, sagte Manfred Kühne, Abteilungsleiter Wohnungsbau und Projekte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Wir wollen deutlich weniger Rummel dort haben, als das heute der Fall ist“, so Kühne. Für „mehr Ruhe, Übersichtlichkeit und Angemessenheit“ solle aber nicht nur im Freiraum am Checkpoint Charlie gesorgt werden, sondern zugleich in den Erdgeschossen der Neubauten.

Sorge vor blinkenden Schaufensteranlagen

Es gebe die Sorge, „dass in den Erdgeschosszonen in den Neubauten Schaufensteranlagen entstehen könnten, in denen es blinkt oder in denen sehr, sehr unruhige Dekorationen sind“, so Kühne. „Das ist einer der Gründe, warum wir dem privaten Bauherren zumuten wollen, geschlossene Erdgeschosszonen in diesem Bereich auszubilden.“ „Auch beim Wohnen wollen wir nicht so ein Neapel-Ambiente, lauter Balkone und Fenster, aus denen die Wäsche heraushängt“, sagte Kühne - und „wo die Anwohnenden, die wir uns da wünschen, Party machen auf ihren Balkonen“.

Wie trotzdem gute Wohnungen entstehen können, soll bei einem Realisierungswettbewerb herausgefunden werden, der für die Gestaltung des Wohnhauses östlich der Friedrichstraße geplant ist. Die Gestaltung auf den Flächen westlich der Friedrichstraße soll hingegen lediglich im Baukollegium abgestimmt werden, das Senat und Bauherren in wichtigen architektonischen Fragen berät. Erste Beratungen hatte es bereits in nicht öffentlichen Sitzungen des Gremiums gegeben.

Der ehemalige Grenzübergang müsse „als historisch entstandene Leerstelle stärker wahrnehmbar werden“, lautet eine weitere Leitlinie. Dazu ist eine „größtmögliche Sichtbarkeit der denkmalgeschützten Brandwände“ geplant, die den Einschnitt in die Stadt durch den früheren Grenzverlauf noch heute vor Augen führen. Im gesamten Außenbereich des ehemaligen Grenzübergangs sollen zudem die vermuteten Bodendenkmäler der ehemaligen Grenzanlagen als historische Spuren sichtbar gemacht werden. „Auch auf den privaten Teilflächen sollen die Integration und künstlerische Sichtbarmachung der Bodendenkmäler, etwa durch Bodenmarkierungen, in das Bauvorhaben erfolgen“, heißt es.

Checkpoint Charlie soll verkehrsberuhigte Zone werden

Um die gefährliche Verkehrssituation durch die vielen Touristen zu entschärfen, die kreuz und quer über die Straßen am ehemaligen Grenzübergang laufen, soll die Friedrichstraße im Bereich des Checkpoint Charlie zur verkehrsberuhigten Zone werden. Die Zimmerstraße soll als Fahrradstraße ausgebaut werden, wobei Fußgängern Vorrang eingeräumt werden soll, wie Verkehrsstaatssekretärin Meike Niedbal sagte. Außerdem ist geplant, Reise- und Sightseeing-Busse aus dem zentralen Bereich des Bildungs- und Erinnerungsortes herauszuhalten.

Die Leitlinien waren im Zuge des Dialogverfahrens erarbeitet worden, dessen öffentliche Auftaktveranstaltung Anfang Oktober 2022 stattfand. In einem Beratungsgremium brachten sich dabei Bürgervertreter sowie Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer, die Tourismuswerber von Visit Berlin sowie die Stiftung Topographie des Terrors  mit ein. Die Entscheidung über die Leitlinien lag hingegen in der Hand von Bezirken, Senat und Bund. Ihm gehörten Vertreter von vier Senatsverwaltungen (Stadtentwicklung, Umwelt, Wirtschaft und Kultur), des Landesdenkmalamts, der Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg, der Stiftung Berliner Mauer und der Kulturstaatsministerin an.

Für den geplanten Bildungs- und Erinnerungsort, der auch ein Gebäude erhalten soll, ist die Stiftung Berliner Mauer zuständig. Die Leitlinien sehen vor, dass das Gebäude ober- und unterirdisch errichtet werden kann. Der Standort für den Bildungs- und Erinnerungsort befindet sich östlich der Friedrichstraße an der Ecke zur Zimmerstraße. Das Land Berlin hatte die Fläche mit dem Areal westlich der Friedrichstraße, auf dem der Stadtplatz vorgesehen ist, mit Kaufvertrag vom 24. Oktober 2022 zum Preis von insgesamt 3,5 Millionen Euro erworben.

Noch kein Zeit- und Kostenplan zum Bildungs- und Erinnerungsort

Wann der Bildungs- und Erinnerungsort errichtet wird und was er kosten soll, ist offen. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Kultur erklärte am Mittwoch, dass er „keine konkreten Daten und Zahlen nennen“ könne. „Zunächst wird nun in einem sogenannten kulturfachlichen Dialog, den die Stiftung Berliner Mauer verantworten wird, die Konzeption für den Bildungs- und Erinnerungsort detailliert entwickelt“, so der Sprecher. Der Start hierfür sei noch 2023 geplant. „Daraus ergibt sich dann eine sogenannte Bedarfsformulierung, die die Grundlage für alle folgenden Realisierungsschritte, inklusive der Kostenschätzung, finanziellen Absicherung, Zeitplanung und Umsetzung ist.“

„Wir setzen uns dafür ein, in einem partizipativen Verfahren am Checkpoint Charlie einen ebenso aussagekräftigen wie kraftvollen, internationalen Erinnerungsort zu schaffen, der Wissen und Dialog verbindet“, sagte der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier. „Ein Ort für alle, der Raum für die Vermittlung von historischem Wissen bietet, aber auch für die Diskussion aktueller Fragestellungen zu Freiheit und Demokratie sowie zum Ost-West-Konflikt, dessen Auswirkungen bis heute und gerade jetzt wieder offenkundig sind.“ Klausmeier sagte, er gehe von einer Ausstellungfläche von 900 Quadratmetern für den Bildungs- und Erinnerungsort aus.

Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt bezeichnete die Leitlinien als „das Ergebnis eines fairen Aushandlungsprozesses“. Für die Gestaltung des Wohnhauses auf der östlichen Seite der Friedrichstraße solle im Februar der Wettbewerb starten, an dem sieben Architekturbüros teilnehmen. Im Mai sollen die Ergebnisse vorliegen.

Grüne sehen noch Diskussionsbedarf

In der Regierungskoalition stößt das Ergebnis des Dialogverfahrens auf nachdenkliche Stimmen. „Ein möglicher Neubau eines oberirdischen Gedenk- und Erinnerungsortes darf nicht den Raum dominieren“, sagte der Grünen-Abgeordnete Julian Schwarze. „Bei diesem Punkt sehen wir noch Diskussionsbedarf und offene Fragen.“ Auch die Gebäude auf den privaten Flächen müssten zum Ort passen und sich in die Umgebung einfügen. „Problematisch ist, dass die Leitlinien Fenster und Balkone in den Neubauten zum Checkpoint Charlie hin zulassen, was den Platz entscheidend verändern würde“, so Schwarze. „Sollte das umgesetzt werden, droht der Checkpoint Charlie vom Charakter her zu einem gewöhnlichen Stadtplatz zu werden. Das würde seiner historischen Bedeutung nicht gerecht.“ Das anstehende Wettbewerbsverfahren müsse das berücksichtigen und transparent ablaufen.

Als Investor für die Flächen am Checkpoint Charlie wird der Projektentwickler Gold.Stein mit Sitz in Frankfurt am Main gehandelt. Das 2002 gegründete Unternehmen entwickelt nach eigenen Angaben Immobilien unterschiedlicher Nutzungen. Darunter Wohn- und Bürogebäude, Fachmarktzentren, Hotels sowie Pflegeimmobilien. Als seine regionalen Schwerpunkte nennt Gold.Stein Frankfurt am Main, das gesamte Rhein-Main-Gebiet sowie Berlin. Auf die Frage, wie das Unternehmen die Leitlinien für den Checkpoint Charlie bewertet, antwortete es bis Redaktionsschluss nicht.