Die Beuth siegte: Mit zehn Minuten Vorsprung gewann die erste eigenständig in Deutschland entwickelte und bei Borsig in Berlin gebaute Lokomotive das Wettrennen von Berlin nach Jüterbog am 21. Juli 1841 gegen die britische Stevenson-Lok. Ein historischer Durchbruch für die deutschen Technik, die im Vergleich zur französischen und britischen in argem Rückstand gelegen hatte. Borsig benannte sein Spitzenprodukt nach Christian Peter Beuth (1781–1853) – aus guten Gründen.

Ob die enormen Verdienste den Wirtschaftsreformer Beuth heute aber davor schützen können, in Acht und Bann geschlagen zu werden, steht noch nicht fest. Ein Archivfund, der ihm Judenfeindlichkeit nachweist, könnte ihn von diversen Denkmalsockeln stürzen.

Er war der Mann der Stunde für Preußens Wirtschaft

Beuth war weder Fabrikant noch Erfinder oder Eisenbahnkönig. Wohl aber ein begnadeter Wirtschaftsorganisator, Groß-Manager und begeisterter Kommunikator in Staatsdiensten mit Weitblick, Innovationsfreude und praktischem Sinn. Er war der Mann der Stunde für Preußens Wirtschaft, die im 18. Jahrhundert in agrarisch-feudalen Strukturen eines Militär- und Beamtenstaats feststeckte. Beuth half über die Schwelle zum modern organisierten, bürgerlichen Industriestaat, vom Merkantilismus zum Liberalismus.

Er arbeitete mit vorbildlichen Methoden: Austausch, Organisation, Wissensvermittlung; unermüdlich förderte er Innovationen. 25 Jahre lang war Beuth der für die Gewerbepolitik verantwortliche leitende Beamte in Preußen.

Geboren im niederrheinischen Kleve, studierte Beuth Rechts- und Kameralwissenschaften in Halle/ Saale, der ersten preußischen Universität, die im Sinne der Aufklärung lehrte. Die Gründung der Berliner Universität lag noch in der Ferne. Ab 1801 stand er unter dem Einfluss der beiden wichtigsten preußischen Staatsreformer: Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein sowie Karl August Fürst von Hardenberg.

1819 wurde Beuth Direktor der Technischen Deputation für das Gewerbe. Diese Vereinigung von Beamten, Bürgern, Wissenschaftlern und Unternehmern strebte nicht mehr bloß abstrakte Gelehrsamkeit an, sondern die praktische Anwendung technischer Erfindungen. So sollten Industrie und Wirtschaft international konkurrenzfähig werden.

Dafür machte sich Beuth auch zum Wirtschaftsspion und Technologie-Abzieher, so wie man es gegenwärtig der aufstrebenden chinesischen Industrie zuschreibt. Er bereiste Großbritannien, Frankreich und die Niederlande, sammelte Zeichnungen, Modelle und Teile von Anlagen sowie Maschinen. Daheim prüfte er seine Beute auf Verwendbarkeit und deren Potenzial für Weiterentwicklung.

Erziehung zur Industrie

Obendrein organisierte er „technologische Reisen“ von Staatsbeamten und Unternehmern in jene fortschrittlichen Länder. In England ließen viele Fabriken die preußischen Besucher bald nicht mehr ein, so versuchte man es eben mit Bestechung. Einmal beschafftes Know-how sollte dann allen Gewerbetreibern zugänglich sein. Beuth gilt als Wegbereiter des heutigen deutschen Patentrechtes, das zwar eine Schutzfrist, also ein zeitlich begrenztes Monopol für den anmeldenden Erfinder (nicht für den Unternehmer) vorsieht – zur „Ermunterung und Belohnung des Kunstfleißes“, wie Beuth sagte. Nach Fristablauf wird das Wissen aber allgemein nutzbar.

Ein zentraler Punkt war die Schaffung eines praxisorientierten technischen Schulwesens. 1821 gründete Beuth das Berliner Gewerbe-Institut zur Ausbildung von Zivilingenieuren für den privaten Maschinenbau. Parallel begründete er den Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen als Zentrale des Austausches für Unternehmer, Erfinder, Künstler, Wissenschaftler, Architekten und Beamte. Dort wurden im Geiste der Selbsthilfe und Gemeinnützigkeit Projekte erdacht, die Initiative ging von den Bürgern aus, der Staat hatte den Rahmen zu schaffen. Als Vereinsvorsitzender brachte Beuth eine der ersten technischen Zeitschriften in Deutschland auf den Weg; die wichtigste, die „Verhandlungen“ des Vereins, erschien von 1822 bis 1930.

Man könnte endlos schwärmen angesichts der Leistung, und tatsächlich klingen die Biografien bislang nach Anbetung. Aber auch Beuth war kein Heiliger, sondern geprägt von Denkmustern seiner Zeit – und er war ein politisch einflussreicher Akteur.

Judenhass in der Tischgesellschaft

Anders als seine Lehrmeister Stein und Hardenberg wandte er sich gegen die im Zuge der preußischen Reformen durchgesetzte Emanzipation der Juden. Ganz im antisemitischen Geiste Martin Luthers hegte der Protestant Beuth massive Vorbehalte und klang ganz ähnlich wie zur gleichen Zeit Caroline von Humboldt. Während ihr Mann, Wilhelm von Humboldt, die rechtliche Gleichstellung der Juden vorantrieb, meinte die ansonsten sehr fortschrittliche Dame: Die Juden bedienten sich ihrer Bürgerrechte nur zum Schachern und Handeln; sie seien „ein Flecken der Menschheit“.

Beuth zog schärfer über Juden her, besonders krass in einer Tischrede, die er 1811, noch als 30-jährige Möchtegerngröße, vor der Deutschen Tischgesellschaft hielt – einem Verein, der nur Christen zuließ und in dem die geistige Elite, Bürgerliche wie Adlige, der preußischen Hauptstadt vertreten war, darunter Antisemiten wie Brentano und Arnim, aber auch Schinkel.

Der Historiker Stefan Nienhaus fand das vollständige Manuskript von Beuths Rede in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Jagellionischen Universität in Krakau. Ein übler Text. Beuth erwägt darin die Folgen einer Gleichstellung von Juden, zum Beispiel, ob ein Jude als Patronatsherr eines Gutes dann auch den dortigen Priester bestelle (ein Recht, das traditionell dem Gutsherren oblag), und er spekuliert, wie solch ein christlicher Priester Beschneidungen an den männlichen Kindern seines jüdischen Gutsherren vornehme: „… da von ihm nicht zu verlangen ist, dass er das Beschneiden versteht: so wird das verbluten und verschneiden manchen Judenjungens die wahrscheinliche und wünschenswerte Folge davon Sein.“ Achim von Arnim applaudierte, Karl August Varnhagen von Ense befand: „Pöbelhaft und schal. Traurige Verirrung!“

Sicherlich sind die Umstände zu bedenken: Auf diesen Männertreffen aß man gut und trank viel. Vom Tischredner erwartete man Spektakel, satirisch Deftiges. „Die Festlegung auf den Scherz über Philister und Juden provozierte zwangsläufig Steigerungsformen, wenn die Kommunikation fortgesetzt werden sollte“, sagt Stefan Nienhaus dazu. Erklärtes politisches Ziel der Tischgesellschaft war es, die Judenemanzipation zu torpedieren. Sich Qual und Tötung von Juden auszumalen, gehörte zum Standardrepertoire.

Als Mitglied des Preußischen Staatsrates trat Beuth sachlicher auf: Da er die Judenemanzipation nicht verhindert konnte, versuchte er, sie abzuschwächen. Er fand, man solle unterscheiden zwischen „zivilisierten“ West-Juden und zurückgebliebenen Ost-Juden. Letztere sollten weniger Rechte haben. Das gelang ihm nur zu kleinen Teilen.

Ambivalenzen des Fortschritts

Nun stellt sich die Berliner Beuth-Hochschule die Frage, ob man einen solchen Mann im Namen tragen soll. Seit einem Jahr wird auf hohem Niveau diskutiert. Im Juni trugen Hochschulmitglieder auf einer Konferenz ihre Positionen vor. Extrem äußerte sich Achim Bühl, Professor für Soziologie der Technik, der einen „exterminatorischen Antisemitismus“ erkennt und eine Linie von Beuth zum Holocaust zieht.

Die Historiker Jörg Rudolph und Christian Schößel warben als Gutachter der Hochschulleitung für ein Einbetten des Urteils in die Umstände der Zeit und die Verdienste Beuths, ohne dessen verstörende Worte zu verharmlosen. Sie sprechen sich gegen eine Tilgung des Namens aus. Hochschulpräsidentin Monika Gross kündigte auf der Konferenz einen gründlichen Diskussionsprozess an, an dem die ganze Hochschule beteiligt werde. Vor allem geht es ihr um Information.

Für Studenten wie Mitarbeiter bietet sich nun im kommenden Jahr die Chance zum Nachdenken über die Ambivalenzen des Fortschritts, darüber, wie auffällig oft gerade dieser zu hasserfüllten Reaktionen führt. Wie erklärt sich Beuths Widerstand gegen die in Aussicht stehende gelingende Emanzipation der Juden? Offenbar sah er mit der Befreiung der Juden von alten Fesseln Konkurrenz für das von ihm betriebene Vorankommen des christlichen Bürgertums.

Vieles spricht dafür, dass Beuth keine „Identifikationsgestalt“ sein kann, aber ein ideales Beispiel für die widersprüchlichen Prozesse in der deutschen Gesellschaft, die 130 Jahre später in die Shoah führten.