Zwei Menschen schwenken 30 Jahre Mauerfall zwei Flaggen vor dem Brandenburger Tor.
Foto: Christian Schulz

BerlinWie für ihn die Nacht der Nächte begann, weiß Christian Schulz noch genau. Er sei von seinen damaligen Chefs bei der taz geschickt worden, sagt der 58-Jährige, der seit vielen Jahren regelmäßig für die Berliner Zeitung fotografiert. Also ging er los und hielt den zeitgeschichtlichen Moment in zahllosen Bildern fest. Jetzt, 30 Jahre danach, sei vom Zauber des 9. 11. 1989 jedoch fast nichts geblieben, sagt er.

Christian, weißt du noch, wo du am 9. November 1989 zuerst hingegangen bist?

Zum Checkpoint Charlie. Die taz-Redaktion lag ja gleich um die Ecke. Am Potsdamer Platz war ich erst später. Am Checkpoint Charlie bin ich auf eine Mauer an der Seite des Grenzübergangs geklettert und habe mir alles angeguckt. Ich mochte und mag eigentlich keine Massenansammlungen. Viele an dem Abend waren ja euphorisch. Das trifft es bei mir nicht so ganz, aber beeindruckend war es schon.

Es gibt viele Bilder von dem Abend, für die Fotografen weit oben gestanden haben, um möglichst Überblick zu haben, die Massen zu zeigen. Wie hast du gearbeitet?

Ganz anders. Mir ist es immer wichtig, alle Facetten festzuhalten. Man muss die Gesichter zeigen, die Körper, wie sie sich zueinander verhalten. Ich stand also auf dieser Mauer, als die Menschen vor und hinter mir die Grenze passierten. Zum Glück war meine Mauer nicht so hoch, vielleicht zwei Meter. So war ich nah dran.

Foto: Mike Fröhling/Berliner Zeitung
Zur Person

Christian Schulz kam 1981 als 20-Jähriger aus dem Sauerland nach West-Berlin. Hier fotografierte er Ereignisse, Menschen und die Start mit ihrer alternativ-punkigen Hausbesetzerszene, deren Konzerte und Partys. Aus den 80ern stammen auch die Bilder aus seinem Buch "Die wilden Achtziger. Fotografien aus West-Berlin", erschienen 2016 im Lehmstedt Verlag. Am Tag, als die Mauer fiel, war Christian Schulz in der Stadt unterwegs. Damals fotografiert er in Schwarz-Weiß. Die Berliner Zeitung hat ihn gebeten, genau 30 Jahre danach, erneut mit seiner Kamera die Stimmung in der Stadt einzufangen.

Die Frage klingt jetzt doch sehr allgemein, aber: Was hat sich denn für dich verändert in den vergangenen 30 Jahren?

Meine Arbeitsmöglichkeiten haben sich natürlich enorm verbreitert. Obwohl ich mich daran erinnern kann, dass ich bereits vor dem Mauerfall, es wird etwa Oktober 1989 gewesen sein, im Auftrag der New York Times einen Jugendclub in Köpenick fotografiert habe. Wie ich an den Auftrag gekommen bin, weiß ich heute aber gar nicht mehr. Aber nach dem Mauerfall ging’s richtig los, auch mit Aufträgen für den Stern und so. Das wäre ohne den Mauerfall sicherlich nicht so einfach gewesen. Ich habe durch den Mauerfall mit Ost-Berlin und der DDR eine Welt entdeckt.

Du bist Anfang der 80er-Jahre nach West-Berlin gezogen. Warst du vor dem Auftrag in Köpenick mal im Osten und hast dort vielleicht auch fotografiert?

Ich war zwar drüben, habe aber tatsächlich so gut wie nicht fotografiert. Das ist eigentlich schade, aber es gab immer so eine Angst, dass das verboten ist.   Dabei hat mich der Osten schon interessiert. Ich habe mich immer gefragt, warum er immer so grau dargestellt wird. Das konnte doch nicht stimmen. Als ich dann das erste Mal drüben war, war ich überrascht, dass es tatsächlich so grau war. Obwohl: West-Berlin war auch grau, aber mit Coca-Cola-Reklame dazwischen.

Und wenn wir jetzt über Berlin in den vergangenen 30 Jahren sprechen: Wie hat sich die Stadt verändert?

Sie ist extrem hässlich geworden. Viele tolle Orte sind verschwunden und mit Funktionsarchitektur zugeknallt worden. Wenn man sich die Gegend um den Hauptbahnhof anschaut, oder das, was rund um die große Arena am Ostbahnhof gebaut wird: Das ist einfallslos und hässlich.

Nun warst du auch in den vergangenen Tagen in der Stadt unterwegs. Wie vor 30 Jahren also. Wie ist es dir ergangen?

Die Stimmung ist natürlich ganz anders. Ich habe den Eindruck, dass in erster Linie Touristen die Feierlichkeiten besuchen. Klar waren wieder viele Menschen auf den Straßen, aber ich habe nicht diese Mischung aus Irritation, Überforderung, Freude und Übermut erlebt. Wie auch?