Berlin - Bis vor einem Jahr war der schwullesbische Christopher Street Day eine feste Größe des Berliner Frühsommers. Der CSD galt neben dem Karneval der Kulturen als letzte verbliebene Großparty auf den Straßen der Stadt. Einmal im Jahr ziehen spärlich bekleidete Schwule und Lesben auf dicken Lastern bei höllenlauter Technomusik tanzend durch die Stadt – und am Straßenrand feiern Hunderttausende Zuschauer mit und bekräftigen damit Berlins Ruf als Hort der Toleranz. Doch jetzt wird der Riss durch die homosexuelle Community immer tiefer – und um die Macher der neuen „Stonewall CSD Parade 2014“ wird es immer einsamer. Am Dienstag hat die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) QueerGrün der Grünen mitgeteilt, dass sie nicht an dem Umzug teilnehmen werden. Damit hat sich nach SPD und CDU auch die dritte im Abgeordnetenhaus vertretene Partei verabschiedet. Die Linke will in zwei Wochen entscheiden.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und wiederholt Gespräche mit dem CSD-Vorstand über das umstrittene Konzept geführt – leider ohne Erfolg“, sagt LAG-Sprecher Ulli Reichardt. Nach monatelangen Diskussionen über die umstrittene Namensänderung der Parade mit dem Verein, seinen Mitgliedern und in der Community entschied die LAG nun, der Veranstaltung fern zu bleiben.

Die Absage ist ein weiterer Tiefschlag vor allem für CSD-Geschäftsführer Robert Kastl. Dieser hatte den Umzug zunächst in (den international üblichen Namen) Stonewall Parade umbenannt, später aber nach Protesten als vermeintlichen Kompromiss den in Berlin bestens eingeführten Namensbestandteil CSD hinzugenommen. Vor allem aber, sagen seine Kritiker, setzte Kastl eine noch stärkere Kommerzialisierung durch. Markenrechte an dem Umzug sollten wichtiger werden, die politische Komponente der immerhin als Demonstration angemeldeten Straßenparty dahinter mehr und mehr verschwinden.

Der Hauptvorwurf ist, dass Kastl diese Änderungen quasi im Alleingang durchgesetzt habe. Der Geschäftsführer des ausschließlich zur Durchführung der Parade gegründeten CSD-Vereins habe sich über Bedenken hinweggesetzt. Zwar sei es in Ordnung, dass Kastl als Geschäftsführer ein angemessenes Gehalt fordere, das er durch die erhöhten Gewinne auch locker werde bezahlen können. Aber: „Es entspricht nicht unserem Demokratieverständnis, wenn die Wünsche und Sorgen der Community ignoriert werden“, sagt Maria Meisterernst, Sprecherin der LAG. „Alle Versuche, die geplanten Veränderungen auszusetzen, um mit allen Beteiligten über das weitere Vorgehen zu diskutieren, wurde von den Verantwortlichen leider abgelehnt“, bedauert Meisterernst, deren Partei seit langem Mitglied im CSD-Verein ist.

Anja Kofbinger, queerpolitische Sprecherin der Fraktion, trägt die Konfrontation mit. Ideen, etwa eine Konkurrenzveranstaltung auf die Straße zu bringen, hält sie aber für „keine gute Idee“. Eine Spaltung könne sie in dem Streit im Übrigen nicht erkennen. „Eher einen Neuanfang. Mit vielen Diskussionen, aber dann wohl ohne Robert Kastl.“ Dieser habe erkennen lassen, dass er sich von seinem Weg nicht abbringen lasse. „Dann geht’s wohl nur ohne ihn“, sagt Kofbinger.
Was sie denn am Paraden-Tag, dem 21. Juni, zu tun gedenke? „Vielleicht fahre ich an einen der vielen schönen Seen in Brandenburg.“