Berlin - Es sagt viel über die Natur eines Sportlers aus, wie er die Zeit zwischen dem Ende des Wettkampfs und der Bekanntgabe der Ergebnisse verbringt. Ina Beckmann zieht es in den Schatten, damit unterscheidet sie sich von den meisten anderen Teilnehmern. Ihr ist das Licht in der Arena zu grell, die Musik zu laut, die Stimmung zu aufgekratzt. Eine ausgelassen kreischende Woge aus guter Laune schwappt durch das Rund: Sie trägt kurze Trikots und große Schleifen in kleinen Korkenzieherlöckchen, sie glitzert und sie strahlt.

Es ist Meisterschaft im Velodrom. Gesucht werden die besten Cheerleader aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Ina Beckmann gehört zu den Cats von ProSport Berlin, in der Kategorie Senior Co-Ed verteidigt ihr Team den Meistertitel. Schon jetzt meint die zierliche Frau zu wissen: „Diesmal hat es nicht gereicht.“ Die Panthers aus Potsdam, die ewigen Rivalen, seien besser gewesen, hätten einige Figuren sicherer gestanden, andererseits: „Wir waren auch ganz gut.“ Und so lange sie es nicht besser weiß, steht Ina Beckmann eben lieber ein bisschen abseits, auf den Stufen, die hinab in die Umkleiden führen.

Was da alles so passieren kann...

Von dort blickt sie nach oben und beobachtet mit der nachsichtigen Missbilligung eines alten Hasen eine Gruppe von Mädchen, zwischen 12 und 14 Jahren alt. Sie sind zu acht und üben das Pyramidenbauen: Jeweils drei stehen eng beieinander, mit vereinten Kräften stemmen sie jeweils eine vierte nach oben, diese stellt sich – von den anderen an Fuß und Knöchel gehalten – auf ein Bein, winkelt das andere an und streckt die Arme in die Luft. „Liberty“ nennt man diese Hebefigur.

Gebe es jetzt noch eine dritte Gruppe, könnte ein weiterer Flyer sich etwa auf die Oberschenkel der beiden anderen stellen. Als Variante für einen Abgang wäre ein Rückwärtssalto denkbar. Der würde dann im Cradle landen, also in der Wiege, die die Untenstehenden mit ihren Armen formen.

„Diese Cheerleader“, sagt Ina Beckmann und schüttelt den Kopf, „sind immer so übermütig“. Angesichts des Betonbodens, auf dem die Mädchen stehen, versteht man ihre Sorge. Sie selbst komme vom Turnen, erklärt die 30-jährige Sozialarbeiterin. „Da waren wir immer schön diszipliniert, da stellt man sich an sein Gerät und wartet, bis man dran ist.“ Dieses verrückte Rumgehopse, was da alles passieren könne... Knochenbrüche, Bänderrisse, Gehirnerschütterungen, das ganze Repertoire der Sportverletzungen. Auch Nasenbeinbrüche sind keine Seltenheit.

Cheerleading ist nichts für Weicheier. Wenn man die Cats in ihrer Trainingshalle in der Rudolstädterstraße in Wilmersdorf besucht und sich ansieht, wie hart sie dort dreimal die Woche trainieren, dann löst sich das Klischee vom puschelschwingenden Blondchen schnell in Wohlgefallen auf. Nicht zuletzt, weil auch Männer mitmachen. Ohne Ponpon (wie der Puschel fachgerecht heißt) aber mit Muskeln, gut aussehend und heterosexuell.

Wenn man die fragt, warum sie sich von allen möglichen Sportarten ausgerechnet Cheerleading ausgesucht haben, gibt es zur Antwort erst einmal ein breites Grinsen. „Wir sind da, wo die schönen Frauen sind“, sagt Robert Golz dann. Aber es sei eben auch ein sehr guter Work-out für den ganzen Körper. Kraft, Schnelligkeit, Dehnbarkeit, Geschicklichkeit und Koordination sind gefragt. Als Physiotherapeut kann Golz das ganz gut beurteilen.

Teamsport im besten Sinne

Neben den Stunts, den Pyramiden und den akrobatischen Wurffiguren, den Basket Tosses, braucht man die Fitness auch unbedingt für das sogenannte Tumbling, die Flic-Flacs, Salti und Überschläge auf der Bodenbahn. Golz hat als Kind und Jugendlicher Judo auf hohem Niveau betrieben. Jetzt trainiert er die Cats. Hin und wieder, wenn Not am Mann ist, springt er ein.

Genug Männer für ein gutes Co-Ed-Team zu finden, sei schwer, sagt Sarah Blei, die Trainerin. Bei den Cats sind es komfortable acht. Co-Ed kommt aus dem Amerikanischen, wie überhaupt alles beim Cheerleading und bedeutet gemischt-geschlechtlich. Bei den Cats heißt das auch: gleichberechtigt. Wenn mal ein Stunt, also eine Hebe- oder Wurffigur, nicht klappt, stehen hinterher alle zusammen und gehen alles gemeinsam noch einmal durch. Begleitet vom stetigen Zählen der Trainerin – „one, two, three, four, five, six, seven, eight“. Die Synchronität der Bewegungen lässt sich nur erreichen, wenn alle bei „five“ genau das tun, was die Choreographie vorschreibt.

Cheerleading ist ein Teamsport im besten Sinne: Jeder ist gleich wichtig, ob groß oder klein, kräftig oder zierlich. Die Jüngste ist 15, der Älteste 42. Die einen stehen unten als Base, werfen und halten, die anderen fliegen und drehen sich in der Luft. Am Boden, während der Tanzeinlagen, zählt ohnehin die Performance als Gruppe. Genau 2 Minuten und 30 Sekunden dauert eine „Routine“.

Und sogar die Stimmbänder werden beansprucht. Ein für den europäischen Betrachter durchaus seltsam anmutender Bestandteil sind dabei die Cheers, jene Anfeuerungsrufe und Sprechgesänge, die dem Sport seinen Namen gaben. Häufig, wie mittlerweile auch bei den Cats, feuert das Team sich selbst an. Man habe sich vom Footballteam unabhängig gemacht, sagt Robert Golz. Allein schon, um innerhalb des Vereins besser wahr genommen zu werden. Das ist vor allem gut, wenn es ums Geld geht.

Zur Siegerehrung ins gleißende Licht

Mit Auftritten, etwa beim Berlin-Marathon, bessern die Cats ihre Kasse auf. Dennoch reicht das dann nicht einmal für die Kostüme, die maßgeschneidert für 150 Euro pro Stück aus den USA kommen. Und für die Teilnahme an der Europameisterschaft im Juli in Italien bräuchte man pro Person ungefähr 800 Euro. Ob das jeder zahlen könne, sei fraglich.

Vor Italien stehen noch die Deutschen Meisterschaften, und selbst die sind Zukunftsmusik. Hier und heute, im Velodrom, geht es um die Landesmeisterschaft. Und die haben die Cats nun eben doch gewonnen. Zur Siegerehrung springt dann auch Ina Beckmann ins gleißende Licht und jubelt – ganz übermütig – gemeinsam mit ihren 17 Teamkollegen.