Der Fernsehturm gilt als das Berliner Wahrzeichen schlechthin, als ein Symbol mit Strahlkraft, schon beim Landeanflug aus dem Flugzeug zu sehen – und für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator nicht zu besichtigen. Ihnen ist es verboten, in die Silberkugel hinauf zu fahren, weil es im Notfall keine Fluchtwege für sie gäbe. Sie können nicht teilhaben am Ausblick – ein kleines Beispiel, eine von vielen Beschränkungen im Alltag von Berlinern mit Beeinträchtigung. Christine Braunert-Rümenapf soll sich in Zukunft um ihre Anliegen kümmern. Sie ist die neue Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung und wurde am Freitag vorgestellt.

Inklusive Schulen, barrierefreie Verkehrsmittel, öffentliche Toiletten, behindertengerechte Wohnungen – die Aufgabe, vor der die 55-jährige Braunert-Rümenapf steht, ist groß. In naher Zukunft werden die neuen Schulen auf ihre Agenda rücken, die in allen Bezirken entstehen sollen. „Eine Arbeitsgruppe hat sich mit den Anforderungen an Barrierefreiheit beschäftigt“, sagt die neue Behindertenbeauftragte, die das Amt von Jürgen Schneider übernimmt. „Die Schulen brauchen mehr Fläche: Ruheräume, Therapieräume und auch Räume, um Schüler mit Behinderung von anderen zu trennen.“ Es gelte nun, die Anforderungen umzusetzen.

Streit gibt es auch um das neue Konzept für öffentliche Toiletten. Das Land hat den Vertrag mit dem Stadtmöblierer Wall, der die Häuschen an 228 Standorten betreibt, gekündigt. Per Ausschreibung wird nun ein neuer Betreiber gesucht, die Behindertenbeauftragte fürchtet um die Barrierefreiheit unter dem neuen Hausherren. „Für viele der rund 600.000 Berliner mit einer amtlich festgestellten Behinderung ist es elementar, die Toiletten kostenfrei zu nutzen“, sagt Braunert-Rümenapf. Ihrer Meinung nach reichen die 130 Millionen Euro, die im Nachtragshaushalt für die neuen Toiletten reserviert sind, nicht aus.

Kontakt mit Behinderten suchen

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) versucht, die Wogen zu glätten: „Barrierefreiheit ist ein Kriterium in der Ausschreibung, warten wir ab, wer sich da womit bewirbt.“ Auch die Senatorin erkennt, dass die Bandbreite der Bedürfnisse groß ist. „Zum Beispiel Sehbehinderte, Gehörlose, Rollstuhlfahrer, Lernbehinderte, Kinder mit Down-Syndrom, ihre Familien – sie alle haben völlig unterschiedliche Bedarfe.“ Berlin sei beim Thema Inklusion verglichen mit anderen Städten weit vorangeschritten. „Dennoch sind wir weit davon entfernt, eine inklusive Stadt zu sein.“

Behindertenverbände mahnen, auch Probleme ins Visier zu nehmen, die weniger offensichtlich als eine fehlende Rollstuhlrampe sind. „Vielen Menschen sieht man ihre Beeinträchtigung überhaupt nicht an“, sagt Christiane Müller-Zurek, Sprecherin der Lebenshilfe, die Menschen mit Behinderung im Alltag unterstützt. Das wichtigste, was die neue Landesbeauftragte zu leisten habe, sei, den Kontakt mit den Behinderten selbst zu suchen. „Nicht über sie zu sprechen, sondern mit ihnen“, sagt Müller-Zurek. „Sie wissen besser als Vertreter oder Funktionäre, was sie brauchen.“

Und der Fernsehturm? Bauexperten sagen, dass man ihn abreißen und neu errichten müsste, um Barrierefreiheit zu gewährleisten. „Der Fernsehturm wurde Anfang der 60er-Jahre geplant“, steht auf der Website des Towers. „In dieser Zeit war man Menschen mit Behinderung gegenüber noch nicht so aufgeschlossen.“ Auch wenn die Aufgabenliste von Christine Braunert-Rümenapf noch lang ist – wenigstens das ist heute zum Glück schon anders.