BerlinSusanne Henckel muss ein Lob loswerden. Auch wenn Corona Bahnen und Busse geleert hat, haben weniger Stammfahrgäste als erwartet dem Nahverkehr den Rücken gekehrt, freut sich die Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). „Wir sind froh und dankbar, dass der Großteil der Abonnenten den Verkehrsunternehmen die Treue gehalten hat. Die Einnahmen in diesem Bereich sind sogar gestiegen, im Stadtgebiet Berlin um rund 2,5 Prozent“, sagt Henckel im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nun werde geprüft, ob es für die Stammkunden wieder ein Dankeschön geben könnte – wie im September. Für die Zukunft denken die Tarifplaner darüber nach, welche neuen Fahrkartentypen es geben könnte. Stichwort: Homeoffice-Ticket.

Ein merkwürdiges Jahr geht zu Ende. Auch für den Verkehrsverbund, der im Auftrag der Länder, Landkreise und kreisfreien Städte den Nahverkehr koordiniert, war 2020 voller Herausforderungen. „Während des ersten Lockdowns im Frühjahr gingen die Fahrgastzahlen in Berlin und Brandenburg auf 20 bis 30 Prozent des Vorjahresstands zurück“, berichtet Henckel. „Im Sommer stellten wir eine Erholung fest. Inzwischen sind die Zahlen wieder gesunken. Im S-Bahn- und Regionalzugverkehr pendeln sie derzeit um die 60-Prozent-Marke.“

Auch wenn Fachleute davon ausgehen, dass der Nahverkehr kein Hotspot der Ansteckung ist, meiden viele Menschen Bahnen und Busse. Wer sie weiterhin nutzt, regt sich zu Recht darüber auf, wenn Mitreisende meinen, auf eine Mund-Nasen-Bedeckung verzichten zu müssen. Leidet darunter nicht das Image der Branche? „Es stimmt, dass der Nahverkehr viele frühere Nutzer an das Auto und das Fahrrad verloren hat“, sagt Susanne Henckel. „Ich glaube aber nicht, dass er langfristig einen Imageschaden erlitten hat. Nach dem Ende des ersten Lockdowns haben wir erlebt, dass die Zahl der Fahrgäste wieder deutlich angestiegen ist. Die Menschen sind wiedergekommen.“

Reicht es nun aus, einfach abzuwarten, bis auch der kommende Lockdown zu Ende geht? Nein, betont Henckel. Die Betriebe müssten zeigen, dass sie ihre Kundschaft im Blick haben – und sie sollten an Tarifangeboten arbeiten, die auf coronabedingte Veränderungen reagieren, meint sie. So soll es wieder „Mehrwert-Wochenenden“ geben, als Belohnung für die Stammkunden, kündigte sie an.

2021 gibt es wieder ein Dankeschön-Angebot für Stammkunden

Im September durften Abonnenten an Sonnabenden und Sonntagen sowie am autofreien Tag ihre Tickets im gesamten Verbundgebiet nutzen, also auch in ganz Brandenburg. „Vor allem die Berliner haben sich gefreut und das Angebot rege genutzt“, berichtet die VBB-Geschäftsführerin. „Jetzt prüfen wir, ob es 2021 eine weitere Aktion dieser Art geben sollte, um uns bei unseren Stammkunden ein weiteres Mal für deren Treue zu bedanken und ihnen das Signal zu senden, dass wir an sie denken. Darüber diskutieren wir jetzt mit den Verkehrsunternehmen. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“

Etwas einfallen lassen: Das gelte auch generell für die Palette der Tarifangebote. „Wir müssen etwas dafür tun, dass uns Kunden langfristig erhalten bleiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Tarifangebote brauchen, die den Veränderungen in der Arbeitswelt Rechnung tragen“, so Henckel. „Die Zahl der Pendler wird dauerhaft niedriger sein als vor der Pandemie. Viele Menschen arbeiten zumindest an einigen Tagen in der Woche zu Hause und fahren nicht mehr täglich ins Büro. Ihnen müssen wir neue Tickets anbieten, die auf diese neue Situation zugeschnitten sind und flexibel genutzt werden können.“ Die VBB-Chefin hat auch schon zwei konkrete Vorschläge.

Vorschlag Nummer 1: „Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, wenn wir weitere Arten von Mehrfahrtenkarten anbieten würden. Vier-Fahrten-Karten gibt es ja schon, digitale Zehn-Fahrten-Karten würden sicher ebenfalls auf Zuspruch stoßen“, sagt sie.

Vorschlag Nummer 2: „Für die kommenden Jahre müssen wir uns darüber unterhalten, ob es Zeitkarten mit flexiblen Geltungsbereichen geben könnte. Wenn jemand ausschließlich zu Hause arbeitet, aber im Kiez häufiger unterwegs ist, sollte es möglich sein, den Ticketbereich darauf zuzuschneiden“, sagt Henckel. Denkbar wäre ein flexibles digitales Ticket, das für Berufstätige im Homeoffice, die einen kleineren Bewegungsradius als früher haben, attraktiv sein könnte. „Aber hier sind noch viele Gespräche erforderlich“, hieß es. Vor 2022 werde es wohl nichts werden.

Foto:  dpa/ Kay NIetfeld
Haben alle ihre Maske auf? Kontrolle in einem Regionalzug in Berlin.

Bereits im kommenden Jahr könnte dagegen eine Neuerung Wirklichkeit werden, die Fahrgästen hilft, Abstand zu wahren. Für den Fernverkehr bietet die Bahn im Internet eine Auslastungsanzeige an. Wie voll wird der Zug sein? Sollte ich einen anderen Zug nehmen? So einen Service soll es auch für den Regionalverkehr im Verbundgebiet geben, sagt Susanne Henckel. „Über die VBB-App bekommen wir aktuelle Auslastungsdaten. Jedes Mal, wenn sich jemand informiert, wann dieser oder jener Zug fährt, wird das in anonymisierter Form registriert. Wir prüfen derzeit, ob wir eine Auslastungsanzeige basierend auf den Abfragedaten aus dem Routing in der VBB-App umsetzen können. Wie beim DB Navigator würden auf der App-Darstellung ein, zwei oder drei kleine rote Männchen erscheinen – je nachdem, wie voll der betreffende Zug ist. Ich hoffe, dass wir solche Anzeigen schon 2021 anbieten können.“

Vor allem außerhalb der Stoßzeiten gebe es aber meist genug Platz, so Henckel. Allein die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kalkulieren für dieses Jahr wie berichtet mit einem Einnahmerückgang von nicht weniger 190 Millionen Euro. Der nun beginnende Lockdown wird die Fahrgastzahlen weiter zurückgehen lassen. Wäre es da nicht sinnvoll, kaum genutzte Fahrten zu streichen?

Nein, entgegnet Susanne Henckel. „Wir wollen dafür sorgen, dass alle Menschen, die Bahn und Bus nutzen wollen oder müssen, sicher unterwegs sind. Sparerei hilft uns nicht“, sagt sie. „Wir bleiben bei dem Grundsatz, den wir schon während des ersten Lockdowns verfolgt haben: Das Fahrtenangebot wird nicht ausgedünnt. In den Bahnen und Bussen soll es genügend Platz geben, damit die Fahrgäste Abstand halten können. Der bestehende Fahrplan wird stabil gefahren. Dann können wir sagen: Der öffentliche Verkehr ist sicher – wenn Ihr Mund und Nase bedeckt.“

„Der Zug kostet, auch wenn er nicht fährt.“

Erst mal weiterfahren: Das gelte auch für den Flughafen-Express zwischen Berlin und dem BER. „Da gibt es nichts zu beschönigen: Über den gesamten Tag gerechnet sind die Züge im Durchschnitt nur zu 20 bis 30 Prozent ausgelastet. Wir schauen uns an, wie sich die Nachfrage entwickelt. Doch vorerst werden wir das Angebot erst einmal aufrechterhalten. Falls es wirklich notwendig sein sollte, es an einzelnen Stellen auszudünnen und Züge zu streichen, werden wir uns zuvor mit den Ländern abstimmen“, sagt Susanne Henckel. 

Warum ist es nicht möglich, Loks und Doppelstockwagen auf anderen Strecken einzusetzen - wo der Bedarf größer ist? „So einfach, wie sich manch einer das vorstellt, ist das nicht. Für jede Zugfahrt wird eine Trasse benötigt, die anderthalb Jahre vorher angemeldet werden muss. Und nicht auf jeder Strecke passen die Bahnsteiglängen zu den Zügen. Während des ersten Lockdowns haben wir erlebt, wie aufwendig selbst auf den ersten Blick einfache Umstellungen sind. Die Ferienfahrpläne, die in Kraft treten sollten, lagen fertig in der Schublade. Doch die nötigen Vorbereitungen dauerten zwei Wochen.“

„Natürlich wäre es grundsätzlich möglich, den Express abzustellen. Doch großartig sparen könnten wir nicht. DB Regio sowie die Infrastrukturunternehmen DB Netz und Station & Service hätten trotzdem Anspruch auf Zahlungen und Nutzungsentgelte. Der Zug kostet, auch wenn er nicht fährt.“ Weiterfahren – trotz Corona-Krise.