Berlin - Wenn man die Geldgeber der nächsten Berliner Milliardenunternehmen treffen will, muss man in die sechste Etage des Co-Working-Komplexes in der Friedrichstraße 68 kommen. Hier hat sich Cherry Ventures eingemietet; in der Szene gilt die Investmentfirma gerade als heißester Risikokapitalgeber Deutschlands. Um mehr als 1,5 Milliarden Euro hat der Wert der Unternehmen zugelegt, in die Christian Meermann, 33 Jahre, Daniel P. Glasner, 39 Jahre, und Filip Dames, 32 Jahre investiert haben. Es sind Mittdreißiger in Hemd und Jeans, die bis vor Kurzem noch selbst für Start-ups wie Zalando arbeiteten – und nun Berlins nächste Milliardenunternehmen finanzieren.

Meermann hat einst Zalando mit aufgebaut, den Online-Modehändler, der gerade einmal acht Jahre nach der Gründung zum Börsenunternehmen mit knapp drei Milliarden Euro Umsatz geworden ist. Er übernahm vor sechs Jahren Zalandos ganzen Marketing-Bereich. Vor zwei Jahren begann er dann, mit den Erlösen seiner Zalando-Anteile zu investieren, zusammen mit Filip Dames, einer anderen Zalando-Führungskraft der ersten Stunde.

Eines ihrer Investments: das Berliner Restaurant-Reservierungsportal Quandoo, das Daniel P. Glasner mitgegründet hatte. Im letzten Jahr verkaufte Glasner das Start-up für 200 Millionen Euro an eine japanische Beteiligungsgesellschaft. Mit einem Teil der Verkaufserlöse legt er nun zusammen mit Meermann und Dames einen 100-Millionen-Fonds auf, um Berlins nächste großen Internetkonzerne zu finanzieren.

Hochriskante Investments

Meermann, Glasner und Dames investieren immer schon in der sogenannten Frühphase. Sie geben Unternehmen eine erste Anschubfinanzierung. Für die Banken sind Kredite zu einem solchen Zeitpunkt viel zu riskant. Die überwältigende Mehrheit der Gründungen macht nämlich schon bald wieder dicht. Einen so rasanten Wertgewinn wie Meermann und seine Partner realisierten, schafft man nur, wenn man einige richtige Treffer landet – und Cherry traf gleich mehrmals.

Nicht nur das Reservierungsportal Quandoo war ein Hit. Das bislang erfolgreichste Cherry-Investment ist die Auto1-Gruppe. Das Unternehmen bewertet in über 20 Ländern Gebrauchtwagen und verbindet über seine Marktplätze Händler mit Verkäufern. In Deutschland betreiben sie etwa die Website Wirkaufendeinauto.de. Im Jahr 2012 gegründet, arbeiten inzwischen 400 Mitarbeiter allein in Berlin für das Gebrauchtwagenportal. Cherry Ventures investierte schon ganz am Anfang, inzwischen ist die Auto1-Gruppe offiziell über eine Milliarde Dollar wert, in der Szene wird mittlerweile sogar von 2,5 Milliarden Dollar gesprochen.

Immer mehr Fonds gründen sich

Doch es sind nicht nur die Auto1-Investoren die von dem Wertzuwachs profitieren, sondern auch neue Gründer. Denn die Auto1-Macher haben inzwischen schon ihren eigenen Fonds gegründet: Warpspeed Ventures. Nicht nur sie gehen in Berlin so vor. Starstrike Ventures nennt sich eine neue Berliner Investoren-Gruppe um die Gründerin des Online-Sexshops Amorelie. Mit „Saarbruecker21“ ist gerade eine neue Gruppe von Investoren aus früheren Rocket-Internet-Firmen hinzugekommen.

In der Szene wird längst von einer neuen Welle von Geldgebern gesprochen. Daniel P. Glasner beschreibt es so: „Es passiert genau das, was man vor vielen Jahren auch im Valley gesehen hat: Die ersten Verkäufe führen dazu, dass Leute zu Geld kommen und einen Teil des Geldes auch wieder ins Ökosystem investieren.“ So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. „Es ist wie ein Gewächs, bei dem aus jedem Zweig drei weitere entstehen. Jeder Erfolgsfall produziert neue Personen, die Expertise und Geld zurückinvestieren. Deshalb hat sich Berlin in den letzten Jahren so schnell entwickelt.“

Es ist eine Entwicklung, die 1999 mit dem Verkauf des Ebay-Klons Alando an das US-Original begann. Die Brüder Marc, Alexander und Oliver Samwer nutzten die Millionen aus dem Verkauf, um neue Firmen aufzubauen. Doch erst ab ungefähr 2007 begann sich ein Ökosystem von Start-ups herauszubilden – ein Netzwerk, das sich gegenseitig stärkt. Neben den Firmen der Samwer-Brüder befeuerte vor allem der Verkauf von Gate 5 an Nokia die Szene. Aus Gate 5 ist inzwischen das Milliarden-Unternehmen Here entstanden, das nun zu Daimler, Audi und BMW gehört. Die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet befeuerten in jüngster Zeit die Szene.

Rocket macht sich selbst überflüssig

Das Paradoxe ist: Mit der Gründung von Erfolgsunternehmen wie Zalando hat Rocket Internet dafür gesorgt, dass Gründer immer weniger auf das Inkubator-Modell der Start-up-Fabrik angewiesen sind, bei dem Gründer nur wenige Firmenanteile erhalten, dafür aber Zugang zu Entwicklern und den Ressourcen von Rocket Internet bekommen. Meermann sagt: „Vor fünf bis acht Jahren führte bei vielen Themen kaum ein Weg an Rocket vorbei. Es war unfassbar schwierig, gute Online-Marketing-Leute zu finden. Das haben wir in der Frühphase bei Zalando immer wieder gesehen. Bei Entwicklern war das genauso.“ Doch inzwischen habe sich die Lage stark verändert. „Nun haben Unternehmen wie Zalando oder Delivery Hero und viele andere auch große Kapazitäten aufgebaut. Das sind Leute, die nun das Ökosystem bereichern.“ Es ist Personal, das neue Start-ups abwerben können.

Die Folge: Das Inkubator-Modell habe für Gründer an Reiz verloren, sagt Meermann. „Wir glauben, dass die besten Gründer nicht mehr mit einem Inkubator wie Rocket gründen, weil sie zu Recht das Selbstbewusstsein aufbringen, dass sie das auch selber hinbekommen. “

Es sind genau die Gründer, die Cherry anziehen will. Und sie reizt nicht nur das Know-how der Cherry-Investoren: Während die Gründer bei Rocket meist weniger als drei Prozent an ihrem eigenen Unternehmen erhalten, nimmt Cherry Ventures nur 10 bis 15 Prozent der Anteile und finanziert die Unternehmen dafür in der ersten Runde mit 250 000 bis 800 000 Euro – viel mehr als die meisten Frühinvestoren, die üblicherweise eher Summen bis zu 100 000 Euro investieren. Das Ergebnis: „Die Finanzierungsrunde steht schneller und fällt größer aus, was den Start-ups mehr Raum verschafft, gute Ergebnisse zu produzieren, bevor die Folgefinanzierung verhandelt wird,“ sagt Meermann.

Auch damit nähert sich Berlin dem Valley an, wo den Start-ups schon immer mehr Geld zur Verfügung stand. Glasner ist ohnehin überzeugt, dass es in Europa keinen besseren Ort gibt, ein Start-up zu gründen. Er sagt: „Berlin ist der stärkste Tech-Hub in Europa und vielleicht sogar außerhalb des Silicon Valleys.“ Glasner prophezeit: „Die größten und erfolgreichsten Unternehmen außerhalb des Silicon Valleys werden in Berlin entstehen.“