Chef des Dong Xuan Centers im Interview: Seine Lieblingsspeise ist die Bratwurst

Nguyen Van Hien empfängt uns in der obersten Etage eines alten Fabrikgebäudes in der Lichtenberger Herzbergstraße, das noch von Siemens gebaut wurde. Dort hat der Chef des Dong Xuan Centers, einer Art Klein-Hanoi in Lichtenberg mit unzähligen Geschäften, ein sehr bescheidenes Büro. Es gibt Gebäck und frischen Kaffee mit Sahne aus Plastikdöschen. Van Hien bittet darum, rauchen zu dürfen. Als er den Blick seines Besuchers auf dem Zigarettenpäckchen bemerkt, weist er auf die Banderole. „Versteuert“, sagt er. „Alles ganz korrekt.“

Entschuldigung. Passiert Ihnen das öfter?

Ab und zu kommt es noch vor.

Ärgert es Sie?

Es ist nicht schön. Ich kann das zwar ein bisschen verstehen, aber es ist zwanzig Jahre her, dass Vietnamesen an jeder Ecke mit Zigaretten gehandelt haben. Vorurteile leben lange.

Wofür stehen Vietnamesen heute?

Für Fleiß. Vietnamesen sind sehr fleißig.

Sie haben erreicht, was der größte Teil der Deutschen nicht geschafft hat. Spüren Sie manchmal Neid.

Warum? Ich hatte viel Glück, aber mir ist nichts geschenkt worden. Ich arbeite 14 Stunden am Tag und habe seit über zehn Jahren keinen Urlaub gemacht. Was ich erreicht habe, ist also eigentlich nicht außergewöhnlich.

Mittlerweile gelten Sie als der reichste Vietnamese in Deutschland.

Das habe ich auch schon gehört, ich weiß nicht, ob das so ist. Es ist auch nicht wichtig. Es geht mir gut.

Was ist Ihnen wichtig?

Erfolg und Anerkennung.

Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?

Ja, sehr.

Das Gelände an der Herzbergstraße, auf dem Sie heute das Dong Xuan Center betreiben, haben Sie 2003 gekauft. Wie ging das damals?

Das war schwer. Ich hatte in der Nähe einen Textilhandel. Als sich die Möglichkeit ergab, das Gelände zu kaufen, habe ich Banken um einen Kredit gebeten. Aber sie konnten sich nicht vorstellen, dass ich Mieter für ein asiatisches Einkaufszentrum finden würde. Vielleicht hatte die Bank auch nur Angst, dass ich das Geld nehme und verschwinde. Dann haben mir private Baufirmen Geld gegeben. Sie haben mir vertraut, weil wir schon gut zusammengearbeitet hatten. So hat es geklappt. Und als das Dong Xuan Center stand und voll vermietet war, kamen Banker und boten mir Kredite an.

Sie leben von den Mieteinnahmen?

Ja, das ist so.

Es heißt, das wären monatlich 300.000 bis 400.000 Euro.

Das kann ich so nicht bestätigen. Der Überschuss beträgt im Monat etwas mehr als 100.000 Euro. Und ich investiere das Geld auch wieder. Seit 2004 habe ich insgesamt 35 Millionen Euro in das Dong Xuan Center gesteckt. Bis Ende nächsten Jahres will ich weitere zehn Millionen investieren.

Sie kamen wie viele Ihrer Landsleute in den Achtzigern in die DDR. Was haben Sie damals gemacht?

Ich war Gruppenleiter in einem Baukombinat in Potsdam. Das war eine schöne Zeit.

Warum?

Die Kollegen waren nett. Die Arbeit hat Spaß gemacht, und nebenbei haben wir Jeans und Kleider genäht.

Reichten die Kontakte zu den deutschen Kollegen auch über den Feierabend hinaus?

Ja, das gab es. Wir haben Geburtstage zusammen gefeiert. Wir waren nicht isoliert, wie es heute oft heißt.

Wie haben Sie die Wende erlebt?

Sehr chaotisch, alles ging durcheinander. Wir waren die Ersten, die arbeitslos wurden. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Viele, die meisten, sind damals zurück nach Vietnam gegangen.

Sie sind geblieben. War die Situation nicht ziemlich aussichtslos?

Es war schwer, weil die meisten Vietnamesen keine Ausbildung hatten und nur schlecht deutsch sprachen. Wir waren ja nur zum Arbeiten in die DDR geholt worden. Wer hier blieb, musste sich als Selbstständiger durchschlagen. Für die meisten ging es wirklich ums Überleben. Viele handelten mit Zigaretten, viele aber auch nicht. Ich habe damals Textilien verkauft.

Die Vietnamesen, die in der DDR lebten, kamen aus dem Norden. In Westberlin waren es Südvietnamesen, die aus Ihrem Land vor den Nordvietnamesen geflohen waren. Als die Mauer fiel, prallten plötzlich über 8000 Kilometer fern der Heimat Gegensätze aufeinander.

Nein. Es war damals auch schon über ein Jahrzehnt her, dass sie geflüchtet sind. Außerdem lebten viel mehr Vietnamesen im Osten. Die Westberliner haben sich eher auf uns gefreut. Die Zeit und die Entfernung heilen viele Wunden.

Gab es auch Unterstützung? Die Westberliner kannten schließlich den Westen.

Viele haben es versucht. Sie waren ja besser integriert. Sie kamen in den Siebzigern als Flüchtlinge nach Deutschland, konnten Sprachkurse besuchen und bekamen eine Berufsausbildung. Deshalb arbeiten Vietnamesen im Westen oft als Angestellte. Einen Job konnten sie uns aber selten besorgen. Meist lag es an Sprachproblemen.

Und heute?

Es gibt keine Unterschiede mehr. Viele Westberliner arbeiten hier im Dong Xuan Center. Ich habe auch viele Freunde gefunden, und für unsere Kinder, die hier geboren sind, ist das sowieso Vergangenheit. Die sprechen ja auch kaum noch vietnamesisch. Mehr als jeder zehnte Vietnamese in Berlin ist höchstens 15 Jahre alt.

In den vergangenen Jahren eröffneten hier vietnamesische Restaurants quasi im Wochenrhythmus. Wissen Sie, wie viele es in der Stadt gibt?

Etwa 1 000. Vor fünf Jahren waren es noch rund 350. Und es werden noch mehr werden.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Das Essen schmeckt dort, und es liegt im Trend. Die Gerichte haben wenig Fett, wenig Zucker und viel frisches Gemüse.

Die leichte Küche beherrschen aber nicht nur die Vietnamesen.

Richtig. Die vielen vietnamesischen Restaurants gibt es auch, weil wir Vietnamesen selbstbewusster geworden sind. Früher haben wir China- oder Asia-Restaurants betrieben. Wir haben uns versteckt, waren anonym. Wenn heute ein Vietnamese ein Restaurant eröffnet, dann nennt er es stolz ein Vietnam-Restaurant. Das ist gut so.

Haben Sie eine Lieblingsspeise?

Oh, das wollen Sie nicht hören: Kohlroulade oder Thüringer Bratwurst.

Na, dann hat sich wohl die nächste Frage erledigt.

Fragen Sie.

Möchten Sie irgendwann wieder zurück nach Vietnam?

Nur zu Besuch. Ich bleibe hier. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Was schätzen Sie an Deutschland?

Pünktlichkeit, Sauberkeit, das intelligente Arbeiten, die Korrektheit und den Fleiß.

Das klingt aber sehr integriert.

Wer sich abgrenzt, kann kein Vertrauen erwarten. Wir müssen uns hier fühlen wie in unserer Heimat, sonst werden wir nie dazugehören. Nur so erreichen wir Anerkennung.

Warum ist Ihnen Anerkennung so wichtig?

Weil wir alle aufeinander angewiesen sind. Wenn die Bevölkerung nicht die Unterstützung bietet, also bei Vietnamesen kauft, dann kann man alles vergessen. Ich sage meinen Leuten immer, wenn ihr euren Familien in Vietnam helfen wollt, dann müsst ihr ordentlich arbeiten. Ein Geschäft muss immer zu beiderseitigem Nutzen sein, sonst bleibt es ein einmaliges Geschäft. Ehrlichkeit bedeutet Langfristigkeit.

Zu den unter Vietnamesen beliebtesten Geschäftsmodellen zählt der Blumenhandel. Weshalb ausgerechnet Blumen?

Wahrscheinlich hat einer damit angefangen, und dann hat es sich herumgesprochen, dass das Geschäft gut läuft. Aber es ist auch eine schwere Arbeit. Meist sind es Familienbetriebe. Der Mann fährt mitten in der Nacht zum Großmarkt, um einzukaufen, weil es dann die besten Blumen zum besten Preis gibt. Dann bereitet er im Laden alles für den Verkauf vor. Wenn die Frau die Kinder in die Schule gebracht hat, übernimmt sie den Verkauf, und der Mann schläft ein bisschen. Am Abend räumt er dann den Laden auf, und die Frau kocht das Essen. Dann wieder etwas Schlaf und um zwei Uhr morgens geht es wieder los. Ohne Familie geht das nicht.

Inzwischen haben Ihre Landsleute scheinbar ein Blumenmonopol.

Ich weiß nicht. Vielleicht finden andere einfach genug Jobs, in denen sie das gleiche Geld leichter verdienen können.

Viele Vietnamesen, die in den Siebzigern und Achtzigern nach Deutschland kamen, gehen nun bald in Rente. Sorgen Sie sich um Altersarmut unter Vietnamesen?

Nein. Die meisten Leute haben 30 Jahre gut verdient, und die Familien werden sie unterstützen. Da mache ich mir keine Sorgen. Wenn ich Geld habe und mein Bruder nicht, dann helfe ich ihm. Wenn ich das nicht tue, bin ich kein guter Mann. Alles, was verdient wird, ist für die Familie. Einer sorgt für den anderen.

Das ist das traditionelle Muster. Ist das auch in Deutschland noch so?

Ja. Familie bedeutet Zusammenhalt. Es ist auch wichtig, dass die Kinder gut in der Schule sind. Die Eltern machen alles dafür, engagieren sich in der Schule. Abitur muss unbedingt sein, dann ein Studium, am besten Ökonomie, Jura oder Architektur.

Gilt das auch für Mädchen?

Ja, wir haben auch dazu gelernt. Vietnamesische Familien hier sind moderner als in Vietnam.

Dort gilt Homosexualität als ansteckende Krankheit. Wie gehen die Vietnamesen hier damit um?

Das ist leider noch immer ein Tabuthema, aber es findet nicht mehr so eine Ächtung statt wie früher. Es braucht seine Zeit.

Dagegen wird Erfolg gern zur Schau gestellt.

Das stimmt. Wenn die Deutschen Geld haben, dann leisten sie sich zuerst einen schönen Urlaub, die Wohnung muss schön sein, und das Essen ist ihnen wichtig. Die Deutschen wissen ganz genau, was sie am Montag essen und was am Dienstag und was am Mittwoch. Vietnamesen wollen immer nach außen zeigen, was sie haben und übertreiben manchmal. Auch wenn sie nur einen Euro in der Tasche haben, tun sie gern so, als hätten sie zehn Euro. Es muss immer das beste Auto sein, der feinste Anzug. Das wird auch als ein Beweis von Glück verstanden.

Mehr Schein als sein?

Ja, das ist so, und es ist nicht richtig. Man muss erst einmal sein Geld in das Geschäft investieren, langfristig denken, dann kann man sich auch mal was leisten. Das Auto ist nicht das Wichtigste.

Was fahren Sie?

Jetzt fahre ich einen BMW Mini. Vorher hatte ich einen Porsche Panamera.

Was ist passiert.

Nichts. Ich brauche den Porsche nicht mehr.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.