Lederkerle mit Sektgläsern, smarte Burschen in knappen Höschen, Frauen in enger Polizeiuniform: Hunderttausende Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle feierten am Sonnabend den 35. Christopher Street Day (CSD) in Berlin. Auch etliche solidarische Heten, wie die heterosexuellen Mitfeiernden im Szene-Jargon genannt werden, waren dabei. Was auffiel: Nachdem die Paraden der vergangenen Jahre von einer rauschhaften Ballermann-Stimmung geprägt waren, kehrte in diesem Jahr das Politische in die Parade für die gesellschaftliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen zurück. Das lag an der CDU und an Russland.

Die Berliner CSD-Veranstalter hatten die Christdemokraten in diesem Jahr ausgeladen. Sie durften nicht wie in den Vorjahren mit eigenen Wagen am Umzug teilnehmen. Begründet wurde dies mit den jüngsten CDU-Beschlüssen gegen die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Allerdings fuhren etwa 80 junge CDU-Mitglieder auf dem mit orangen Ballons geschmückten Wagen der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) mit. Am Wagenende versteckt klebte ein kleines CDU-Logo. Zu deutscher Schlagermusik bemühten sich die meist homosexuellen CDU-Männer als „Muttis Gayle Truppe“ um tolle Partystimmung und lächelten zu den Zuschauern. Das nützte nicht viel. Die Demonstranten zeigten den christdemokratischen Homosexuellen oft Missachtung, unfreundliche Handzeichen und Buhrufe.

Haltung de CDU stößt auf klare Ablehnung

An der CDU-Bundeszentrale in der Klingelhöferstraße stoppte die Parade, es gab lauten Protest mit Tröten und Vuvuzelas. Aktivisten kritisierten die Politik der Bundespartei. „Angela Merkel kann ich nicht mehr wählen“, sagte ein Mann Mitte 50, der ein enges rotes Kleid und Plateauschuhe trug, mit denen er nicht gut laufen konnte. Auf Transparenten stand: „Falscher Dampfer, Frau Merkel“ und „Ehe-Verbot für CDU/CSU-Mitglieder.“ CSD-Besucherin Julia Huth sagte: „Ich finde es gut, dass die CDU ausgeladen wurde. Es tut keinem weh, wenn wir als Lesben die gleichen Rechte bekommen wie heterosexuelle Paare.“

Manche CDU-Politiker kamen trotzdem. Der Berliner Generalsekretär Kai Wegner und die Bundestagsspitzenkandidatin Monika Grütters fuhren auf dem Wagen der LSU mit, Fraktionsvize Stefan Evers feierte als bekennender Homosexueller sowieso mit. „Von unserer Berliner Landespartei erfahren wir durchaus Unterstützung“, sagte der Berliner LSU-Chef Martin Och. SPD, Linke, Grüne, FDP und Piraten fuhren mit eigenen Wagen mit, es ist schließlich Wahlkampf. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), mit Sonnenbrille und Strohhut, und SPD-Landeschef Jan Stöß warfen Kondome in die Menge.

Der Protest des CSD richtete sich auch gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine homophobe Politik. „Liebesgrüße nach Moskau“, stand auf Transparenten. „Wir dürfen nicht nur an unsere Rechte in Deutschland denken, sondern auch an unsere Brüder und Schwestern in Russland“, sagte eine Frau mit Putin-Plakat. Das Bild zeigte Putin mit Lippenstift.

Solidarität kam aus den Niederlanden. Botschafter Marnix Krop feierte mit homosexuellen Soldaten. Zu ihnen gehörte Mees Soffers. Sie ist nach einer Geschlechtsumwandlung die erste offen als Transgender lebende Soldatin der Welt.