Potsdam - Der Mord an Andrea Lohagen ist aufgeklärt. Die 16-Jährige aus Bad Belzig verschwand 1993, sieben Jahre später wurde ihre Leiche entdeckt. Nun konnten Ermittler der Mordkommission am Landeskriminalamt Brandenburg den Fall lösen und die Mörder ermitteln. Doch die Täter sind inzwischen gestorben. Axel Hetke, der Leiter der Altfallkommission, erklärt, warum es so wichtig ist, auch alte Mordfälle zu lösen.

Herr Hetke, nach 23 Jahren hat Ihre Mordkommission den Mord an Andrea Lohagen aufgeklärt. Die Namen der Täter tauchten schon am Anfang in den Akten auf.

Das stimmt. Es konnte ermittelt werden, dass die beiden sie zum Zeitpunkt des Verschwindens vermutlich als Letzte gesehen haben.

Warum konnte man Ihnen damals nichts nachweisen?

Das Mädchen war einfach weg, es gab keine Spuren, keine Zeugen. Die Jungen gaben auch zu, der Schülerin begegnet zu sein, mehr aber auch nicht.

Im Jahr 2000 fand man die skelettierte Leiche der 16-Jährigen. Wieder wurden die zwei verdächtigt.

Aber nachweisen ließ sich wieder nichts. Es gab nach all den Jahren an der Leiche und am Fundort keine täterbezogenen Spuren.

Warum sind Sie sich nun so sicher, dass die zur Tatzeit 13 und 14 Jahre alten Jungen wirklich das Mädchen umgebracht haben?

Wir haben die Akten 2012 übernommen. Seit Anfang 2015 sind wir mit Manpower jede Woche in Bad Belzig gewesen, haben die Leute aus dem Jugendclub angesprochen und Menschen aus dem persönlichen Umfeld von Andrea. Dadurch wurde in der Stadt schnell bekannt, dass wir wieder ermitteln. Im Juni dieses Jahres hat sich ein Zeuge gemeldet, dem sich der ältere Tatverdächtige vor zwei Jahren offenbart hatte. Der Verdächtige war zu dieser Zeit bereits einen Monat tot. Er war in der Berliner S-Bahn eines natürlichen Todes gestorben.

Und der zweite Tatverdächtige?

Er war zur Tatzeit 13 Jahre alt, also strafunmündig. Wir haben ihn im Oktober an der bayrisch-österreichischen Grenze als Zeugen befragt, er lebte in Österreich. Er sagte, er sei damals mit seinem Kumpel Andrea begegnet, wolle aber momentan noch Zeit haben, alles zu überdenken und mit seiner Familie besprechen. Genaueres wollte er uns bei einem zweiten Treffen erzählen. Dazu kam es aber nicht mehr, kurz nach der ersten Befragung nahm er sich das Leben.

Was war das für ein Gefühl, den Eltern von Andrea endlich sagen zu können: Wir wissen, wer es war?

Wir sind mit gemischten Gefühlen hingefahren. Ich hatte den Eindruck, sie waren zufrieden, dass es nun zu Ende war. Aber sie haben sich nichts sehnlicher gewünscht, als zu erfahren, warum ihr Kind sterben musste. Und diese Antwort konnten wir ihnen nicht geben.

Ihre Altfallkommission hat zehn Mitarbeiter. Warum ist es so wichtig, alte Mordfälle noch einmal ganz besonders gründlich zu betrachten?

Weil jeder Angehörige eines Opfers einen Anspruch darauf hat zu erfahren, was passiert ist. Und kein Täter soll sich jemals in Sicherheit wiegen. Mord verjährt nicht.

Gibt es denn viele sogenannte Altfälle in Brandenburg?

Es sind 116 Fälle erfasst, 90 Tötungsdelikte und 26 Vermisstensachen, bei denen vermutet werden kann, dass ein Verbrechen vorliegt.

Wie alt ist der älteste Fall?

Er stammt aus dem Jahr 1948. Aber in der Akte haben wir keinen Ermittlungsansatz gesehen. Eine kriminaltechnische Spurensicherung hat am Tatort faktisch nicht stattgefunden. Das war wohl auch der damaligen Zeit geschuldet.

Was ist passiert?

Auf dem Bahnhof in Wustermark standen damals mit Lebensmittel beladene Waggons – Ende der 1940er-Jahre waren das begehrte Objekte. Der Angehörige der Bahnpolizei, der die Waggons bewachen sollte, wurde erstochen.

Wie viele Jahre liegt der älteste Fall zurück, bei denen Sie noch Hoffnung auf eine Lösung haben?

50 Jahre, ein Doppelmord. Im Mai 1966 wurden ein 30-jähriger Mann aus Bernau und seine 15-jährige Geliebte nackt in einem Klärbecken in Hobrechtsfelde entdeckt. Die Leichen waren mit einem Betonteil beschwert und versenkt worden. Auch diese Akten haben wir uns zunächst einmal angeschaut.

Wann beginnen die Ermittlungen?

Wir haben noch nicht alle 116 Fälle gesichtet. Ausgewählt werden die Fälle, denen wir uns intensiver widmen, nach zunächst drei Kriterien. Erstens müssen die Akten vollständig sein. Zweitens muss es noch Spuren geben. Und dann sollte zum Zeitpunkt der Ermittlungen noch keine DNA-Analyse angewandt worden sein. Die DNA-Analyse kam erst Mitte der 1990er-Jahre auf. Ideal ist es, wenn es noch Kleidung gibt, die wir auf mögliche Täter-DNA untersuchen lassen können.

Wie geht es dann weiter?

Wir holen uns alle Akten und Spuren zum Fall ins LKA und sprechen natürlich mit Kollegen von damals, fragen nach Hinweisen oder Erinnerungen, konsultieren Staatsanwaltschaften und kriminaltechnische Experten. Wir schauen uns natürlich auch die alten Tatorte an.

Kennt jeder aus Ihrer Mordkommission die vollständige Akte eines Falls, den sie gerade untersuchen?

Jeder schaut sich die Akte von A bis Z an. Das dauert lange, ist aber für die qualifizierte Arbeit an dem Fall ein Muss.

Und diese Zeit haben Sie?

Das ist der Vorteil, den wir haben. Unsere Arbeit wird nicht mehr unterbrochen durch das aktuelle Tagesgeschehen. Früher haben wir Mordermittler uns einen ungeklärten Fall zwischendurch noch einmal angeschaut. Wir mussten die alten Akten aber weglegen, wenn es einen neuen Fall gab. Wir sind jetzt in einer komfortablen Situation. Man kann das durchaus auch als Luxus bezeichnen, der ein konzentriertes Arbeiten möglich macht. Das ist aber auch notwendig, denn ein Sachverhalt besteht im Regelfall aus 15 bis 20 und mehr Aktenbänden mit mehreren Tausend Blättern.

Wann entscheiden Sie sich, Angehörige der Opfer aufzusuchen?

Wenn wir uns für aktive Ermittlungen entscheiden, müssen wir schon in der Frühphase zu den Verwandten gehen. Durch die Ermittlungen in den Ortschaften, in denen die Angehörigen ja teilweise noch wohnen, würde das sowieso bekannt. Und es ist für mich eine Sache der Pietät, die Angehörigen von Opfern frühzeitig zu informieren. Bevor sie es von Nachbarn oder aus den Medien erfahren.

Wie vielen Fällen haben Sie sich seit Bestehen der Altfallkommission intensiv gewidmet?

20 bis 25. In einzelnen Fällen mussten wir auch sagen, dass damals alles gemacht worden ist.

Und wie viele Fälle haben Sie seitdem geklärt?

Mit dem Fall von Andrea Lohagen sind es drei. Das hört sich wenig an. Aber es sind Fälle, an denen wir jahrelang gearbeitet haben und die sonst vermutlich niemals mehr geklärt worden wären.

Was ist das für ein Gefühl, einen alten Mord aufgeklärt zu haben?

Da kommt richtige Freude auf. Bei uns und auch bei den Angehörigen. Das klingt hochtrabend, aber bei den Hinterbliebenen eines Verbrechens, die jahrelang auf diesen Tag gewartet haben, ist eine tiefe Dankbarkeit und Zufriedenheit zu spüren und das Gefühl, dass die Gerechtigkeit doch noch gesiegt hat.

Wie ist das, wenn Sie in einem alten Fall die Nadel im Heuhaufen, eine Spur entdecken? Kribbelt es dann?

Das ist ein natürlicher Reflex. Ich glaube, den Mordermittler gibt es nicht, bei dem es nicht schon bei einem Verdachtsmoment kribbelt.

Die Fälle, die Sie bearbeiten, liegen manchmal Jahrzehnte zurück. Stoßen Sie überhaupt noch auf Zeugen?

Die Zeit spielt eine große Rolle. Und sie spielt nicht immer gegen uns. Es können sich über Jahre persönliche Verhältnisse gelöst haben, Partnerschaften kaputt gegangen oder ein Tatverdächtiger verstorben sein. So etwas ändert das Aussageverhalten von möglichen Zeugen. So dass sie das, was sie vor vielleicht 20 Jahren nicht sagen wollten, nun preisgeben.

Aber oft verblasst die Erinnerung?

Wir sind oft erstaunt über das Erinnerungsvermögen mancher Zeugen auch nach mehreren Jahrzehnten. Zum Beispiel im Fall des achtjährigen Kindes, das 1974 an einer Kohlenmonoxidvergiftung starb. Der Fall wurde erst jetzt, nach einem anonymen Hinweis, wieder aufgerollt. Die Mutter stand im Verdacht. Es gab keine Akten, wir mussten bei Null beginnen.

Und es gab Menschen, die sich 40 Jahre später noch erinnern konnten?

Das war ganz erstaunlich. Wir haben Informationen bekommen, die wir so nicht erwartet haben. Der Notarzt, der 1974 den Tod des Jungen festgestellt hat, wusste sofort, wovon wir sprechen. Und der Gutachter des Energieversorgers von einst hat uns, ohne dass wir etwas sagen mussten, gleich gefragt: Sie kommen doch nicht wegen dieser Sache von damals?

Die Mutter wurde freigesprochen.

Ja, das Gericht gelangte offenbar nicht zu der sicheren Überzeugung, dass ein Schuldspruch gerechtfertigt sei. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft ist in Revision gegangen.

Woran arbeitet Ihre Mordkommission gerade?

Wir schauen uns intensiv den Fall Gabriela Tiede an, die 1993 in Frankfurt (Oder) getötet wurde. Aber auch die Akten zu den Tötungsverbrechen an zwei zehn- und elfjährigen Mädchen im Bereich Baruth und Zossen von 1994 und 1995 stehen im Fokus.

Werden Ihre Kollegen und Sie durch die technische Entwicklung und neue Ermittlungsmethoden nicht irgendwann arbeitslos werden?

Warum? Es wachsen auch heute wieder Altfälle nach. Die Aufklärungsquote bei Mord und Totschlag ist seit dem Jahr 2000 fast konstant geblieben, sie liegt bei über 90 Prozent. Insofern bleiben einige Fälle ungelöst, die später noch einmal intensiv betrachtet werden müssen.