Spargelbauern in Brandenburg bauen weniger an: „Spargelland ist abgebrannt“

Der Beelitzer Spargel gehört zu den großen Erfolgsgeschichten im Osten. Die Region profitierte von den Berlinern. Nun ist die Branche in ihrer schwersten Krise.

Die Folien über den Spargeldämmen wirken wie Gewächshäuser. In der Krise legen immer mehr Bauern immer mehr Felder still.
Die Folien über den Spargeldämmen wirken wie Gewächshäuser. In der Krise legen immer mehr Bauern immer mehr Felder still.dpa/Ralf Hirschberger

Das Thema Spargel ist eigentlich ein wunderbar leichtes. Weil dieses Edelgemüse immer ab April angestochen wird, ist es das erste frische Produkt von den heimischen Feldern in den Läden. Quasi der Frühlingsbote. Die Region Beelitz in Westbrandenburg ist das größte zusammenhängende Spargelgebiet Deutschlands, doch dort stehen gravierende Veränderungen an, denn der Höhepunkt des Spargel-Booms ist überschritten. Das sagt Jürgen Jakobs, der Chef des Spargelvereins. Ein Grund ist der neue Mindestlohn, der ab Oktober gilt. Ein Gespräch über die Billigkonkurrenz aus der EU und darüber, dass die Bauern sogar schon erste Felder stilllegen.

Herr Jakobs, der Grund für unser Gespräch ist ein ernster. Ab Oktober kommt der neue Mindestlohn. Was bedeutet dies für die Brandenburger Spargelbauern?

Für uns wird das ein riesiger wirtschaftlicher Schockmoment. Denn die heimische Spargelbranche steckt in einer schweren Krise. Vielleicht in ihrer schwersten seit Jahrzehnten. Und da kommt nun noch eine massive Kostenerhöhung dazu.

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dpa/Patrick Pleul
Rheinländer in Beelitz
Jürgen Jakobs ist 56 Jahre alt. Er betreibt einen eigenen Hof und ist Vorsitzender des Beelitzer Spargelvereins, der 14 Höfe unter der gemeinsamen Regionalmarke vereint. Jakobs stammt vom linken Niederrhein. Der Diplomkaufmann kam 1996 nach Beelitz.

Was ist der Grund für die Krise?

In den zwei Corona-Jahren konnten wir unsere Hofrestaurants nicht voll öffnen, außerdem waren doch überall ganz viele Restaurants und Kantinen über Wochen und Monate geschlossen. Wir haben weniger Spargel verkauft. Und in diesem Jahr kam dann der Ukraine-Krieg dazu. Putins Angriff begann am 24. Februar, der Spargelanstich ist im April. Wegen der Krisenstimmung gab es eine deutliche Kaufzurückhaltung beim heimischen Spargel.

Das war auch an Ihren Preisen zu erkennen. Schon einen Monat nach Saisonstart war der Spargel so billig zu bekommen wie seit fünf Jahren nicht. Mit den Billigpreisen hofften die Landwirte, die Leute doch noch zum Kauf zu motivieren, oder?

Ja, aber der Krieg schlug voll durch. Überall stiegen die Preise, nicht nur für Benzin. Alles wurde acht oder zehn Prozent teurer, nur unser Spargel und die Erdbeeren nicht, aber das hat niemand mehr mitbekommen, weil die Leute ganz andere Probleme haben.

Dabei gab es doch über viele Jahre einen klaren Trend, besonders bei Berlinern: Lebensmittel sollen vor allem regional sein, oder?

Genau. Viele Leute bevorzugen Bio- und regionale Produkte. Die Berliner kauften besonders gern Beelitzer Spargel. Aber in diesen Zeiten spielt der Preis eine immer größere Rolle bei der Kaufentscheidung. Und da haut der Mindestlohn nun voll rein.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie auf Ihrem Hof?

Wir haben 400 Saisonkräfte. Die meisten kommen inzwischen aus Rumänien. Und wir haben 100 einheimische Mitarbeiter, die ganzjährig beschäftigt sind. Das sind dann schon irre Kosten. 80 Prozent der Leute arbeiten bei uns zu Mindestlohn-Bedingungen. Nicht etwa, weil wir nicht mehr zahlen wollen, sondern weil wir den Spargel nicht noch teurer verkaufen können.

Was verdienen die Saisonkräfte bislang und künftig?

Die Spargelstecher bekamen bisher 9,60 Euro pro Stunde. Laut Gesetz gilt der neue Mindestlohn ab 1. Oktober. Dann sind es 12 Euro. Dazu kommen unsere Prämien. Wir wollen ja einen Anreiz setzen. Die Leute, die über dem Durchschnitt Spargel stechen, bekommen bis 25 Prozent Prämie auf das Grundgehalt. Das sind dann noch mal etwa 2,50 Euro pro Stunde.

Die Erntemengen gingen im Krisenjahr 2022 deutlich zurück.
Die Erntemengen gingen im Krisenjahr 2022 deutlich zurück.dpa/Martin Schutt

Wie ist das im internationalen Vergleich?

Für uns ist ein Riesenproblem, dass es in Italien, Griechenland und Spanien keinen Mindestlohn gibt. Dort arbeiten die Leute für sechs Euro oder weniger. Damit haben die Betriebe einen absoluten Wettbewerbsvorteil und können ihren Spargel trotz der Transportkosten viel billiger anbieten. Denn da rollen Diesel-Zwölftonner voller Spargel ganz unökologisch quer durch ganz Europa. Und selbst bei höheren Spritpreisen macht das im Supermarkt dann nur ein paar Cent mehr pro Kilo. Und wir stehen hilflos da.

Wie hoch sind die Personalkosten bei Ihnen?

Etwa 60 Prozent unserer Produktionskosten sind Personalkosten. Die Rechnung geht nun so: Wenn bei diesen 60 Prozent die Kosten wegen des Mindestlohns um 25 Prozent in die Höhe gehen, steigen unsere Gesamtkosten um 15 Prozent. Das ist immens, so etwas gab es bislang nur, als 2015 der Mindestlohn von 7,50 Euro eingeführt wurde.

Die ersten Bauern haben bereits die ersten Felder stillgelegt. Sie auch?

Ja, auch wir haben die ersten Flächen stillgelegt oder nicht mehr im vollen Umfang abgeerntet, weil der Absatz einfach nicht mehr zu auskömmlichen Preisen möglich war. Der Preisdruck der Billigkonkurrenz war einfach zu hoch. Und wenn wir da noch mehr Spargel gestochen und in den Handel gegeben hätten, wäre der Preis immer weiter gefallen. Wir hätten uns selbst geschadet. Und wir hätten die ganze Zeit den Lohn und alle anderen Kosten zahlen müssen, ohne den Spargel loszuwerden. Üblicherweise produzieren wir in unserer Region etwa elf Millionen Kilo pro Jahr. Dieses Mal waren es sicher 1,5 Millionen Kilo weniger.

In diesem Jahr haben mir viele Leute gesagt, dass sie keinen Spargel mehr gekauft haben, weil 15 Euro pro Kilo im Hofladen für sie eine Schallgrenze ist …

… da haben Sie recht. Das hören wir auch.

Aber in diesem Jahr lag der Preis zum Saisonstart bereits bei 16,90 Euro. Ein Rekordwert. Um wie viel werden Sie die Preise wegen des Mindestlohns im nächsten Jahr erhöhen?

Ich glaube, der Spargelpreis wird nicht steigen. Wir werden nicht mehr verlangen können.

Spargelstechen ist eine Knochenarbeit. Die allermeisten Saisonarbeiter kommen inzwischen aus Rumänien.
Spargelstechen ist eine Knochenarbeit. Die allermeisten Saisonarbeiter kommen inzwischen aus Rumänien.dpa/Martin Schutt

Was heißt das für die Landwirte?

Wir müssen schauen, ob wir weiter rationalisieren, weiter mechanisieren können, um die hohen Lohnkosten auszugleichen. Oder wir ernten nur noch auf den Hoch-Ertragsfeldern und beschäftigen weniger Leute, damit wir mit den Einnahmen nachhaltig die Kosten decken können.

Können Sie dann überhaupt noch preiswerten Spargel für den Supermarkt produzieren?

Nein. Früher gingen große Erntemengen in den Großhandel. Der Preis lag knapp unter den Gesamtkosten pro Kilo. Solche preiswerten Angebote von regionalem Spargel werden wir nicht mehr machen können.

Spargel aus Beelitz ist seit bald drei Jahrzehnten eine der Erfolgsgeschichten aus Brandenburg. Die Anbauflächen stiegen von Jahr zu Jahr. Wenn es nun aber im Supermarkt keinen heimischen Spargel mehr gibt, der nicht allzu viel teurer ist als der griechische, wird Beelitzer Spargel dann nicht zum Nischenprodukt?

Na ja, ich prognostiziere mal, dass wir in den nächsten zwei, drei Jahren sicher 20 bis 30 Prozent der Flächen zurückbauen werden.

Das Beelitzer Spargelland ist abgebrannt?

Ja. Das Spargelland ist abgebrannt. Der Höhepunkt für uns Spargelbauern ist überschritten. Die goldenen Zeiten sind definitiv vorbei. Wenn die gesamte Gesellschaft deutliche Wohlstandsverluste erleidet – was ganz sicher der Fall ist –, werden sich doch auch jene Produkte schlechter verkaufen, die mit Wohlstand in Zusammenhang gebracht werden. Wie unser Spargel.

Wenn Landwirte ausschließlich Spargel anbauen, bleiben ihnen knapp acht Wochen, um ihren Jahresverdienst einzufahren. Wie viel Prozent Ihres Umsatzes kommt aus dem Spargel?

Wir haben 250 Hektar Spargel und 50 Hektar Heidelbeeren. Der Spargel macht bei uns sicher 75 Prozent des Umsatzes aus.

Sie wirken bedrückt. Denken Sie ans Aufhören?

Jein. Wir werden die Spargelproduktion ganz klar zurückfahren. Wir bemühen uns um regenerative Energien. Solaranlagen auf Feldern und Dächern. Die Dächer sind bei unserem Betrieb schon alle belegt, weil wir schon vor Jahren auf Nachhaltigkeit und auf Kosteneinsparung gesetzt haben. Es ist jetzt schon klar, dass einzelne Höfe dichtmachen müssen, weil es sich einfach nicht mehr rechnet.

Die Spargelernte endet immer am 24. Juni. Danach werden die frischen Stangen nicht mehr gestochen. Sie schießen ins Kraut und werden große Pflanzen.
Die Spargelernte endet immer am 24. Juni. Danach werden die frischen Stangen nicht mehr gestochen. Sie schießen ins Kraut und werden große Pflanzen.dpa/Bernd Weißbrod

Welche Auswirkungen haben die hohen Energiepreise?

Wir haben für unsere Firma in den drei Erntemonaten 150.000 Euro mehr für Diesel ausgeben müssen und hatten 50.000 Euro zusätzliche Gaskosten.

Wie oft essen Sie selbst in der Spargelzeit eigentlich Spargel?

Zu Beginn täglich, nach zwei, drei Wochen dann nur noch alle zwei Tage. Ich freue mich schon auf die neue Saison. Trotz allem.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.